Von Heimatlosen und Schäfern auf Wanderschaft: Im Podcast „Archiv der Straße“ spricht Uwe Kassai mit Menschen aus Stuttgart und der Region über ihr Leben auf der Straße.
Aus Stuttgart, 38 Jahre alt, Untermieter, Bürgergeldempfänger, „mach noch was ehrenamtlich nebenher“, stellt sich Marvin vor. Und ja, er ist substituiert: „Ich krieg halt einen Ersatzstoff, und gut isch. Den brauche ich, um den Alltag zu meistern.“ Was Marvin vor allem ist: Experte für die Lebensumstände auf der Straße. Und um solche Experten geht es in Uwe Kassais außergewöhnlicher Podcastsammlung „Archiv der Straße“.
Wenn die Notunterkunft zum Zuhause wird
Der Stuttgarter Podcaster stellt jede Woche eine knapp dreißigminütige Folge ins Netz; jedem seiner Protagonisten widmet er mehrere Folgen. In „Staffel#06“ trifft er Marvin unter der Paulinenbrücke am Paule Club. Den hat Marvin mitgegründet; hier verteilt er als ehrenamtlicher Streetworker Essen, Kleidung, Spritzen an andere Suchtkranke und Bedürftige. Von hier geht es in eine Obdachlosenunterkunft, wie auch Marvin sie kennengelernt hat in der Zeit, als er „Platte gemacht hat“, wie er sagt. Kann so eine Unterkunft ein Zuhause sein?, fragt ihn Kassai. „Solange du dort bist, ist es dein Zuhause. Du hast gar keine andere Möglichkeit.“
Marvins „Höllenjahre“ in der Pflegefamilie
In der zweiten Episode, die an diesem Samstag erscheint, wird Kassai vorab eine Triggerwarnung aussprechen – die Schilderungen von Gewalt, die darin vorkommen, könnten verstören. Marvin wird von seiner Pflegefamilie erzählen, in der er im Alter von vier bis zehn Jahren lebte. „Die Höllenjahre“, nennt er die Zeit, weil sie geprägt war von Rassismus – Marvin ist schwarz – und von brutaler Misshandlung. Und er wird berichten von dem, was daraus folgte: Schulprobleme, Kiffen, Alkohol, immer wieder Ärger mit der Polizei, der erste Rausschmiss von zuhause. Der Beginn seines Lebens auf der Straße.
„Berichte von draußen“ lautet der Podcast-Untertitel, von Kassai bewusst weit gefasst. Denn es geht ihm nicht nur um Obdachlose, Menschen in prekären Lebenssituationen. Da ist zum Beispiel auch Jonas Henniger. Von Beruf: Schafhirte. Und zwar einer, der im Winter mit seiner Herde von den Sommerweiden auf der Schwäbischen Alb bei Münsingen in Richtung Donau zieht und wochenlang Tag und Nacht draußen ist. Was das mit einem macht, was Schafe alles so drauf haben und dass es Schäfer mit Burn-out gibt – all das kann erfahren, wer Hennigers launigen, lebensweisen Storys lauscht.
Oder Maryam, eine junge Geflüchtete aus Afghanistan, die schon in fünf Ländern gelebt hat und weiß, was es heißt, auf der Flucht zu sein. „Die Reisenden“ wiederum, das sind die Stuttgarter Sinti Peter Reinhardt und Mano Guttenberger, die ihre Zuhörer hineinführen in den für die meisten fremden Kosmos der „Landfahrer“, der behaftet ist mit Vorurteilen und Diskriminierung.
Den Begriff Straße im Podcasttitel versteht der Filmemacher, Autor und Podcaster weniger wörtlich denn als „Metapher“, wie er sagt. Seine thematische Klammer sind „Orte und Räume, Zwischenräume und Nischen jenseits der üblichen Wohnstätten, des Behausten“ – so steht es auf der Podcast-Homepage. Wer ihn interessiert: Menschen, die – dauerhaft oder vorübergehend – „außerhalb der bürgerlichen Normalerfahrung eines ‚Zuhauses’ leben“. Konkreter: „Reisende, Wanderer, Ausgestoßene, Verirrte, Suchende und Rastlose“.
Angie machte im November 2025 den Anfang, wie Marvin „daheim“ unter der „Paule“ bei all den anderen Suchtkranken und Substituierten, die sich hier seit Jahrzehnten treffen. Die mit Zwölf anfing, Heroin zu drücken, auf den Strich ging, doch jetzt mit ihren zwei Hunden in Möhringen in einer kleinen Wohnung lebt, aber noch immer zu den Stammgästen des Paule Clubs gehört, der seit der Corona-Zeit als Ankerpunkt dient für die „Scene“, wie sie ihre Community nennen. Es ist der Ort ist, der den Anstoß zu Kassais ungewöhnlichem Podcast-Projekt gab. Im Auftrag der Heinrich Böll Stiftung drehte der 62-Jährige den Dokumentarfilm „Unter der Paule“ und kam so in Kontakt mit Angie und den anderen. Weitere TV-Dokus folgten, doch dann habe er den Wunsch verspürt, von solchen Themen anders als mit der Kamera zu erzählen.
