Podium Festival Esslingen Die Rückkehr des Staunens

Von Susanne Benda 

So sah 2016 die Villa Merkel bei der Aufführung von Terry Rileys „In C“ aus Foto: Leonard Higil
So sah 2016 die Villa Merkel bei der Aufführung von Terry Rileys „In C“ aus Foto: Leonard Higil

Das Esslinger Podium-Festival will Klassik auf neue Weise präsentieren und hat jetzt Bachs Goldberg-Variationen aufgemischt. Noch bis zum Wochenende belebt das Festival wieder die Kleinstadt am Neckar.

Esslingen - Sie spielen in Fabrikhallen und in einer Glasmalerei. Programmzettel gibt es, wenn überhaupt, erst nach dem Konzert. Vor allem das „Vergangenheitsgepäck“, das heute gemeinhin bei der Präsentation klassischer Musik mitgeschleppt wird, wollen die Macher des vielfach preisgekrönten Esslinger Podium-Festivals rund um dessen Gründer, den Cellisten und Kulturmanager Steven Walter, abwerfen. Begeisterung soll an die Stelle zementierter Darbietungsrituale treten: damit auch Menschen diesseits der sechzig das Alte als aufregend neu erleben können.

Noch bis zum kommenden Wochenende belebt das Podium-Festival wieder die Kleinstadt am Neckar: mit Programmen voller kreativer Grenzüberschreitungen zwischen verschiedenen Stilen, Gattungen und Besetzungen, die sehr unterschiedliche Zuschauergruppen anziehen. Dabei ist das Ungewöhnliche derart gewöhnlich geworden, dass man selbst bei der Ankündigung einer Aufführung von Bachs „Goldberg-Variationen“ alles andere erwarten darf als eine bloße Reproduktion der alten Noten an einem neuen Konzertflügel.

Bach, in den Klangfarbtopf gefallen

Der war zwar auch am Montagabend im Erdgeschoss der Villa Merkel aufgebaut, aber an seiner Seite, über ihm in der Galerie und verstreut in anderen Zimmern standen und saßen Musiker mit Geigen, Bratschen, Celli, Akkordeon und Cembalo, und nachdem der Mann am Schifferklavier Bachs einleitende Aria schon zehn Minuten vor Konzertbeginn leise und immer lauter intoniert hatte, fanden die Instrumente bei den folgenden Variationen in unterschiedlichsten Kombinationen zusammen.

So erlebte das Publikum dicht neben den Ausführenden das Stück so, als sei es in einen Klangfarbtopf gefallen, und etliche wunderschöne Variationen – darunter ein Pizzikato-Trio aus dem Nebenzimmer und zwei schöne Duos der beiden Tastenkonkurrenten Klavier und Cembalo – sorgten nicht nur passagenweise für eine Rückkehr verloren gegangenen Staunens sowie (allem „Eventcharakter“ der ungewöhnlichen Darbietung zum Trotz) für erhöhte Konzentration, sondern auch für eine Wiederentdeckung des Spielerisch-Experimentellen, das Bachs Musik eben auch innewohnt.

An der Tatsache, dass das Niveau der Musiker sehr unterschiedlich ist, muss das Festival noch arbeiten. Sein Motto „Musik, wie sie will“ mag ja eine These sein. Aber Musiker dürfen nicht nur wollen, sondern müssen unbedingt auch können.

Noch bis 13. Mai. www.podiumfestival.de

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