Der Hype um „Pokémon Go“ ist groß, auch mehr als drei Wochen nach dem offiziellen Deutschland-Start. Dass das Spiel auch in die Fabrikhallen schwappt, gefällt vielen Unternehmen nicht. Foto: AFP

Bei Unternehmen wie Bosch, BASF oder Daimler ist das Smartphone-Spiel tabu. Andere Firmen wie der Energieversorger EnBW nutzen die Popularität der Monsterjagd geschickt für die Eigenwerbung.

Stuttgart - Das braun-gelbe Monster sitzt mitten auf dem Schreibtisch, neben dem Computerbildschirm. Es dreht seinen Kopf ein wenig zur Seite, hebt die Flügel und hüpft auf und ab. Ein Pokémon am Arbeitsplatz? Derzeit wohl in vielen Unternehmen an der Tagesordnung – denn die Monster machen vor keinem Ort halt. Natürlich sitzen sie nicht wirklich auf dem Büroschreibtisch, sondern sind nur virtuell: Das Smartphone-Spiel „Pokémon Go“ verbreitet sich derzeit auch hierzulande millionenfach auf kamerafähigen Handys. Doch das reicht aus, um bei einigen deutschen Unternehmen für ziemliches Unbehagen zu sorgen. Die Firmen fürchten durch die kleinen Spaß-Monster auf dem Smartphone-Bildschirm zu tiefe Einblicke in die sonst penibel geschützte Welt hinter ihren Werkstoren zu geben. Denn um mitspielen zu können, muss man seine Umgebung fotografieren, zum Beispiel seinen Arbeitsplatz. „Pokémon Go“ animiert die Nutzer dazu, virtuelle Monster zu fangen, die mit Hilfe von GPS-Daten auf einer Landkarte auf dem Smartphone angezeigt werden. Bewegt sich der Jäger in der echten Welt in die Nähe eines virtuellen Pokémon, erscheint das Monster als hüpfendes Etwas auf dem Handydisplay. Inmitten der realen Umgebung – „augmented reality“ heißt das Prinzip, auf dem das Spiel beruht und das die echte Welt mit der virtuellen verbindet.

Bosch etwa hat deshalb seine Beschäftigten in den vergangenen Tagen via Intranet aufgefordert, das Pokémon-Go-Spielen sein zu lassen. „Wir haben unsere Mitarbeiter noch einmal über die geltenden Sicherheitsbestimmungen informiert“, sagt ein Bosch-Sprecher unserer Zeitung. Demnach sei das vom japanischen Software-Riesen Nintendo und der US-Firma Niantic entwickelte Smartphone-Spiel „auf dem Betriebsgelände jetzt tabu“.

Firmen fürchten allzu tiefe Einblicke ins Unternehmen

Für Firmen ist das Spiel ein Problem, denn die Smartphone-Kamera erfasst beim Spielen die tatsächliche Umgebung innerhalb der Werkstore. In manchen deutschen Vorstandsetagen geht nun offenbar die Angst um, dass sensible Firmendaten beim Spielen – etwa in Pausenzeiten – durch einen unbedarft erstellte Screenshot (einen Schnappschuss vom Bildschirm) quasi en passant nach außen gelangen könnten. Das Spiel sei nicht mit den bestehenden Regeln zum Daten- und Informationsschutz vereinbar, heißt es etwa vom weltgrößten Chemiekonzern BASF. „Pokémon Go“ greife „auf die Kamera und ortsbasierte Daten des Smartphones“ zu. Ähnlich wie Bosch oder BASF erlaubt auch der Stuttgarter Autobauer Daimler die Nutzung von Handykameras auf dem Werksgelände nicht. „Ohne Kamera ist ‚Pokémon Go’ aber nicht nutzbar“, sagt eine Sprecherin des Automobilriesen.

Im Klartext heißt das, dass auch bei Daimler die virtuelle Monsterjagd zwischen Sportcoupés und Luxus-Limousinen nicht gestattet ist – wenngleich die Konzernführung kein explizites „Pokémon-Go“-Verbot ausgesprochen hat. Der Arbeitsschutz weise Arbeitnehmer allerdings schon seit Jahren darauf hin, sich auf dem Gelände nicht durch Handynutzung ablenken zu lassen, sagt die Sprecherin. Auch in diesem Jahr gebe es eine allgemeine Kampagne, die darauf abziele, den Werksverkehr sicherer zu machen und Handys auf dem Gelände daher gar nicht erst auszupacken. Klar, dass gelbe, grüne, orangenfarbene Monster, die vom Software-Algorithmus von „Pokémon Go“ an den verschiedensten Stellen platziert werden, hinter dem Werkstor und auf den Straßen des Firmengeländes also nur ungern gesehen sind. Auch bei Bosch heißt es, man habe gegenüber seinen Mitarbeitern „auch eine Fürsorgepflicht“ in Sicherheitsbelangen.

EnBW und Mahle lassen Mitarbeiter Pokémons jagen

Einige Konzerne dagegen nehmen die virtuelle Monsterjagd locker. Beim Zuffenhausener Sportwagenbauer Porsche heißt es, zu einem Thema, das bei Porsche keines sei, könne man auch keine Stellung beziehen. Der Automobilzulieferer und Bosch-Konkurrent Mahle aus Stuttgart verbietet das Spielen von „Pokémon Go“ auf seinem Werksgelände nicht. In den Pausen und nach der Arbeit könne jeder Mitarbeiter machen, was er wolle, sagt ein Konzernsprecher. Also eben auch Monster-jagend über das Werksgelände spazieren. „Die sensiblen Bereiche sind sowieso unzugänglich“, heißt es. Dass sich ein Pokémon bereits in den Büroräumen verirrt habe, um dort eifrige Monsterjäger von der Arbeit abzulenken, sei ihm nicht bekannt - letztlich liege das in der Verantwortung der einzelnen Angestellten.

Der Karlsruher Energiekonzern EnBW hingegen fördert das Spiel „Pokémon Go“ sogar. „Unsere Mitarbeiter dürfen spielen“, heißt es. Auf dem frei zugänglichen Teil des Firmengeländes befänden sich mehrere sogenannte Pokéstops – also Stationen, an denen es besonders viel zu holen gibt. Um die schwer beanspruchten Handy-Akkus der Pokémon-Jäger wieder aufzuladen, haben einige junge EnBW-Mitarbeiter sogar eine mobile Ladestation entwickelt, die einer großen Batterie auf einem Bollerwagen ähnelt. Mit dem Vehikel ziehen die Angestellten inzwischen sogar durch Karlsruhe und bieten Passanten an, sich anzudocken. Die Idee sei aus einer Diskussion im Mitarbeiter-Blog entstanden, sagt eine EnBW-Sprecherin. Man unterstütze dass Projekt, das in der Stadt gut ankomme. Einen Hintergedanken habe man nicht. Die Abgabe des Strom sei immerhin kostenlos.

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