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Polen Zauberhafte Rivalinnen

Von Gabriele Kiunke aus Bromberg/Thorn  

Eine neue Flugverbindung von Frankfurt nach Polen lädt dazu ein, unbekannte Orte im Osten Europas zu entdecken wie Bromberg und Thorn - zwei Städte, die viel Überraschendes zu bieten haben.

Bromberg und Thorn - zwei polnische Rivalinnen

Bromberg
Sie verkörpert ein bisschen die große Schwester, die im Schatten der kleinen und lieblichen steht. Ihre Reize offenbaren sich auf den zweiten Blick, und ihren polnischen Namen auszusprechen, braucht Übung: Bydgoszcz, gesprochen Büdogsch. Da geht Bromberg einfacher über die Lippen. Die deutsche Vergangenheit ist in der Stadt noch gut präsent, schließlich regierten hier rund 150 Jahre, bis auf kurze polnische Intermezzos, die Preußen. „Sie haben viel investiert“, erzählt Stadtführerin Danuta Lendle, die mit einem Schwaben verheiratet ist. Bis heute prägen viele Gebäude aus dieser Zeit das Stadtbild. 1920 wurde die Stadt wieder polnisch bis zur Besetzung durch die Nazis - eine Zeit, die viel Leid brachte und schließlich zur Vertreibung der deutschen Bewohner nach dem Krieg führte. Touristen mit familiären Wurzeln sind heute selten, trotzdem stellen die Deutschen den größten Anteil ausländischer Touristen.

Ihr idyllisches Gesicht zeigt Bromberg vom Wasser aus. Brahe, Weichsel und Kanäle durchziehen die Stadt. Am besten tuckert man im gelben Wassertaxi oder im modernen Hausboot übers Wasser, vorbei an der Mühleninsel mit ihren alten Speichern und den Grünflächen, auf denen Paare picknicken und Kinder toben. Ihr gegenüber steht das Opernhaus, ein moderner Betonbau und kulturelles Zentrum der 300 000-Einwohner-Stadt. Von Bromberg aus könnte man bis nach Danzig schippern. Gut, wenn man sich vorher im Café Sowa in der Altstadt eingedeckt hat. Die berühmte Familienkonditorei liefert ihre Pralinen und Torten bis nach London und Berlin.

Vom Café aus sind es nur wenige Schritte zum „Rynek“, dem Marktplatz mit seinen vielen klassizistischen Gebäuden. Straßenkünstler spielen Musik, ein Mann lässt Seifenblasen in den Himmel steigen, denen Kinder hinterherrennen. Leider stehen auch viele Geschäfte leer, vielleicht eine Folge der Einkaufszentren, die auch in Bromberg entstanden sind. Eines liegt direkt an der Danziger Straße auf der anderen Brahe-Seite. Die Prachtstraße mit ihren Jugendstilhäusern wurde im Laufe der Geschichte mehrmals umbenannt, „an ihrem Namen sah man, wer gerade das Sagen hatte“, erzählt Lendle. Im Krieg war es die Adolf-Hitler-Straße, dann wurde sie dem Ersten Mai gewidmet, bevor sie wieder ihren alten Namen erhielt.

Thorn
Wer sich Thorn (polnisch Torún) über die mächtige, blaue Stahlbrücke nähert, die sich über die Weichsel spannt, ist vom Blick auf die Stadt sofort bezaubert. Eine Stadtmauer aus rotem Backstein zieht sich am Fluss entlang, unterbrochen von hohen Stadttoren, durch die man die Fassaden herausgeputzter Bürgerhäuser sieht. „Thorn gehört zu den wenigen polnischen Städten, die im Krieg nicht zerstört wurden“, erzählt Stadtführerin Alexsandra Molin.

Noch mehr Baudenkmäler als hier finden sich in Polen nur in Krakau. Kein Wunder, dass diese komplett erhaltene Altstadt seit 1997 zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Auffällig ist, wie viele junge Menschen und Schulkinder in der Altstadt und rund um den Marktplatz mit seinem mächtigen roten Rathaus unterwegs sind. Für polnische Schüler gehört ein Ausflug nach Thorn zum Pflichtprogramm. Sie zieht es vor allem zu einem Gebäude: dem Geburtshaus von Nikolaus Kopernikus, dem 1472 geborenen Astronomen. Es ist ein typisch gotisches Kaufmannshaus mit einem hohen Hausflur, einer Kaufmannsstube sowie einem Wohn- und Lagerteil.

Heute sind dort Dokumente und Gegenstände aus dem Leben und Wirken Kopernikus’ ausgestellt. Vielleicht kommen die Schulkinder nach dem Abitur wieder und studieren dann an der Thorner Kopernikus-Universität mit ihren rund 40 000 Studenten - so wie Bartholomäus, der im Lebkuchenmuseum arbeitet. Seine Familie stammt aus Thorn, aufgewachsen ist der junge Mann aber in Deutschland, bevor er zum Studium nach Polen kam.

Nun verrät er polnischen und deutschen Besuchern die Geheimnisse der berühmten Thorner Spezialität. „Legt nun bitte die Hand auf die Brust“, fordert er zum Lebkucheneid auf. Erst danach dürfen die Besucher selbst Teig kneten und Lebkuchen formen. Schade für Naschkatzen: „Versprecht, keinen Teig zu naschen“, verlangt Bartholomäus. Doch keine Bange, das fällt nicht schwer. Die Lebkuchen, die aus Besucherhand entstehen, sind nur Zierwerk. Früher knabberte daran, wer Bauchschmerzen oder Halsweh hatte. „Sie waren hart wie Zwieback“, erzählt Bartholomäus. Erst im 20. Jahrhundert entstand weicheres Gebäck - Kostproben davon gibt es im Museum und in einem speziellen Lebkuchengeschäft am Marktplatz zu kaufen.

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