Joachim Seule war wahrscheinlich das erste Kind, das in der Siedlung Stumpenhof geboren worden ist. Auch seine Frau Heiderose fühlt sich dort zu Hause. Foto: /Robin Rudel

In den 1950er Jahren ist in der Nähe des Stumpenhofes in Plochingen eine neue Siedlung entstanden. Vor allem Heimatvertriebene fanden damals in den Reihenhäusern ein Zuhause. Auch heute noch ist der Stadtteil sehr attraktiv.

Wenn Joachim Seule und seine Frau Heiderose in wenigen Worten die Vorzüge ihres Wohnorts beschreiben sollen, fallen ihnen gleich zwei Besonderheiten ein: die Nähe zur Natur, also zum Wald, der innerhalb weniger Minuten zu Fuß erreichbar ist, und der wunderschöne Ausblick, der von der Burg Teck bis hin zum Stuttgarter Fernsehturm reicht. Und während des kurzen Spaziergangs durch ihre Heimat, den Plochinger Stumpenhof, fallen ihnen noch viele weitere Gründe ein, weshalb sie dort gerne wohnen.

 

Auch wenn der Stumpenhof in diesem Jahr 300 Jahre alt wird, die eigentliche Siedlung entstand erst 1953. Damals herrschte in der Region großer Wohnungsmangel, weil viele Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in den Landkreis kamen. Um dem Mangel entgegenzuwirken, baute die Stadt auf dem Hügel ein neues Wohngebiet. Zuvor gab es nur Wald und Wiesen dort oben, deshalb konnten sich viele eingefleischte Plochinger nicht vorstellen, dass beim alten Stumpenhof eine attraktive, moderne Siedlung entstehen könnte.

Schon immer ein Stumpenhöfer

Vor allem Vertriebene fanden in dem neu gebauten Stadtteil ein Zuhause. So auch Joachim Seules Eltern, die aus Schlesien stammten. „Ich war das erste Kind, das in der neu gebauten Siedlung geboren wurde“, erzählt der 67-Jährige. „Das hat mir zumindest meine Mutter immer erzählt.“ Belegen lässt sich das nur schwer, aber möglich ist das durchaus. Seule ist Jahrgang 1954. Damals standen bereits die ersten Reihenhäuser in der Teckstraße. Zu der Zeit seien die Straßen nicht befestigt gewesen. „Ich erinnere mich noch gut an die Schottersteine auf der Straße“, sagt Seule. Bei einem Spaziergang durch die Siedlung erzählt er von all den Jahren, die er zwischen den langen Reihenhäusern verbracht hat. Die Straßen, die Namen wie Sudenten- oder Schlesierweg tragen, kennt er wie seine Westentasche. Seine Frau Heiderose begleitet ihn.

Seule hat nie woanders gelebt. Zwar arbeitete der Radiologie-Assistent zwischenzeitlich in Ludwigsburg, wo er auch ein Zimmer angemietet hatte, doch seinen Wohnsitz auf dem Stumpenhof hat er nie aufgegeben. Umgezogen sei er immer nur innerhalb des Stadtteils – bis heute. Hier verbrachte er seine Kindheit und Jugend. Hier lernte er seine Frau kennen, die als Erzieherin in einem der beiden Kindergärten arbeitete. Hier wuchsen seine drei Kinder auf. „Es ist für mich ein großes Geschenk, hier wohnen zu dürfen, das ist nicht selbstverständlich“, sagt er. An einem kleinen Parkplatz in der Teckstraße, der offenbar zu einem der langen Reihenhäuser gehört, bleibt der Stumpenhöfer stehen: „Als ich jung war, saß hier häufiger ein alter Mann, der Mandoline spielte.“

