Sicherheitskräfte gehen gegen Melek Cetinkaya in Ankara vor – auf ihrer Schürze steht „Gerechtigkeit für die Kadetten“. Foto: AFP/Adem Altan

2016 putschten Teile des türkischen Militärs. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, Tausende verurteilt. Doch viele Fragen sind noch offen, nicht nur für Melek Cetinkaya, die für die Freilassung ihres Sohn Furkan, damals Kadett, kämpft – trotz Drohungen.

Ankara - Wenn sie nichts anderes mehr tun kann, geht Melek Cetinkaya auf die Straße und schreit. „Eines Tages werdet auch ihr Gerechtigkeit brauchen“, schreit sie die Passanten auf der Flaniermeile von Ankara an. „Auch ihr alle, die ihr dazu schweigt, dass unschuldige Jugendliche seit Jahren eingesperrt sind.“ Schweigend hasten die Menschen an der schreienden Frau im Kopftuch vorbei und wenden die Blicke ab. Wenn doch einmal einer stehen bleibt und sie ansprechen will, greifen Polizisten ein. Cetinkaya zählt nicht mehr, wie oft sie schon festgenommen worden ist – mehr als 40-mal in den letzten zwei Jahren, schätzt sie.

 

Auch die Mutter saß schon im Gefängnis

Zwei Monate hat sie auch schon im Gefängnis gesessen; an diesem Dienstag fällt wieder einmal ein Urteil in einem der Prozesse, die nicht nur die Staatsanwaltschaft, sondern auch Regierungsmitglieder gegen sie eröffnet haben. Doch Cetinkaya denkt nicht daran, aufzugeben. Sie kämpft für ihren Sohn und hunderte junge Männer und Frauen, die als Offiziersschüler in der Putschnacht vom Juli 2016 an die Front geschafft wurden und seither eingesperrt sind. Sie kämpft allein.

Der 20-jährige Furkan Cetinkaya war in seinem ersten Jahr an der Luftwaffenakademie, als er in der Nacht des 15. Juli 2016 mit seinen Kameraden aus einem Ausbildungslager am Marmarameer auf einen Bus geladen und nach Istanbul geschafft wurde – einer von mehr als 350 Offiziersschülern, die in jener Nacht zu einer angeblichen Übung beordert wurden. Zwei Kadetten wurden bei Ankunft auf der Bosporus-Brücke von der Menge gelyncht, die anderen streckten sofort die Waffen – keiner von ihnen habe geahnt, dass sie bei einem Putschversuch eingesetzt werden sollten, sagten die Überlebenden später vor Gericht.

Mit fast 40 Kameraden in einer Zelle

Ein Jahr lang warteten die Jugendlichen – viele damals erst 18 oder 19 Jahre alt – in Untersuchungshaft auf eine Anklage, dann wurden sie in Schnellverfahren zu lebenslanger Haft verurteilt. In einem der fünf Massenprozesse hob der Berufungsgerichtshof seither das Urteil auf; im neuen Verfahren hat die Staatsanwaltschaft wieder lebenslang beantragt, das Urteil soll Anfang März fallen. In den anderen Prozessen warten hunderte Kadetten seit Jahren hinter Gittern auf ihre Berufungsverfahren.

Furkan Cetinkaya wird im Hochsicherheitsgefängnis Silivri bei Istanbul nach Angaben seiner Mutter mit fast 40 Kameraden in einer Zelle gehalten, die für sieben Gefangene ausgelegt ist: Die Jungen in den obersten Betten können kaum den Kopf heben, ohne an die Decke zu stoßen. Essensrationen würden von der Gefängnisküche nur für 28 Mann geliefert, weil das die offizielle Höchstgrenze für die Zellenbelegung sei, erzählt Melek Cetinkaya; die jungen Männer seien abgemagert und bei schlechter Gesundheit. Einmal im Monat darf Melek Cetinkaya ihren Sohn besuchen. Furkan bemühe sich dann immer, seine Verzweiflung zu verbergen, um sie nicht weiter zu bekümmern, erzählt sie. Nur einmal sei es kürzlich aus ihm herausgebrochen: Wenn er nur einmal noch einen einzigen Abend mit seiner Familie verbringen könnte, mit seinen Eltern und Geschwistern um den Tisch zum Abendessen, dann würde er anschließend klaglos ins Gefängnis zurückgehen. Melek Cetinkaya kommen die Tränen, wenn sie das erzählt.

