Noch gibt es in Böblingen eine Polizeidirektion. Foto: factum/Archiv

Die Böblinger Polizeischule wird geschlossen. Die Direktion gibt es bald nicht mehr. Die Einsatztruppen der Bereitschaftspolizei werden abgezogen.

Böblingen - Ludwigsburg - Bei den Polizisten an der Basis rumort es gewaltig. „Viele Beamte sind zutiefst verunsichert. Sie wissen nicht, wie es für sie weitergeht“, sagt Joachim Lautensack, der Landesvorsitzende der deutschen Polizeigewerkschaft, die rund 13 000 Mitglieder in Baden-Württemberg hat. Der Grund für die Unruhe: die Polizeireform, die offiziell am 1. Juli 2013 in Kraft treten soll und die die bisherigen Strukturen komplett unkrempeln wird. „Wir hätten uns eine etwas sensiblere Umsetzung gewünscht, keine Reform, bei der alles zerschlagen wird“, sagt Lautensack.

Die ersten Auswirkungen dieser Zerschlagung machen sich schon jetzt bemerkbar. Die bisher geltenden Hierarchien sind außer Kraft gesetzt. Auskunftsberechtigt zu Fragen der Reform sind nur die jeweiligen Projektleiter, die unter Umständen weit entfernt von den betroffenen Standorten sitzen. Im Fall der Bereitschaftspolizei Böblingen beispielsweise an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen.

Der Kreis Böblingen gehört zu den Verlierern

Es gibt bei der Reform Gewinner und Verlierer. Der Kreis Böblingen gehört eher zu Letzteren: die Polizeidirektion wird mit der Ludwigsburger zu einem Präsidium in der Barockstadt verschmelzen. Die Einsatztruppe der Bereitschaftspolizei wird abgezogen, ihre Schule dicht gemacht.

Die verantwortlichen Projektleiter bemühen sich trotz dieser Verluste um eine harmonische Sprachregelung. Von Gewinnern und Verlierern will Frank Rebholz, der leitende Polizeidirektor in Ludwigsburg und Projektleiter für die Fusion der Standorte Böblingen und Ludwigsburg, nicht sprechen. „Das ist keine feindliche Übernahme. Wir arbeiten gemeinsam und kollegial an der Umsetzung der Reform.“

Viele Details der vom Innenministerium vorgegebenen Konzeption haben die Böblinger und Leonberger bereits festgezurrt – allerdings müssen diese noch vom Ministerium abgesegnet werden: Die Verwaltung für beide Direktionen mit momentan 800 Beamten und Angestellten in Böblingen und knapp 1000 in Ludwigsburg wird in Ludwigsburg angesiedelt. Der Sitz der Kriminalpolizei kommt dafür nach Böblingen. Die Kripo wird künftig acht statt bisher vier Abteilungen haben. Die sogenannten Kriminalinspektionen werden umstrukturiert, außerdem kommen zwei neue für Cyberkriminalität und politische Straftaten hinzu. Nicht alle acht Inspektionen werden in Böblingen angesiedelt sein. „Wir knobeln momentan noch an der Aufteilung“, sagt Frank Rebholz. „Es wird auch Straftatbereiche geben, bei denen es sinnvoll ist, in jedem Kreis eine Abteilung zu haben.“ Andere Arbeitsbereiche wie die Kriminaltechnik könnten hingegen zentralisiert werden.

Krimildauerdienst kommt nach Leonberg

Für die Bearbeitung aktueller Fälle wird in Leonberg ein Kriminaldauerdienst eingerichtet, der rund um die Uhr besetzt ist. „Leonberg liegt genau in der Mitte des künftigen Präsidiumsgebiets. Es macht daher Sinn, den Dienst dort anzusiedeln“, so Rebholz. Dieser wird die bisherigen Ruf­bereitschaften der Beamten ersetzen. Die Verkehrspolizei wird ihren Sitz außerhalb beider Kreise beim Autobahnpolizeirevier Stuttgart-Vaihingen bekommen, ob das Ditzinger Revier erhalten bleibt, ist offen.

Die jetzige Polizeischule der Bereitschaftspolizei wird geschlossen. Künftig werden die jungen Beamten an landesweit zwei Standorten – in Lahr und Biberach – ausgebildet. Am Böblinger Standort soll stattdessen ein Institut für Fortbildung entstehen, das organisatorisch zur Polizeihochschule Villingen-Schwenningen gehört. Dazu müssen zuvor die bestehenden Gebäude umgebaut werden.

Bald gibt es nur noch eine Notrufzentrale

Die beiden Notrufzentralen sollen in Ludwigsburg zentralisiert werden. Mehr als 70 000 Notrufe im Jahr verzeichnet das Ludwigsburger Führungs- und Lagezentrum, das durchgehend mit drei Beamten besetzt ist. 45 000 Anrufe sind es in Böblingen. Momentan arbeiten dort mindestens zwei, an Wochenenden drei Polizisten. Im künftigen gemeinsamen Lagezentrum hofft man mit vier bis fünf Diensthabenden pro Schicht auszukommen. „Für die Anrufer ändert sich nichts. Die merken nicht, ob ihr Notruf in Böblingen, Ludwigsburg oder woanders landet“, sagen Rebholz und sein Böblinger Kollege, der Nochpolizeichef Rudi Denzer.

Für die Polizeibeamten und die zivilen Angestellten der Polizei ändert sich hingegen viel. Viele werden von ihrem jetzigen Dienstort an einen viele Kilometer entfernten Einsatzort wechseln müssen. Die große Herausforderung, vor der die Polizei nun steht, ist, diesen Wechsel „sozialverträglich zu organisieren“, sagt Rebholz. Dazu werden die Mitarbeiter Anfang 2013 befragt werden. In einem sogenannten Interessenbekundungsverfahren können sie äußern, wo und in welcher Position sie arbeiten möchten. Alle Wünsche werden jedoch nicht erfüllt werden können.

Besonders schwierig werde es für die Angehörigen der Bereitschaftspolizei, sagt der Gewerkschaftschef Lautensack „Diese haben ja eine Übergangsfrist bis 2016. Bis dahin werden viele attraktive Stellen in den anderen Bereichen längst besetzt sein.“

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