Angela Merkel geht – vorerst nur als CDU-Vorsitzende. Foto: AFP

Angela Merkel will abtreten, und irgendwie scheinen alle erleichtert – auch bei „Maybrit Illner“ (ZDF). Was nach Merkel an der CDU-Spitze und im Kanzleramt folgt, darüber herrscht jedoch große Unsicherheit. Die Talkrunde kann diese nicht lösen.

Stuttgart - Ursula von der Leyen, als Verteidigungsministerin in eigener Sache mitunter defensivschwach, versucht den Ton zu setzen: Ein „souveräner Auftritt“ sei die Rückzugsankündigung der CDU-Chefin Angela Merkel gewesen – „sie hat das Heft des Handelns in der Hand“. Sie sei davon überzeugt, dass die große Koalition die nächsten drei Jahre halten werde, setzt von der Leyen im ZDF-Talk „Maybrit Illner“ nach. Eine Nur-noch-Kanzlerin Merkel habe dann die Chance, „befreiter aufzutreten als ohne Parteivorsitz“.

So wird politische Dichtung betrieben – kein Wort von dem Druck, unter dem Merkel am Wochenende nach der erneuten schweren Wahlniederlage stand. Wahrscheinlich hatte sie zuvor Kenntnis erhalten von einer chancenreichen Gegenkandidatur auf dem Parteitag – dieses für sie unabschätzbare Duell wollte sie sicher vermeiden.

Lindner plagt die Sehnsucht nach Jamaika

Selbst FDP-Chef Christian Lindner mag nicht mehr auf Attacke umschalten, nachdem ihm seine Lieblingsfeindin abhanden gekommen ist: „Ich will mich nicht mehr an Frau Merkel abarbeiten – es ist gut mit so einer Ankündigung“, bekennt er. Die deutsche Politik stecke in der „Selbstblockade“, und es sei Merkel „hoch anzurechnen, wenn sie diese Blockade löst“. Allerdings sei ihr Verzicht auf den Parteivorsitz kein Aufbruch in der Regierung.

Lindner plagt die Sehnsucht nach Jamaika. „Der Regierungsauftrag ist letztes Mal knapp an der FDP vorbeigegangen“, versucht er es mit Selbstironie. Er bekäme so gerne eine neue Chance, mit CDU und Grünen eine neue Koalition zu schmieden. Wenn es die entsprechende Konstellation gebe, „sind wir natürlich bereit, Verantwortung zu übernehmen“, schwurbelt der Oberliberale.

Zwischen von der Leyen und Lindner entspinnt sich auch das bissigste Wortduell des sonst flauen Polittalks. „Boomende Wirtschaft, Arbeitslosigkeit kaum noch messbar, Jugendarbeitslosigkeit besiegt, hervorragende Wirtschaftszahlen“, bejubelt die Ministerin die Merkel-Bilanz. „Trotz der Politik“ mäkelt Lindner. „Das ist eine sehr billige Ausrede“, kontert von der Leyen. „Euro-Krise gelöst, Migrationskrise gelöst.“ Lindner reagiert erstaunt: „Gelöst?“ fragt er. „Sie reden das Land schlecht“, mäkelt die Ministerin. „Sie reden die Probleme schön“, giftet der FDP-Chef.

Friedrich will nicht über Seehofer-Rücktritt reden

Im Schatten der beiden Alphatiere können die anderen drei Gäste nur blass bleiben – vor allem der frühere Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, von dem eigentlich ein Bekenntnis kommen müsste, dass jetzt auch CSU-Chef Horst Seehofer seine Sachen packt. Doch das darf er noch nicht sagen, weil es nicht der Dramaturgie der Parteioberen entspricht. Erst soll die Regierung in Bayern gebildet werden, dann ist es vorbei mit der Seehoferschen Herrlichkeit. So eiert der CSUler herum, so gut es geht.

Allerdings glaubt Friedrich nicht, dass die CDU unter Merkel noch einen Fuß an den Boden bekommt. Zwar habe es „eine fundamentale Kurskorrektur der Regierung“ in der Migrationspolitik gegeben. Diese werde aber „nicht wahrgenommen in der Bevölkerung, weil man nicht glaubt, dass Frau Merkel für diese Kurskorrektur wirklich steht.“ Solange sie Kanzlerin bleibt, „wird es nicht gelingen, AfD-Wähler zurückzuholen“, versichert Friedrich.

Auch der Quotenjournalist in dieser Runde, Hajo Schumacher, rät Merkel zum völligen Rückzug: „Wer die Partei nicht mehr hat, kann nicht mehr lange Kanzlerin bleiben“, sagt er. Soll Merkel exekutieren, was drei Parteichefs im Koalitionsausschuss beschließen? „Nee.“ Den Konservativen Friedrich Merz nennt er „eine Art Brückentechnologie“, der sich den „Ich komme von außen“-Impetus erfolgreicher Politiker in Europa genau angeschaut habe. Die Sehnsucht der Menschen nach Typen, die auf den Tisch hauen, sei groß in dieser hysterisierten Zeit – siehe Donald Trump.

Von der Leyen holt den PR-Preis des Abends

So ist es der Schriftstellerin Juli Zeh vorbehalten, einen anderen Ton zu setzen. Sie ist zwar der SPD beigetreten, trägt dies aber nicht plakativ vor sich her. Der Zeitpunkt von Merkels Ankündigung lasse den Eindruck entstehen, es handle sich um ein Schuldeingeständnis nach den verlorenen Wahlen, rügt sie. Merkels Politik und der Aufschwung der AfD seien aber unabhängig voneinander zu beurteilen. Eine „emotionale Verstörung“ stellt sie im Volk fest, die mit Sachpolitik nicht mehr zu lösen sei. Im Übrigen hat Zeh keinen Favoriten, aber einen „Anti-Favoriten“: Jens Spahn. Denn der stehe für einen Konservatismus amerikanischer Prägung.

Mühelos erringt von der Leyen somit den PR-Preis des Abends. Merkels Amtsverzicht „gibt der Partei wieder Luft unter die Flügel“, drechselt sie. Allen drei Kandidaten kann sie gleich viel abgewinnen. „Ich freue mich über diese Dynamik“, und „dass bei uns Schwung drin ist“. Denn „jetzt können wir ein Feuerwerk der Ideen haben, und wir können zeigen, was in uns steckt.“ Da fragt man sich unwillkürlich, warum die CDU dies nicht früher gezeigt hat.

Offen festlegen will sich von der Leyen auf keinen Bewerber. Doch sagt sie, dass die oder der Vorsitzende eine „integrative Kraft entwickeln muss – sonst geht der Streit wieder von vorne los“. Sie oder er müsse „ganz eng mit der Kanzlerin zusammenarbeiten“. Aha, Annegret Kramp-Karrenbauer, übernehmen Sie!

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