Politischer Aschermittwoch der SPD in Ludwigsburg Reichlich Balsam für die geschundene Parteiseele

Von Rafael Binkowski 

Beim Politischen Aschermittwoch der SPD in Ludwigsburg zeigt sich, wie zerrissen die Basis ist. Generalsekretär Lars Klingbeil springt für Martin Schulz als Redner ein – doch Begeisterung weckt eine andere Rednerin.

Ludwigsburg - So viel Folklore war selten auf Veranstaltungen der Landes-SPD. Der Kreisverband Rhein-Neckar zieht mit wehenden Fahnen und „#NoGroKo“-Schildern ins Ludwigsburger Forum am Schlosspark ein, wo eigentlich Martin Schulz als Redner zum Politischen Aschermittwoch angesagt war, nun aber von Generalsekretär Lars Klingbeil vertreten wird. Aus einem mobilen Lautsprecher lassen die rebellischen Genossen Hoffmann von Fallerslebens Klassiker „Die Gedanken sind frei“ intonieren – ein musikalischer Protest gegen die eigene Führungsriege.

Auch die Jusos aus dem Kreis Karlsruhe machen mobil: Mit roten Zipfelmütze protestieren sie gegen die Groko und halten in jede Kamera Karten hoch, darauf steht etwa: „Sichere Ministerjobs für euch, weiterhin unsichere Jobs für Millionen.“ Die 20-jährige Aisha Fahir sagt: „Es geht um die Glaubwürdigkeit unserer Partei.“ Einige bekennen sich auch für eine Zusammenarbeit mit CDU und CSU. Doch was ist mit der schweigenden Mehrheit unter den 700 Zuhörern, die sich für den Mitgliederentscheid noch nicht festgelegt haben? Die erschüttert sind von den Personalquerelen in Berlin? „Das ärgert mich granatenmäßig“, schimpft zum Beispiel Peter Klumpp (57) aus Asperg, „was Sigmar Gabriel gebracht hat, das geht gar nicht.“ Andere ertragen die Selbstzerfleischung der Spitzengenossen mit Ironie. „Richtig schön ist das nicht“, sagt etwa Udo Schaumann (59), Kassierer des Ortsvereins Kornwestheim.

Eine Partei mit Hang zum Masochismus?

Mit dem gescheiterten Parteichef Martin Schulz haben aber selbst die Groko-Gegner Mitleid. Die 66-jährige Henriette Kühn aus Bad Dürrheim war schon vor vier Jahren gegen das Bündnis mit der Union, jetzt ist sie im Bus mit den Parteifreunden aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis angereist. „Diese Behandlung hat Martin Schulz nicht verdient“, sagt Kühn. So reisen die Mitglieder mit einem unguten Gefühl im Magen an. Auf 17 Prozent ist die Partei in Umfragen abgerutscht. Der Ludwigsburger Ex-Bundestagskandidat Macit Karaahmetoglu beschreibt es drastisch: „Es kommt mir vor wie bei 50 Shades of Grey. Diese Partie hat einen Hang zum Masochismus.“

Wie geht die Parteiführung mit dieser aufgewühlten Stimmung um? Lars Klingbeil, der 39-jährige Generalsekretär, wirkt müde nach wochenlangen nächtlichen Verhandlungen. Seine Rede erhält nur höflichen Applaus, wenn er sagt: „Wir haben die Ausgangslage dafür geschaffen, das Leben der Menschen zu verbessern“,.

Trotziger Beifall für Leni Breymaier

Es ist aber die Landeschefin Leni Breymaier, die den Saal dann doch schwindelig redet. Sie kritisiert die innerparteilichen Gegner und teilt gegen die Landes-CDU: Die reden doch lieber darüber, wie viele Wildschweine abgeknallt werden als über Kinderarmut.“ Nach ihrer Rede stehen fast alle auf und jubeln. Eine Menge Erleichterung und Trotz schwingt dabei mit. Die geschundene Parteiseele der Genossen im Land, sie leidet, aber sie lebt noch.

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