Sandra Kostner, Migrationsforscherin an der PH in Schwäbisch Gmünd, hat die neue Initiative gegen linksliberale Intoleranz an den Hochschulen angestoßen. Foto: Leif Piechowski/lichtgut

Prominente Forscher starten das neue „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“. Sie stemmen sich damit gegen ein zunehmend intolerantes Meinungsklima an deutschen Hochschulen.

Stuttgart - Die Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam, Susanne Schröter , lädt zu einer Konferenz über das Kopftuch. Unter dem Hashtag #schröter_raus folgt ein Shitstorm gegen die Professorin. Aktivisten werfen ihr Islamfeindlichkeit vor und fordern ihre Absetzung.

 

Vor dem Konferenzgebäude der Frankfurter Goethe-Universität ziehen im Mai 2019 Demonstranten auf. Spontan geht die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, die an der Konferenz teilnimmt, zu den Demonstranten hinaus, um mit ihnen zu reden. Doch sie wird nur mit Gebrüll empfangen. Es sei unmöglich gewesen, mit ihnen zu reden, berichtet Schwarzer.

Kann man an den Hochschulen noch offen fragen, ob das Kopftuch ein Zeichen der Unterdrückung ist? Oder über Tierversuche oder Gentechnik diskutieren? Der Streit um die Forschungs- und Meinungsfreiheit wurde von Corona allenfalls unterbrochen. Der Trend, Wissenschaftler, Redner, aber auch ganze Forschungsrichtungen einer Art moralischen Unbedenklichkeitsprüfung zu unterziehen, stammt eigentlich aus amerikanischen und britischen Universitäten. Doch zuletzt hatte er auch an deutschen Hochschulen zu Rücktrittsforderungen, Auftrittsverboten und im Tumult endenden Veranstaltungen geführt.

Diesen Missstand will das neue „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ offensiv angehen. Auf Initiative der Historikerin Sandra Kostner aus Schwäbisch-Gmünd haben sich rund 70 prominente Wissenschaftler, darunter die Ethnologin Schröter, die Historiker Andreas Rödder und Sönke Neitzel oder der Jura-Professor Martin Nettesheim zusammengeschlossen, um die Freiheit von Forschung und Lehre gegen ideologisch motivierte Einschränkungen zu verteidigen.

Debatten im Keim erstickt

„Wir beobachten, dass die verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll“, heißt es im Gründungspapier der Gruppe, das unserer Zeitung vorliegt. Damit werde der Versuch unternommen, die Wissenschaft „weltanschaulich zu normieren und politisch zu instrumentalisieren“, so die Initiatoren. „Wer nicht mitspielt, muss damit rechnen, diskreditiert zu werden.“ So werde ein „Konformitätsdruck erzeugt, der immer häufiger dazu führt, wissenschaftliche Debatten im Keim zu ersticken“.

Denkverbote kontraproduktiv

Ein anderes Beispiel: der emotional geführte Streit um Tierversuche für die Lehre zwischen den Grünen und den Biologen an den Hochschulen im Land. Die Grünen wollten Tierversuche weitgehend unterbinden, während die Forscher um die Qualität ihrer Lehre fürchteten. Ende 2020 wurden die Versuche gesetzlich eingeschränkt. Immerhin: Die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) versprach nachzubessern, sollte es in der Forschung Probleme geben.

Experten verweisen darauf, dass Forschungsfreiheit keineswegs absolut zu setzen sei, sondern naturgemäß mit anderen Rechten kollidiere. Gerade deshalb aber sei ein offener Austausch über heikle Themen wie Gentechnik, künstliche Intelligenz oder Fragen wie Integration und Islam so wichtig. Denk- und Sprechverbote seien kontraproduktiv. „Der freie, nur an Gesetz und Recht und nicht an politische Opportunität oder Erwünschtheit in der Öffentlichkeit gebundene Diskurs ist für die Wissenschaft elementar“, so der Netzwerk-Mitstreiter Christian Majer, Jura-Professor an der Ludwigsburger Verwaltungshochschule.

Einengende Political Correctness

Die Sorgen der Forscher des „Netzwerks Wissenschaftsfreiheit“ spiegeln sich auch in neueren Untersuchungen. So klagen Wissenschaftler in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach von Anfang 2020 über rigide moralische Standards. Demnach fühlt sich ein knappes Drittel der Hochschullehrer durch Vorgaben der sogenannten Political Correctness eingeengt. Mit 40 Prozent am stärksten betroffen sehen sich die Mediziner. Aber auch 36 Prozent der Geisteswissenschaftler verspüren Einschränkungen, besonders in der Lehre. Eine große Rolle spielt dabei ein als intolerant empfundenes Meinungsklima in politischen, religiösen und Genderfragen.

Eine Befragung unter knapp tausend überwiegend linken Studenten der Frankfurter Uni ergab, dass ein beträchtlicher Teil nicht mit anderen Meinungen konfrontiert werden will: Ein Drittel bis die Hälfte der Befragten ist dagegen, Redner mit abweichenden Meinungen zu den umstrittenen Themen Islam, und Geschlecht zu dulden.

In den Augen der Initiatorin Kostner bildet die liberale Einstellung an den Hochschulen zwar noch die Mehrheit. „Ich warne aber vor dem immer einflussreicher werdenden Trend gerade in den Sozial- und Geisteswissenschaften.“ Das Netzwerk will daher mit öffentlichen Veranstaltungen die Bedeutung der Forschungsfreiheit für eine freie Gesellschaft herausstellen, für eine offene Debattenkultur eintreten und angegriffenen Wissenschaftlern beistehen.