Der Politologe Oscar W. Gabriel mahnt die Parteien, sich nicht zu verstecken. Foto: dpa

Der Stuttgarter Professor Oscar W. Gabriel analysiert im Interview die OB-Kandidatensuche.

Stuttgart – Der Grüne Fritz Kuhn hat nach Auffassung des Politikwissenschaftlers Oscar W. Gabriel Chancen, die OB-Wahl in der Landeshauptstadt zu gewinnen. Wenn die CDU dagegen auf Sebastian Turner setze und nicht auf Andreas Renner, gehe sie ein noch höheres Risiko ein, sagt er im Interview. -

Herr Gabriel, bei der CDU gibt es zwei Bewerber für die OB-Wahl, aber nur einer kann am Samstag nominiert werden. Wer hätte bessere Chancen bei der OB-Wahl im Oktober?
Das ist schwer zu sagen. Die Profile von ­Andreas Renner und Sebastian Turner sind sehr unterschiedlich. Renner ist meiner Meinung nach bekannter, seine Kandidatur wäre von daher aussichtsreicher. Für Turner spricht, dass er von außen kommt und nicht in innerparteiliche Konflikte verstrickt war. Er ist allerdings wenig bekannt. Und er ist ein Quereinsteiger ohne jegliche Verwaltungserfahrung. Dies und die fehlende Verankerung in der Partei kann man für einen Vorteil halten – oder auch nicht.

Sie betrachten es als Nachteil?
Mit Herrn Turner ginge die CDU ein großes Risiko ein, nicht so sehr bei der OB-Wahl selbst, sondern mehr noch später im Fall seiner Wahl zum Oberbürgermeister.

Überschätzen Sie den Aspekt Verwaltungserfahrung nicht? Herr Turner hat doch Führungserfahrung als Unternehmer.
Das ist ein völlig anderes Qualifikationsprofil als das des Oberbürgermeisters. Die Frage ist, wie ein Quereinsteiger nach der Wahl in das Amt hineinfindet, wie er mit den Mühen der Ebene zurechtkommt, wie lang er das machen will. Bei dieser Tätigkeit geht es nicht um Glamour, sondern um Kärrnerarbeit. Ein OB muss sich, um seine Gesamtverantwortung wahrnehmen zu können, auch mit Themen wie Bebauungsplänen und Friedhofssatzungen auskennen. Er kann nicht nur nach außen strahlen, sondern muss von der Verwaltung als kompetenter Ansprechpartner akzeptiert werden.

Trotzdem sagen auch Kenner der Materie, die Verwaltungserfahrung werde als Voraussetzung für das OB-Amt überschätzt.
Mir ist kein wirklich erfolgreicher Oberbürgermeister einer Großstadt in Deutschland bekannt, bei dem diese Qualifikation oder eine langjährige Erfahrung in politischen Ämtern völlig gefehlt hätte.

Herr Turner wendet an dem Punkt ein, dass auch die früheren Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett und Manfred Rommel keine Erfahrungen aus dem kommunalpolitischen Bereich hatten.
Persönlichkeiten wie der Freiburger OB Dieter Salomon hatten vorher viel mit Ministerien zu tun, ehe sie Oberbürgermeister wurden. Rommel wechselte mit einem soliden Fundus an Erfahrungen aus Ministerien und Landespolitik ins Rathaus. Es macht schon einen Riesenunterschied aus, ob man solche Erfahrungen hat oder gar keine politische oder administrative Erfahrung.

Herr Turner will als Parteiunabhängiger in Stuttgart weite Wählerschichten ansprechen. Auch der CDU-Kreisvorsitzende findet das sexy. Ist das nicht tatsächlich clever und ein Ansatz mit Charme?
Ich finde dieses Argument nicht überzeugend. Die Mitgliedschaft in einer Partei schließt nicht aus, dass man zu einem unabhängigen Urteil kommt und die Kraft zur Integration unterschiedlicher Lager hat. Parteien sind meiner Meinung nach gut beraten, für solche Ämter Kandidaten mit Parteibuch zu präsentieren. Gerade die Landtagswahl hat gezeigt, dass Parteien durch sehr unterschiedliche politische Angebote sehr gut Wähler mobilisieren können. Fehlende inhaltliche Alternativen scheinen demobilisierend zu wirken.