Beim Poetry Slam für migrantische und nicht-weiße Poeten im Pavillon der IG Kultur sprechen die Künstler über Identitätskrise, Alltagsrassismus und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Und es geht um viel mehr als nur um das rechte Treffen in Potsdam.
Sein Statement ist eindeutig: „In Zeiten, in denen sich Rechte treffen und uns alle abschieben wollen, ist es gut, dass wir mehr Platz einnehmen“, sagt Perican Yeliz Tan am Samstagabend im Pavillon der IG Kultur. Es ist Poetry Slam, sie hat gemeinsam mit der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg dazu eingeladen. Und die Bude voll gekriegt.
Perican Yeliz Tan und die den Grünen nahe Böll-Stiftung wollen Brücken bauen und Menschen eine Bühne bieten, die sie im Poetry Slam nicht so oft bekommen: migrantische und nicht-weiße Poeten. „Der Poetry Slam ist ein wahnsinnig kartoffeliges Event“, sagt der Moderator Nikita Gorbunov, selbst Slammer aus Stuttgart. Kartoffelig steht für deutsch; ähnlich stereotyp wie so viele andere Begriffe, und fügt hinzu: „Das wollen wir heute hinterfragen.“
Die Texte erzählen von Erfahrungen, die die Poeten in Deutschland machen
Sechs Slammer aus ganz Deutschland haben den Weg nach Sindelfingen auf sich genommen, um ihre Texte vorzutragen. In zwei Runden präsentiert jeder jeweils einen, am Ende gibt es ein Finale zwischen den beiden besten. Wer die sind, bestimmen handverlesene Juroren aus dem Publikum. Allerdings geht es nicht um den Wettkampf, wie der Moderator wieder und wieder betont. Überhaupt könne man die Texte gar nicht miteinander vergleichen. Man macht es trotzdem. Der Preis: Ein Notizbuch.
Die Texte sind eindrucksvoll. Sie sind mal kurz, mal lang, mal gereimt, mal nicht. Alle erzählen von Erfahrungen, die die Poeten in Deutschland machen. Sie handeln von dem Gefühl, nicht dazuzugehören, von Alltagsrassismus, Identitätskrisen und Familie.
Mariam Al-Falou erzählt von ihrer Deutschlehrerin, die sie nach ihrer Position zum 11. September fragte und ihren Namen nach etlichen Nachfragen immer noch nicht aussprechen konnte. Shirin Zettl erzählt, wie Fremde sie fragten, wo sie denn wirklich herkomme – und stellt nach zig Rateversuchen fest, dass es eigentlich nur um die Frage „Wie schwarz bist du?“ geht. Die Frage ist keine Frage, sie ist eine Aussage.
Tuba Rahmann aus Reutlingen kritisiert Hass, Hetze und die Macht der Medien. Hanaa Abdella spricht von Vorurteilen und ihrem scheinbaren Dasein in einem Wartezimmer. Marie Binni Zá Royal spricht davon, dass sie nie so ernst genommen wird wie alte weiße Männer. Vor allem von diesen nicht. Und Alieren Renkliöz vertont in seinen Texten immer wieder Geräusche von Schüssen, beschreibt Panik und Blutspritzer. Die Bilder, die beim Zuhören im Kopf entstehen, sind grauenvoll.
Die aktuellen Demonstrationen, die als Reaktion auf das rechte Treffen in Potsdam überall im Land entstanden sind, spielen dabei nur am Rande eine Rolle. Dass es Menschen gibt, die gut die Hälfte Sindelfingens ausweisen wollen, erwähnt Nikita Gorbunov. Doch dabei bleibt es. Vielleicht, weil es um mehr geht. Nicht nur um die AfD, nicht nur um Menschen, die sich offen rechts positionieren. Sondern um jeden. Und um das Alltägliche. Mariam Al-Falou kritisiert die Migrationspolitik der Regierung. „Wer hat es wirklich verdient, im schönen Deutschland zu bleiben?“, das sei die Grundlage für deren Politik. Sie sagt: Das Aufwachen komme zu spät, die AfD sei jetzt Realität.
Am Ende gewinnen Mariam Al-Falou und Alieren Renkliöz den Wettbewerb. War aber ja gar keiner, betont der Moderator. Das Notizbuch teilen sie sich. Wie das funktionieren soll? „Ich schicke es dir zu, wenn es halb voll ist“, sagt Mariam Al-Falou zu ihrem Mitgewinner. Sie ist dankbar, dass sie an diesem Abend nicht die Einzige auf der Bühne ist, die migrantisch oder nicht-weiß ist. Wie sonst so oft.