Die Befehlskette des Putsches ist bis heute nicht aufgeklärt

Dreieinhalb Jahre habe sie daheim gesessen und gebetet, dass Gerechtigkeit geschehe und ihr Sohn freigelassen werde, sagt Melek Cetinkaya; dann sei ihr aufgegangen, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehe. Politisch machte die Regierung den in den USA lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen, einen Ex-Verbündeten von Präsident Recep Tayyip Erdogan, und seine Anhänger in der Türkei für den Putschversuch verantwortlich, für den zehntausende Zivilisten und Soldaten verhaftet wurden. Doch die Befehlskette ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Helden, Märtyrer und Verdammte

Mehr als hundert Generäle wurden verurteilt, hunderte Offiziere aber auch freigesprochen, weil sie nur auf Befehl ihrer Vorgesetzen ausgerückt waren – und der damalige Generalstabschef Hulusi Akar ist heute Verteidigungsminister. Akar habe sich nie dafür verantworten müssen, dass die ihm anbefohlenen Kadetten in der Putschnacht herausgerufen wurden, sagt Cetinkaya. Die Kadetten dagegen seien mit kurzen Prozessen verurteilt worden, obwohl sie keine Kugel abgefeuert und ihre Waffen niederlegt hätten, als sie vom Putschversuch erfuhren. Irgendjemand müsse für den Putsch verantwortlich gemacht werden, sagt Melek Cetinkaya – für die mehr als 250 Todesopfer und mehr als 2000 Verletzten jener Nacht und für die zehntausenden Entlassungen und Inhaftierungen im Nachgang. Die Kadetten, so vermutet sie, dienten hier als Bauernopfer.

Eine Hausfrau als aufmüpfige Demonstrantin

Seither ist Melek Cetinkaya auf der Straße. Zu einem „Marsch für Gerechtigkeit“ brach sie vor zwei Jahren aus Ankara auf, um die 500 Kilometer zum Gefängnisbesuch in Silivri zu Fuß zu laufen – und wurde vor laufenden Kameras festgenommen, bevor sie den zentralen Platz von Ankara überhaupt verlassen hatte. Was sie kleine Person sich in politische Fragen einzumischen habe, fragte ein Polizist auf der Wache: Mit ihrer mütterlichen Figur und ihren pastellfarbenen Kopftüchern passt die 45-jährige Hausfrau aus Ankara nicht in das landläufige Bild von aufmüpfigen Demonstranten.

Cetinkayas Marsch nach Silivri scheiterte daran, dass sie alle paar hundert Meter wieder festgenommen wurde, doch aus der Öffentlichkeit verdrängen ließ sie sich nicht mehr. In einer Schürze mit der Aufschrift „Gerechtigkeit für die Offiziersschüler“ demonstriert die streitbare Mutter seither immer wieder am Menschenrechtsdenkmal, vor dem Sitz der Regierungspartei oder einfach in der Fußgängerzone.

Das Schweigen der Anderen

Allein ist sie dabei meistens, obwohl die Eltern hunderter weiterer Kadetten mit ihr leiden. Mit vielen von ihnen ist sie in Verbindung, sagt Melek Cetinkaya und will es anderen Müttern nicht zum Vorwurf machen, dass sie nicht öffentlich protestieren. Die meisten seien arme Leute, die in entfernten Dörfern leben und gerade das Fahrgeld zusammenkratzen könnten, um ihre Kinder im Gefängnis zu besuchen, sagt sie; viele befürchten, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren oder dass ihnen ihre anderen Kinder genommen werden könnten, wenn sie aufbegehren. Genau deswegen würden die Kadetten als Bauernopfer taugen, vermutet Cetinkaya, die zwei weitere Kinder hat und deren Mann als Buchhalter arbeitet – weil sie und ihre Familien sich nicht wehren könnten.

Doch was die Mutter mehr verbittert als die Vorsicht ihrer Leidensgenossinnen – bei den Gerichtsverhandlungen säßen die Familien der Kadetten allein im Zuschauerraum, erzählt Cetinkaya: Anders als bei inhaftierten Journalisten oder Politikern komme kein Menschenrechtsverein und kein Oppositionspolitiker, um die Prozesse gegen die Offiziersschüler zu beobachten.

Sie schreit ihr Leid einfach heraus

Ängstlich meiden auch die Menschen auf der Straße den Blickkontakt mit Cetinkaya, wenn sie ihr Leid herausschreit: Zu leicht könnte aus dem Mitleid mit einer Mutter der Vorwurf einer Unterstützung für die Gülen-Bewegung konstruiert werden – darauf können Jahre im Gefängnis wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung stehen. Cetinkaya selbst saß schon im Gefängnis, weil sie in einem Interview gesagt hatte, sie kenne Gülen-Anhänger aus ihrer Nachbarschaft, die gute Menschen seien; nach ihrer vorläufigen Freilassung soll das Urteil in dem Verfahren wegen Terror-Propaganda am Dienstag fallen. Das Gefängnis könne sie auch nicht mehr schrecken, sagt Melek Cetinkaya. Sie glaube an Gott, an die Gerechtigkeit und an die Unschuld ihres Sohnes.