Zu welchem Tatort gehören diese Beutestücke? Die Kripo hat eine aufwendige Puzzlearbeit vor sich – und hofft auf Hinweise über Telefon 07 11 / 89 90 - 54 61. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie. Foto: Polizei/Montage: StN

Eine Welle von Wohnungseinbrüchen hält die Polizei in Atem. Die Täter gehen bestens organisiert ans Werk – und immer deutlicher zeigt sich, dass verstärkt südosteuropäische Gruppen unterwegs sind.

Stuttgart - Der Dicke mit der Glatze und der schwarzhaarige Dünne nehmen wenig Rücksicht, als sie in das Mehrfamilienhaus an der Hahnstraße im Stuttgarter Süden eindringen. Erst hebeln sie ein Kellerfenster auf, dann steht ihnen eine Tür zum Hausflur im Weg. Das Hindernis wird brachial mit Fußtritten aufgebrochen. Eine Bewohnerin hört den Lärm und schaut nach dem Rechten. Sie ruft lautstark durch den Hausflur – und das zeigt zum Glück Wirkung: Zwei Männer um die 40 rennen aus dem Gebäude davon, diesmal ohne Beute.

Der Großraum Stuttgart ist derzeit ein Brennpunkt für Wohnungseinbrüche. Kaum jemand, der nicht von einem neuen Fall aus der Nachbarschaft gehört hat. Und das nicht erst seit dem spektakulären Coup in der Villa des Gründers der Drogeriemarktkette dm, Götz Werner. Die Täter hatten zu Weihnachten einen Tresor aus seinem Haus im Stuttgarter Norden abtransportiert, sich mit der Polizei eine wilde Verfolgungsjagd geliefert und den Fluchtwagen später ausgebrannt im Kreis Ludwigsburg zurückgelassen. Von Beute und Tätern fehlt seither jede Spur.

Dabei kann die Stuttgarter Polizei durchaus Erfolge vorweisen: Zehn Tatverdächtige wurden seit Jahresbeginn festgenommen. Für wie viele und welche Einbrüche sie verantwortlich sind, ist noch nicht ausermittelt. „Die meisten waren bisher nicht polizeibekannt“, sagt Andreas Taube, Chef des Dezernats Organisierte Kriminalität, das auch für Wohnungseinbrüche zuständig ist, „aber irgendwie kennt man sich untereinander.“

Bei den Touren werden Fahrzeuge aller Art benutzt

Ob es daran liegt, dass auffällig viele aus derselben Region stammen? Sorgenvoll geht der Blick in einen zentralen Kanton in Bosnien und Herzegowina. In der 130 000-Einwohner-Stadt Zenica, 1120 Kilometer entfernt, ist die Lage düster. Mit über 50 Prozent gibt es die höchste Arbeitslosenrate des Landes, die Aussicht auf einen Job ist gering. „Noch immer gibt es eine hohe Zahl von Schwarzarbeitern“, sagte Adnan Delic, Leiter der Agentur für Arbeit und Beschäftigung, jüngst bei einer Pressekonferenz in Sarajewo. Fast die Hälfte der Arbeitslosen ist seit über zwei Jahren ohne Job.

In einem solchen Umfeld lassen sich offenbar leicht Menschen zu Einbruchstouren im Ausland rekrutieren. „Da gibt es einen hohen Organisationsgrad“, so Dezernatschef Taube. Dabei geht es auch um die Logistik des Einbruchs. „Selbst die Fahrer haben ihre Qualitäten“, sagt Harald Dörfler von der Dienststelle für Wohnungs- und Gaststätteneinbrüche. Bei den Touren werden Fahrzeuge aller Art benutzt: gemietete, gestohlene, Autos mit örtlicher Zulassung. In der Fremde existiert ein Netzwerk von bosnischen Landsleuten, bei dem es Tippgeber, Anlaufpunkte und Unterschlupfmöglichkeiten gibt.