Eine eigene kleine Welt

Die Häuser in der Teckstraße waren die ersten der Siedlung. Nach und nach wurden weitere Straßenzüge errichtet. So entstand am Teckplatz ein Zentrum mit Supermarktfilialen von Nanz und Konsum. Auch eine Metzgerei, Bankschalter, eine Poststelle sowie einige kleinere Geschäfte boten den Bewohnern vieles an, was sie zum Leben brauchten. Neben dem in der ganzen Region bekannten Restaurant Stumpenhof ist auch das Café Morlock zu einer festen Grüße in dem Stadtteil geworden. Es befindet sich ebenfalls am Teckplatz, gegenüber ragt der Jubiläumsturm in die Höhe. „Das war wie ein kleines Dorf“, erzählt Heiderose Seule. Und das ist teils noch immer so. Auch wenn das Angebot im Laufe der Jahre abgenommen hat, gibt es noch immer einige Geschäfte. „Ich genieße es sehr, dass man hier noch g’schwind etwas einkaufen kann“, sagt sie.

Der große Höhenunterschied und weite Weg hinunter in die Stadt Plochingen führten seit jeher dazu, dass sich die Stumpenhöfer etwas absonderten und ihre eigene kleine Welt aufbauten. Teilweise ist es noch immer so, dass die Bewohner des Stumpenhofes und die der Stadt Plochingen sich unterscheiden. „Wenn ich gefragt werde, wo ich herkomme, sage ich immer dazu, dass ich Stumpenhöfer bin“, erklärt Joachim Seule. Es habe sich aber auch sehr viel getan in den vergangenen Jahren. „Wir sind früher noch in die Schule gelaufen“, erzählt Seule. Notwendig ist das schon lange nicht mehr, denn durch die Busanbindung ist der Stumpenhof mit dem ÖPNV gut erreichbar.

Ein vielfältiger Stadtteil

Es dauert etwa zehn Minuten, dann ist man gemütlich von Seules jetzigem Haus zur Bühleiche geschlendert. Der rund 250 Jahre alte Baum hat beinahe die gesamte Geschichte des Stadtteils miterlebt und ist vielleicht das Wahrzeichen des Stumpenhofs. Zehn Minuten, dann steht man im Grünen. Hinzu kommt die atemberaubende Aussicht der Höhenlage. Heiderose Seule, die ursprünglich aus der Gegend zwischen Schwäbisch Gmünd und Hall kommt, hat das sehr schnell überzeugt. Es sei ein lebendiger, vielfältiger Stadtteil. „Ich fühle mich sehr zu Hause hier“, sagt die ehemalige Erzieherin.

Zur Serie: Menschen leben in gewachsenen Siedlungen, besonderen Stadtteilen, abgeschiedenen Flecken, teuren Lagen. Für eine kleine Serie sehen wir uns an bemerkenswerten Orten in der Region Stuttgart um und stellen sie in loser Folge vor.

300 Jahre Stumpenhof

Lange Geschichte
Das Wohngebiet in den Hügeln oberhalb von Plochingen blickt auf eine lange Geschichte zurück. Im Jahre 1722 – der Stumpenhof feiert in diesem Jahr sein 300-jähriges Bestehen – wurde in dem Gebiet des Wörnerhofs gebaut. Ein paar Jahre später wurde das Gehöft in Stumpenhof umbenannt, weil es von dem Obertürkheimer Friedrich Stump übernommen wurde. Dieser Hof gab dem deutlich später entstandenen Stadtteil letztlich seinen Namen.

Jubiläumsbuch
Nachlesen kann man die ganze Geschichte der Siedlung in dem Buch „300 Jahre Stumpenhof – 1722 bis 2022“. Der Plochinger Pfarrer Joachim Hahn hat es zusammen mit Dagmar Bluthardt und Susanne Marin recherchiert und geschrieben. Sie berichten in dem Werk von den ersten menschlichen Spuren auf dem Plochinger Hügel und verfolgen die Geschichte bis in die Gegenwart. Von September 2022 an soll das Buch erhältlich sein.