Gewalt wird zu einem bestimmenden Thema in Stuttgart. Es ist das Jahr mit schießwütigen Gruppierungen, neuen Messerverboten, Eritrea-Krawall, Nahostkonflikten und Drohungen. Aber es gab auch nette Begebenheiten.
Als ob die Weltlage mit dem Krieg in der Ukraine oder um den Gazastreifen nicht schon explosiv genug wäre. Auch in der Landeshauptstadt ist 2023 ein Jahr voller Alarme. Ein Rückblick auf einige besonderen Momente an Stuttgarts Tatorten und Schauplätzen.
Doppelmord bleibt ungesühnt
Es brennt, und die Feuerwehr darf nicht helfen: Ein Drama spielt sich am 28. Februar am Wilhelm-Geiger-Platz in Feuerbach ab. In einer Dachgeschosswohnung ist ein Feuer ausgebrochen, doch die Wehrmänner werden vor der Tür von einem 45-Jährigen aufgehalten. Er ist blutverschmiert und hat zwei Messer in der Hand. Erst als ein Polizeibeamter einen Warnschuss abgibt, können die Rettungskräfte an den Brandort. Doch für eine 54-jährige Frau und einen 32-Jähriger kommt das zu spät. Sie sterben an Stichverletzungen. Der 45-Jährige landet in Haft.
Über sein Motiv wird nichts mehr zu erfahren sein. Zwar hat die Staatsanwaltschaft Ende Mai Anklage erhoben – „wegen zwei Verbrechen des Mordes sowie einem Verbrechen der schweren Brandstiftung“, wie Staatsanwaltssprecher Aniello Ambrosio mitteilt. Doch im Juli setzt der Beschuldigte im Gefängnis seinem Leben ein Ende. Ein Fremdverschulden wird nicht festgestellt.
Schwangerschaft als Tatmotiv
Die Mordkommission bekommt es 2023 mit weiteren Tötungsdelikten zu tun – und kann alle aufklären. In der Türlenstraße im Stuttgarter Norden wird am 23. August in einem Wohnheim in Zimmer 1109 die Leiche einer 32-jährigen angehenden Krankenpflegerin gefunden – sie wurde bereits am 21. August mit mehreren Messerstichen getötet.
Die Ermittler stoßen auf ihren Ex-Freund, einen polizeibekannten, verheirateten 39-Jährigen aus Schwäbisch Gmünd. Sie glauben auch sein Motiv zu kennen: Die Frau habe angeblich ein Kind von ihm erwartet, und der habe keinen Unterhalt zahlen wollen, heißt es. Für die Staatsanwaltschaft ist damit ein Mordmerkmal erfüllt: Habgier. Die sei auch dann gegeben, wenn ein Täter mit der Tötung berechtigte Zahlungsansprüche vermeiden will.
Noch schneller geklärt werden zwei andere Tötungsdelikte. Der Tod eines 25-jährigen am 7. Mai in einem Mehrfamilienhaus an der Elwertstraße in Bad Cannstatt noch am Tatort. Ein Streit in der Wohnung eines 51-Jährigen endet mit Messerstichen – und der Wohnungsinhaber landet in U-Haft. Ende August hat die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Totschlags erhoben.
Ein Mord mit Ankündigung dagegen scheint die Bluttat gewesen zu sein, die sich am 13. Dezember in der Gundelsheimer Straße im Stadtteil Rot abspielt. Ein 45-Jähriger wird auf seinem Balkon von einem 42-jährigen Nachbarn erschossen. Der offenbar psychisch kranke Mann soll schon in der Vergangenheit diverse Anwohner bedroht haben. Das Quartier wird gesperrt, ein Großaufgebot mit Spezialeinheiten nimmt den zunächst flüchtigen Mann Stunden später fest. Ein Haftrichter schickt ihn in eine Psychiatrie.
Ein unsichtbares Pulverfass
Als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ein Wohnhaus in der Köllestraße im Stuttgarter Westen fliegt am 6. März in die Luft, brennt aus, stürzt in sich zusammen. Eine verheerende Gasexplosion. Wie durch ein Wunder kann sich eine vierköpfige Familie retten. Doch für eine 85-jährige Bewohnerin kommt jede Hilfe zu spät. Sie wird von Rettungskräften tot aus den Trümmern geborgen. Es entsteht Millionenschaden – und nicht nur die Stadt bewegt die bange Frage: Wie sicher ist die Gasversorgung?
Auslöser ist nicht etwa ein maroder Hausanschluss. Das eigentliche Pulverfass ist eine defekte Stromleitung unterm Gehweg, bei der es offenbar einen Kurzschluss gegeben hat. Fatalerweise liegt diese viel zu nahe an einer kreuzenden Gasleitung, die beschädigt wird und unbemerkt Gas in das Gebäude strömen lässt. Die Fachleute stellen fest, dass ein Mindestabstand von zehn Zentimetern nicht eingehalten wurde – und graben in der Vergangenheit nach. Wurde beim Verlegen geschlampt? Haben die Kontrollen versagt? Welche Verantwortung hat der Betreiber? Die Antworten sind noch offen.
Das Haus ist verschwunden. Nicht aber die seelischen Narben, die bei den einstigen Bewohnern geblieben sind. Und auch für die Nachbarn ist das Thema lange nicht beendet. Die verheerende Wucht der Explosion hat auch ihre Gebäude beschädigt, und es heißt, dass die Versicherungen diverse Schäden nicht so hoch einschätzen wie die Eigentümer.
Eine Messerverbotszone fürs Stadtzentrum
Das nächtliche Publikum rund um den Königsbau und den Schlossplatz bietet eine explosive Mischung – auch politisch. Immer wieder kommt es zu Gewalt- und Raubdelikten, das Messer spielt häufig eine Rolle. Nach der Krawallnacht 2020 und den folgenden Debatten um Migration, fehlenden Treffpunkten und soziale Nebenwirkungen der Pandemiemaßnahmen staut sich erneut etwas auf.
Am 4. Februar verfügt die Stadt eine Waffenverbotszone zwischen Hauptbahnhof und Paulinenbrücke. Kritiker werfen den Behörden vor, dass die Polizei einen Freibrief für ungerechtfertigte Kontrollen von ausländisch aussehenden Menschen bekomme. Das Verbot umfasst Messer bereits ab vier Zentimeter langer Klinge oder mit einem Feststellmechanismus. Laut Halbjahresbilanz werden 57 Verstöße festgestellt. Wegen womöglich formalrechtlicher Mängel muss OB Frank Nopper die Verordnung im November indes neu erlassen.
Bei den Straßenkriegern wird scharf geschossen
Das Phänomen und seine Zusammenhänge werden lange Zeit nicht erkannt – bis unsere Redaktion am 24. Februar die Frage stellt: „Wird die Region etwa zum Wilden Westen?“ Auslöser der Frage sind Schüsse in die Beine einer 21-jährigen Frau vor einer Shisha-Bar in Eislingen (Kreis Göppingen) – die unsere Redaktion mit weiteren Fällen seit Sommer 2022 in Verbindung bringt, etwa in Stuttgart-Zuffenhausen. Das Landeskriminalamt greift ein – und erklärt sich zur Koordinierungsstelle diverser Sonderkommissionen und Ermittlungsgruppen der Polizei in der Region.
Es stellt sich heraus, dass es zwei multiethnische, vorwiegend kurdisch geprägte Großgruppierungen gibt – mit Gangster-Rapper-Allüren. Kriminell sein ist Lebensinhalt. Es gibt eine Zuffenhausen-Göppingen-Gruppierung, und der Feind sitzt vorwiegend im Bereich Esslingen-Ludwigsburg-Stuttgart-Mitte. Obwohl die Fahnder etwa 500 Personen identifiziert und bis kurz vor Weihnachten 53 Verdächtige festgenommen haben, lassen sich die Cliquen wenig beeindrucken. Ihre Religion ist „Ehre“ und „Intikam“, das türkische Wort für „Rache“.
Die Feuergefechte gehen weiter – sogar mit Kriegswaffen. Während ein erschossener 18-Jähriger am 8. April in Asperg (Kreis Ludwigsburg) eher als Nebenkriegsschauplatz gilt, hat ein Handgranatenanschlag auf dem Friedhof in Altbach (Kreis Esslingen) am 9. Juni direkten Bezug zum Konflikt der Straßenkrieger. Ein 20-Jähriger Kurde iranischer Herkunft wirft eine Handgranate auf etwa 50 Trauergäste, die er der verfeindeten Gruppe aus Esslingen zuordnet. Ein Baum verhindert, dass es Tote gibt. Der Täter wird von aufgebrachten Gegnern fast zu Tode geprügelt. Die Reihe der Gewalttaten reißt nicht ab. Im Fasanenhof wird am 12. Dezember ein 29-Jähriger mit über einem Dutzend Messerstichen lebensgefährlich verletzt.
Der Krawall aus dem Nichts
Im Herbst macht Stuttgart bundesweit traurige Schlagzeilen – durch Angriffe auf Polizeibeamte, die unversehens zwischen die Fronten des Eritrea-Konflikts geraten. Eine Veranstaltung von Anhängern des Regimes im Römerkastell in Bad Cannstatt wird am 16. September zur Zielscheibe von Gegnern der Diktatur. Unter den Protestierenden, teils bis von der Schweiz angereist, sind einige gewaltbereit – und gehen mit Latten, Stangen, Steinen und Flaschen auf die Polizei los, die den Weg versperren. 34 Polizisten werden verletzt, es gibt etwa 230 Festnahmen. Im Juli war es bereits in der hessischen Stadt Gießen zu Ausschreitungen bei einem Eritrea-Festival gekommen.
Ermittelt wird wegen schweren Landfriedensbruchs, gefährlicher Körperverletzung und tätlichen Angriffs gegen Vollstreckungsbeamte. „Gegen sieben Beschuldigte sind die Ermittlungen abgeschlossen“, heißt es bei der Staatsanwaltschaft. In einem Fall werde „zeitnah Anklage erhoben“. Dabei handelt es sich um einen 26-Jährigen, der unmittelbar danach in Haft genommen wurde, weil er bereits in Gießen auffällig geworden war.
Gibt es nur schlechte Nachrichten?
Nein. Nicht nur Menschen sind manchmal wie Hund und Katz. Sondern auch die Originale. Was am 17. November zu einem ungewöhnlichen Rettungseinsatz im Kräherwald im Stadtbezirk Botnang führt. Ein kleiner Jagdhund hatte eine Katze gejagt und hinauf auf einen Baum verfolgt. Bis er in acht Meter Höhe ganz schön in der Klemme saß. Die Feuerwehr rettet ihn mit Hundegeschirr und Seilen. Wie peinlich.
Dabei sehen Hunde ihre Rolle eher auf der Seite der Rettungskräfte – als Suchhund oder Polizeihund nämlich. Von Katzen sind solche amtlichen Fähigkeiten nicht bekannt. Oder doch? Das Polizeirevier in Möhringen berichtet von einer Katzen-Bewerberin, die am 23. Mai die Polizeiarbeit begutachtet hat. Der Anfang für eine Polizeikatzenstaffel? Merke:
Mit Mieze auf Verbrecherhatz / ist der Fall nie für die Katz!