Bei so viel Organisation, bei der auch die Transferlinien der Beute erkennbar werden, „werden die Ermittlungen immer komplexer“, sagt Dezernatschef Taube. Telefonüberwachungen wären da hilfreich – die sind aber bei der Straftat Wohnungseinbruch nicht erlaubt. Das geht nur über den Umweg einer vermuteten Bandentätigkeit.

Das Gros der Einbrüche wird von reisenden Tätern begangen

Für die Fahnder ist klar: Das Gros der Einbrüche wird von reisenden Tätern begangen. Deshalb sei es wichtig, so Taube, die Sachbearbeitung bei der Kripo zu bündeln. Die Täter stammen nicht allein aus Südosteuropa, auch Gruppierungen ethnischer Minderheiten, die aus Frankreich einreisen, gehören dazu. So fielen in den letzten Wochen auch Frauen als Einbrecherinnen auf. In Feuerbach ließen sich zwei Täterinnen Ende Januar nicht einmal davon abschrecken, dass die Hausfrau anwesend war und in der Badewanne lag.

Doch so aufwendig die Ermittlungsarbeit ist, um den Tätern und Hintermännern auf die Spur zu kommen – die Aufarbeitung ist es nicht minder.

Eines der größten Juweliergeschäfte Stuttgarts liegt nicht etwa an der Königstraße, sondern in einem einstigen Firmengebäude mit brauner Backsteinfassade an der viel befahrenen Pragstraße in Bad Cannstatt. Im Bau 1, erster Stock, haben die Einbruchermittler ihre Büros. Die Asservatenkammern im Gebäudekomplex quellen über von sichergestellten Schmuckstücken. Hunderte, streng katalogisiert. „Man kann Stücke nicht einfach in Kisten schmeißen, die müssen nach Fällen getrennt aufbewahrt werden“, sagt Einbruchsspezialist Dörfler.

Ein Anhänger, Gravur „Uschi“, Nummer 327. Opernglas, 229. Hundertmarkschein, 172. Whiskyflasche mit Münzgeld, 199. Eine Auswahl an Beutestücken, sichergestellt bei einer Großaktion gegen eine Gruppe von vier Bosniern, einem Serben und einem Griechen mit Kräften des Mobilen Einsatzkommandos. Die Gruppe soll vorwiegend in den Landkreisen unterwegs gewesen sein.

Jetzt werden wieder viele Schmuckstücke sortiert

Ganz im Gegensatz zu dem glatzköpfigen Dicken und dem schwarzhaarigen Dünnen, die im Stuttgarter Süden von einer Bewohnerin vertrieben wurden. Sie gehören zu einem Einbruchstrio, das vorwiegend in Stuttgart zugeschlagen haben dürfte. Die 37, 42 und 48 Jahre alten Männer, auch sie stammen aus Zentralbosnien, gingen ein paar Tage später ins Netz der Polizei. Die Fahnder hatten sie im Stuttgarter Osten ausfindig gemacht – und schlugen zu, als sie offenbar neue Einbruchsobjekte ausspähten. Jetzt werden wieder viele Schmuckstücke sortiert – bisher konnten sie erst acht Tatorten zugeordnet werden.

Trotz dieses Erfolgs rollt die Welle weiter durch Stuttgart. Bis Sonntagmorgen wurden den Ermittlern weitere 17 Wohnungseinbrüche und Einbruchsversuche gemeldet. Betroffen waren die Stadtteile Vaihingen, Möhringen, Sillenbuch, Sonnenberg, Kaltental, Mühlhausen und Feuerbach. Auch in Stuttgart-Süd und im Westen waren Einbrecher unterwegs. In diesen Fällen, so die Polizei, seien meist die Terrassen- und Balkontüren aufgebrochen worden. Die Beute: Schmuck, Bargeld, Silberbesteck und ein teures Smartphone. Wert der Beute und Schaden: mehrere Zehntausend Euro.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: