Behindert ja, verhindert nein: Der Backnanger Kai Bosch, 21, rockt die Bühnen und sammelt Preise. Seine Auftritte sind Aufklärungsunterricht für Hirne, die in Schubladen denken.
Stuttgart - Er bewegt sich ein bisschen mühsamer als andere, und wer ihm zuhört, sollte der Zeit eine Chance geben. Tetra-Spastik bedeutet: Es gibt Bremsen in Armen und Beinen. Und er stottert. K, p oder t: Harte Konsonanten sind die Wehre im Fluss seiner Sprache. Aber was heißt das schon, wenn das, was Kai Bosch, 21, zu erzählen hat, die Koordinaten neu setzt im Denken und Empfinden einer streng getakteten Gesellschaft mit ihrem Hang zur Perfektion.
Praktikum in der Sportredaktion
Es ist schon ein paar Jahre her, als seine Mutter unsere Sportredaktion bat: „Bitte, dürfte mein Sohn ein Praktikum bei Ihnen machen?“ Gegenfrage: „Warum ruft er denn nicht selber an?“ Heute fläzt sich der junge Mann in seinen Stuhl, lacht und sagt: „Meistens hatte die andere Seite schon aufgelegt, bevor es mir gelang, meinen Namen zu sagen.“
Er ging anfangs bisweilen verloren auf dem eiligen Weg vom Ressort in die Konferenz und wieder zurück. Und mit dem Schreiben hat es auch ein wenig länger gedauert. Aber er brannte sich ein mit seiner Ausdauer, Hartnäckigkeit und Leidenschaft in die Festplatten der Kolleginnen und Kollegen. Kai Bosch sagt, dass er damals viel gelernt hat über die Arbeit eines Journalisten. Und die Redaktion erinnert sich, dass der junge Mann aus Backnang reichlich Anlass bot zu interessanten Gesprächen. Mit der immer gleichen Erkenntnis: Behindert sind zuvorderst wir selbst – wegen der Schubladen im Kopf.
Von kleinauf VfB-Fan
Und als gelte es das zu beweisen, studiert Kai Bosch inzwischen Kommunikationswissenschaft im zweiten Semester. Er will, er kann, er macht. Er wohnt in einer Studenten-WG in Stuttgart, er ist, so lange er denken kann, ein Fan des VfB Stuttgart, er hat zwei Bücher geschrieben („Laberaffe“, „Tagträumer“), er bringt es auf 170 Auftritte als Poetry-Slammer, es gibt Rap-Songs von ihm, eine eigene Website und Schauspielauftritte quer durch die Republik.
Sein Vater, ein IT-Fachmann, formt die Hand zu einer Mulde und erzählt mit gesenkter Stimme: „Da hat er reingepasst. So winzig war unser Kai.“ Der Sohn kam drei Monate zu früh zur Welt. Und es war nicht ganz klar, ob er das alles überstehen würde. „Die Chancen standen gar nicht so toll“, erinnert sich Günther Bosch. Monatelang schlief das Baby mit einer Alarmsonde. Begleitet von der Angst der Eltern. Nacht für Nacht. „Atmet unser Kind noch?“, fragte Elke Bosch immer und immer wieder. Der kleine Mann aber kämpfte und siegte.
Die Bundesliga hilft schreiben lernen
Wer weiß, vielleicht hat sich damals schon manifestiert, was seine seelischen Abwehrkräfte stärkte gegen die Widernisse, die seine Handicaps mit sich bringen sollten. Die Ärzte jedenfalls schüttelten mit schweren Gedanken den Kopf: „Womöglich wird er nie von Hand schreiben können. Und wahrscheinlich sitzt er spätestens mit 20 Jahren im Rollstuhl.“ Das Schreiben lernte er trotzdem – weil der Papa dem glühenden Verehrer von VfB-Torhüter Timo Hildebrand regelmäßig auftrug, die Bundesliga-Paarungen vom nächsten Wochenende zu notieren. Später ersann der Junior eigene Weihnachtsgeschichten und Reime.
Panne beim Stuttgart-Lauf
Weil die Mama, eine Krankengymnastin, nichts unversucht ließ, weil ihr kein Weg zu weit erschien, weil in Kinderjahren die Praxen von Physio- und Ergotherapeuten sein zweites Zuhause waren und ihn eine schwierige Beinoperation von schlimmen Schmerzen befreite, sitzt Kai auch nicht im Rollstuhl. Er lief sogar schon beim Stuttgart-Lauf mit. „Ich war danach so kaputt, dass mich die Sanis gleich auf die Trage legten“, erzählt er und lacht sich krumm, „ich konnte so schnell ja gar nicht sagen, dass ich mich nur kurz mal erholen muss.“
Er schien sich jedenfalls früh entschieden zu haben, dass eine Behinderung zwar nicht das Normalste von der Welt ist, aber auch nichts, dem man sich kampflos ergeben müsste. Auf der täglichen Fahrt zur Körperbehindertenschule in Markgrönigen saßen Kinder mit im Bus, die gerade mal noch den Kopf bewegen konnten. Kai sagt: „Schon als kleines Kind war ich dankbar für das, was ich selber konnte.“ Sein Ehrgeiz war geweckt: Er schaffte den Sprung in die Regelschule.
Erfolgserlebnis mit der Stottertherapie
„Mein Sohn“, sagt der Vater stolz, „hat sich bis heute nie beklagt.“ Und Kai erwidert mit dem Achselzucken des Souveränen: „Ich weiß ja auch nicht, wie es anders wäre.“ Dann hebt er die Hand und bittet um Aufmerksamkeit für die Story von der Kasseler Stottertherapie. Es war nach Abschluss der Realschule und vor dem Wechsel aufs Gymnasium. „Wenn er ans Telefon ging“, erzählt Günther Bosch, „hat niemand ein Wort verstanden.“ Kai erinnert sich: „Wir waren damals alle ziemlich verzweifelt.“ Dann hat die Familie gemeinsam entschieden: So kann es nicht mehr weitergehen. Kai meldete sich zum Lehrgang in Kassel an. Sein Vater ringt noch heute um Fassung: „Schon Tage später rief er mich an und hat eine Stunde lang mit mir geplaudert.“ Kai Bosch sagt: „Das Stottern geht nie ganz weg.“ Dann spannt er selbstbewusst den Rücken: „Aber es ist sehr viel besser geworden.“ Er trainiert an einem Sprachcomputer und macht Atemübungen.
Kaum zu glauben: Im November desselben Jahres stand er zum ersten Mal auf der Bühne beim Poetry-Slam. Seit ihn seine Eltern zu dieser vergnüglichen Art von Dichterwettstreit mit selbst geschriebenen Texten mitgenommen hatten, brannte in ihm das Feuer der Leidenschaft: „Das will ich irgendwann auch können!“
Zwar war beim Debüt das Zittern seiner Knie bis in die erste Reihe zu hören, aber seine Stimme war so fest wie sein Wille. Er siegte auf Anhieb, der Stuttgarter Musiker und Poetry-Slam-Macher Nikita Gorbunov entdeckte das Talent und empfahl es weiter. Kai Bosch feierte die baden-württembergische U-20-Meisterschaft, er trat im Audi-Max der Uni Konstanz vor 700 Leuten auf, bei der Landesgartenschau in Mühlacker vor 1000 Zuhörern, eine Backnanger Theaterkompanie engagierte ihn als Schauspiel-Praktikanten in einem prämierten Stück über die Euthanasie. Aber seine Energie reichte für noch mehr.
In jeder freien Minute arbeitete er an seinem ersten Buch „Laberaffe“. Ein 300 Seiten umfassender Comedy-Roman mit autobiografischen Zügen – 2014 im Selbstverlag erschienen. Zwei Jahre später kam im Lektora-Verlag sein zweites Werk auf den Markt: „Tagträumer“, eine Sammlung von selbst geschriebenen Poetry- und Rapper-Texten. „Wenn er etwas will“, bestätigt sein Vater, „dann kriegt er es auch hin.“
Abi mit Note 2,3
Er schrieb mit krakeliger Schrift und Zeitzugabe das Abitur, Note 2,3, und hatte Mitleid „mit denen, die meine Arbeiten korrigieren mussten“. Jetzt büffelt er für die Uni und feilt weiter an seiner Karriere als „Poetry-Poet“. Er kann sich vorstellen, auch in Zukunft auf der Bühne zu stehen und Bücher zu schreiben, „die sich am besten 200 000-mal verkaufen“. Workshops in einer inklusiven Schreibwerkstatt hat er bereits geleitet. Weitere Optionen: Sportjournalist oder ein Job im Marketing.
Schubladen im Kopf
Ob er eine Freundin hat, will der naseweise Reporter wissen. „Dacht’ ich mir, dass Sie das fragen“, antwortet er. „Ich habe mich schon Hals über Kopf in das eine oder andere Mädchen verliebt“, gibt er zu und ergänzt mit Bedauern im Blick: „Aber meine Handicaps sind da natürlich nicht gerade hilfreich.“ Die Schubladen im Kopf übertünchen oft noch die wahren Gefühle. „Manchmal“, sagt Kai Bosch, „spüre ich die Blicke, die mir sagen: Irgendwas an dem ist komisch. Dann lernen sie mich kennen und denken: Donnerwetter, der hat richtig was auf dem Kasten.“