Sein „Archiv der Straße“ führt Kassai regelmäßig zu Orten in Stuttgart, um die viele andere einen Bogen machen oder die sie lieber schnell hinter sich lassen. Die Hall of Fame etwa, die Sprayer-Zone unter der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt, die viele Obdachlose als Schlafplatz nutzen. Oder die sogenannte City Plaza der Haltestelle Stadtmitte, in deren Unterführungen Tag und Nacht Menschen campieren. Ein Unort und ein Zuhause – der City Plaza will Kassai eine seiner nächsten Staffeln widmen.
Hermetisch abgeschirmte Räume öffnen, den Blick weiten, einen Dialog herstellen, darum gehe es ihm , sagt Kassai. „Normalerweise bleibt man in seiner Gruppe. Mein Podcast eröffnet neue Perspektiven und zeigt, wie unsere Gesellschaft zusammen gesetzt ist.“ Indem er jenen Gehör verschafft, die oft an den Rändern leben, die sonst kaum wahrgenommen werden, verleiht er ihnen nicht zuletzt Respekt und Würde.
Kassai nimmt sich viel Zeit, um Kontakt zu seinen Gesprächspartnern zu knüpfen, Vertrauen zu gewinnen. Nur so sind die langen Gespräche mit ihnen, die er dann irgendwann aufnimmt, möglich. Meist tritt der Podcaster selbst nur ab und an als Fragesteller in Erscheinung, bei Marvin erlaubt er sich ein paar ausführlichere Erklärungen. Seine Interviews transportieren viel Atmosphäre. Beim Hirten hört man die Schafe blöken, das Gebell der Hunde, das Atmen beim Gehen. Bei Marvin ist der Lärm der Straße immer präsent. In den Gesprächen, die eher Monologe sind, kommt die Persönlichkeit der Protagonisten wie auch deren soziale Realität zum Ausdruck. Ihre Sprache, ihr Jargon, ihre Selbstwahrnehmung – all dies kann sich im Podcastformat entfalten. Marvin erzählt gut gelaunt, oft mit Witz und Sarkasmus. Aber auch Wut und Schmerz schimmern durch, wenn er von den bitteren Jahren in der Pflegefamilie spricht.
Bilder können im Kopf der Zuhörer entstehen
„Meine Protagonisten müssen nicht ihr Gesicht in die Kamera halten. Das sind echte Gespräche, die ich mit ihnen führe“, sagt Kassai; es gehe nicht ums Abchecken von Fakten wie bei einer journalistischen Herangehensweise. „So können Bilder im Kopf der Zuhörer entstehen, Bilder, die nicht alles andere sperren, wie es eine Fernsehkamera tun würde.“ Für die Länge der Blöcke, die, wollen sie ganz durchgehört werden, von der Zuhörerschaft Ausdauer verlangen, hat sich Kassai bewusst entschieden. „Das tut den Personen und ihren Geschichten gut.“ Er sieht sein Format auch als Kontra zu den medialen Trends, die auf eine immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne bei den Nutzern setzen. Die Interviews, die er mit Hilfe einer KI transkribiert, muss er freilich bearbeiten – zwei Wochen pro Staffel, sagt er, verbringe er mit dem Schnitt, um das Material zu raffen, einen guten Redefluss herzustellen.
Der Podcast ist für Kassai ein „Herzblut-Projekt“; Neugier, echtes Interesse für seine Gesprächspartner ist sein Motor. Mit Aufträgen aus Werbung und Industrie kann er das Projekt mitfinanzieren, zudem erhält er Förderungen. Die nächsten Staffeln stehen fest. Die Themen an den Rändern der Gesellschaft werden Uwe Kassai nicht ausgehen.
Das „Archiv der Straße“
Person
Uwe Kassai aus Stuttgart hat an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg Dokumentarfilm studiert und ist als freier Regisseur, Podcaster, Autor und Produzent tätig. Er produziert neben TV-Dokus unter anderem auch Werbe- und Industriefilme.
Podcast
Die Podcastfolgen sind auf archivderstrasse.de sowie bei Podcast-Plattformen wie Audible.de oder Podcast.de abrufbar. Der Podcast „Archiv der Straße“ wird unter anderem von der Bürgerstiftung Stuttgart und der Heinrich Böll Stiftung gefördert.