Die Dinge, die sich um sein Haus stapeln, „brauche ich für die Sanierung.“ Foto: Sägesser

Wolfgang Schmid fällt auf im Bezirk – wegen seiner Lebensart.

Plieningen - Die Beckers ziehen aus. Noch haben sie keine neue Wohnung gefunden, aber sie suchen unter Hochdruck. Sie halten es nicht mehr aus in ihrem Zuhause. „Es wird immer schlimmer“, sagt Kristine Becker und meint ihren Nachbarn. Der säge und hämmere dauernd. „Lärm von morgens bis abends“, sagt sie. „Er sagt immer, er arbeitet.“ Vor drei Monaten sei es besonders heftig gewesen, da habe sie nur noch geheult.

Der Nachbar, deretwegen die Beckers baldmöglichst von der Neuhauser Straße wegziehen wollen, hat zweifellos eine ungewöhnliche Art zu leben. Um sein Haus stapeln sich Fahrräder, Kisten, Körbe, ein Gummitier, eine Discokugel, Bretter, Latten, Ziegel und vieles mehr. Weder die Hauswand noch die Eingangstür sind zu erkennen. Der Mann hat selbst ein Gerüst gebaut, auf dem er laut Kristine Becker immer wieder herumklettert. Manchmal in der Unterhose, wie sie erzählt. Von ihrem Wohnzimmerfenster aus hat sie den direkten Blick auf das Szenario.

Im Sommer könne sie die Fenster mitunter gar nicht offen lassen, der Geruch der gehorteten Dinge sei unerträglich. Seit vor kurzem auch noch ein Wasserfleck an der Zimmerdecke aufgetaucht ist, reicht es den Beckers. Sie wohnen Wand an Wand mit dem Nachbarn. Und der Fleck komme davon, dass ihr Nachbar das Dach abgedeckt habe, sagt Kristine Becker. Er habe zwar gesagt, dass er für die Kosten aufkomme, aber die Familie Becker möchte trotzdem weg. „Es ist sehr unangenehm, wir wollen hier raus. Es ist zu viel passiert“, sagt sie.

„Sie sind neidisch auf meine freie Lebensweise“

Der Nachbar heißt Wolfgang Schmid. Ein Name, der dieses Jahr durch die Presse gegangen ist. Schmid hat bei der Wahl zum Stuttgarter Oberbürgermeister kandidiert. Als Stadtoberhaupt hätte er sich angeblich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass es künftig weniger Vorschriften und weniger Ampeln gebe, und er hat gesagt, dass er an die Macht will, weil es in der Politik schließlich um nichts anderes gehe.

„Das ist doch ein Witz“, sagt eine Nachbarin zu Schmids Kandidatur. Die Frau, die lieber anonym bleiben möchte, geht inzwischen grußlos an ihm vorbei. „Wenn man mit ihm redet, wird es nur noch schlimmer“, sagt sie. Ihr Mann und sie sind trotzdem mit ihm verbandelt. Ihre Häuser sind ineinander verschachtelt. „Das Problem ist, ihm gehört der ganze Keller“, sagt die Frau. Sie könne nicht ausschließen, dass er im Untergrund grabe oder Wände einreiße. Sie macht sich ernsthaft Sorgen, dass eines Tages das Haus absacke. „Wir sitzen hier auf einem Pulverfass“, sagt sie.

Wolfgang Schmid weiß, dass ihm mancher Nachbar nicht wohlgesonnen ist. „Ich kann verstehen, dass es neidische Menschen gibt“, sagt er. „Sie sind neidisch auf meine freie Lebensweise.“ Er wohne seit 20 Jahren in dem Haus. Vor etwa drei Monaten habe Schmid begonnen, sein Dach zu dämmen. Und auch vorher sei er immer wieder zugange gewesen. „Ich habe hin und wieder so Kleinigkeiten gemacht, was man halt so macht als Hausbesitzer“, sagt er. Ob er irgendwann fertig ist? „Niemals, das ist mein Leben“, antwortet er.

Das selbst gezimmerte Gerüst stellt eine Gefahr dar

In Plieningen ist Wolfgang Schmid wegen seines Lebens jenseits der Norm bekannt wie ein bunter Hund. Und nicht nur dort. Sowohl bei der Stadt Stuttgart als auch bei der Polizei ist der 53-jährige Mann registriert. „Wir haben zahlreiche Vorgänge“, sagt der Polizeisprecher Olef Petersen. Sei es Beamtenbeleidigung, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, seien es Vorfälle, die die Polizei unter „Sonstiges“ auflistet. „Die Kollegen wissen ein Lied davon zu singen.“ Es handle sich um lauter Kleinkram.

Wie die Polizeibeamten sind auch die Mitarbeiter des Baurechtsamts Dauergäste an der Neuhauser Straße. „Er baut an seinem Gebäude“, sagt die Amtsleiterin Kirsten Rickes. „Das sind Sachen, die das Baurecht betreffen.“ Zum Beispiel, wenn das selbst gezimmerte Gerüst zur Gefahr wird. „In erster Linie hat er sich selbst gefährdet“, sagt Rickes, aber auch für Passanten hätte es böse enden können. Weil Schmid zunächst nicht eingelenkt hatte, sind ihre Mitarbeiter nach Plieningen gefahren, um das Gerüst eigenhändig abzubauen.

Weil der Stadtverwaltung nicht klar ist, was Wolfgang Schmid genau an seinem Haus an der Neuhauser Straße tut, hat sie ihn um Aufklärung gebeten. Bisher hat das Baurechtsamt die Absichten des 53-jährigen Plieningers noch nicht verstanden. „Wir beobachten das weiter“, sagt Rickes.

„Ich bin schwäbischer Tüftler, ich brauche Material zum Werkeln“

„Man findet immer etwas“, sagt Wolfgang Schmid. Er fühlt sich ungerecht behandelt. Leuten, die sagen, er vermülle sein Haus, sagt er: „Das sind Dinge, die ich für die Sanierung brauche. Ich bin ein schwäbischer Tüftler, ich brauche Material zum Werkeln.“

Seine Nachbarn, Kristine und Ulf Becker, fühlen sich „im Stich gelassen“. „Ich habe überall angerufen, und ich habe immer nur gehört: Wir können nichts machen“, sagt sie. Bleibt ihnen nur, selbst zu handeln. Deshalb ziehen die Beckers aus.

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