Ralf Vendel im Ausstellungsraum. Foto: factum/Granville

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst bekommt immer mehr Aufgaben. Die Ausstattung für die Spezialisten hält damit aber nicht Schritt. Ein Besuch in der Zentrale mitten im Wald.

Sindelfingen/Stuttgart - Fast könnte man das Gelände übersehen. Mitten im Wald – irgendwo zwischen Stuttgart, Böblingen und Sindelfingen – zweigt seitlich eine Einfahrt vom Weg ab. Ein Tor, dahinter einige Baracken. Viel Holz, ein bisschen erinnert der Anblick an eine Schrebergartenkolonie. Doch mit Hobbygärtnern hat das hier oben zwischen hohen Bäumen nichts zu tun. Das Areal ist der Sitz des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Baden-Württemberg. Jener Männer und Frauen, die zwischen 850- und 950-mal pro Jahr ins ganze Land ausrücken, weil es Munitionsfunde gibt. Bomben, Handgranaten – alles, was gefährlich ist.

Ralf Vendel öffnet das Tor. Seit gut 30 Jahren arbeitet er bei den Feuerwerkern, wie sich die Spezialisten selbst nennen. Inzwischen ist er deren Chef. Vieles hat sich verändert in dieser Zeit. Die Dienststelle im Wald freilich kaum. „Früher war das hier ein Munitionslager. Als die Franzosen nach dem Zweiten Weltkrieg abgerückt sind, hat deren Sprengkommando alles niedergemacht. Auf den alten Fundamenten hat man dann in den 50ern die Holzbaracken erbaut“, erzählt Vendel. Und die stehen bis heute.

Der Dienststellenleiter führt übers Gelände. Im Verwaltungsbau herrscht geradezu Hüttenromantik, wo Experten mit modernster Technik arbeiten. Das benachbarte Schulungsgebäude erinnert an ein kleines Vereinsheim. „Auch der Lehrsaal stammt aus den 50ern“, sagt Vendel und schmunzelt. Den Kamin darin haben die Feuerwerker einst selbst gebaut. Hier werden Polizisten, Rettungskräfte und Baufirmen geschult. „Alle, die bei der Arbeit als Erste Sprengkörper sehen“, erklärt Vendel. Manchmal drängen sich hier 50 Leute.

Bomben, Granaten, Kanonenkugeln

Überall blättert der Lack ab. Auch in der Lehrmittelsammlung, die wichtigen Anschauungsunterricht bei Schulungen bietet. Eigentlich wäre die doppelte Größe notwendig, um all die Stücke zu beherbergen, von der Kanonenkugel aus dem 17. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Bomben, Granaten und Zündern aus aller Herren Länder. Vom „giftigen kleinen Scheißerle“ bis hin zur HC 4000, der größten jemals über Baden-Württemberg abgeworfenen Bombe, ist alles dabei. „Blockbuster“ nannten die Briten sie, weil ihre Druckwelle ganze Wohnblöcke wegfegen konnte. Eine schaurige Vorstellung. Wie überhaupt beim Anblick all der Grausamkeiten, die sich Menschen ausgedacht haben, schnell Gänsehaut entsteht. Weil der Platz so beengt ist, stehen viele Anschauungsstücke draußen auf dem Gelände.

Nicht viel besser sieht es in der Sozialbaracke aus. Und wer Akten braucht, muss sie auch bei Regen und Schnee wie an diesem Tag durchs Freie tragen. „Wir haben hier auch viele Waldbewohner“, sagt Vendel süffisant. Siebenschläfer und Mäuse gehören hier oben zum Inventar. „Wir brauchen mehr und größere Büroflächen“, so der Chef.

Ein vollkommen neues Gelände für die 32 Mitarbeiter ist schwer vorstellbar. „Wir müssen zentral bleiben und ein anderes Areal steht in der Nähe nicht zur Verfügung“, sagt Vendel. Also muss er versuchen, aus den vorhandenen 5,5 Hektar Fläche mit Bürobaracken und zahlreichen Munitionsbunkern das Beste herauszuholen. „Ich habe beim Land schon vor zwei Jahren eine Nutzungsanforderung gestellt“, sagt er. Jeden einzelnen Raum, den er beantragt, muss er genau begründen. Eine neue Lehrmittelsammlung, Unterrichtssaal, Büros und Sozialräume wünscht er sich.

Machbarkeitsstudie für Neubauten

Ob daraus etwas wird, ist offen. „Wir sind beauftragt, eine Machbarkeitsstudie für die Errichtung eines Ersatzneubaus für die bestehenden Baracken am jetzigen Standort zu erstellen. Derzeit wird der Flächenbedarf abgestimmt. Anschließend wird ein Entwurfskonzept erstellt und die Baukosten geschätzt“, sagt ein Sprecher des Landesbetriebs Vermögen und Bau. Ergebnisse dürften wohl im Frühjahr vorliegen. „Erst dann kann über die Realisierung entschieden werden“, heißt es bei Vermögen und Bau.

Immerhin: Einen ersten Fortschritt gibt es bereits. Wenn alles glatt läuft, sollen im Mai die Arbeiten für eine neue Verpackungshalle beginnen. Sie soll 1,4 Millionen Euro kosten. Ein Jahr später könnte sie fertig sein. Munition, die nicht transportfähig ist, wird am Fundort entschärft, manches auch später im Sindelfinger Wald vernichtet. Das meiste aber wird per Lkw in Vernichtungsanlagen im Norden und Osten Deutschlands gebracht. In der neuen Halle kann all dies mit Röntgenstrahlen untersucht, aufgeschäumt und verpackt werden. „Dann könnten wir die Munition schneller wegbringen und hätten weniger hier“, sagt Vendel.

Derzeit sind die Bunker gut mit entschärftem Material gefüllt. „Hier beginnt der Gefahrenbereich“, sagt Vendel und betritt den hinteren Teil des Geländes. Lagerbunker gibt es da und Öfen zur Vernichtung von Munition. Nach wie vor werden regelmäßig Funde auf Baustellen gemacht. „Irgendwann wird das mal weniger, im Moment sieht es aber noch nicht danach aus“, weiß der Feuerwerker. Zumal die Baukonjunktur landesweit derzeit gut ist. Das bedeutet mehr Baustellen und mehr Arbeit.

38 Wochen Wartezeit für Luftbildauswertung

Das gilt auch an anderer Stelle. Denn die Aufgaben werden mehr. Dazu gehört die Luftbildauswertung von Baustellen. Sechs Leute kümmern sich darum, für Bauherren auf alten Luftbildern herauszufinden, ob das Gebiet bombardiert worden ist. Je nach Ort sind bis zu 600 Bilder vorhanden, die am Computer, aber auch auf Papier überprüft werden. Das dauert. Die Spezialisten können der Flut der Anträge nicht mehr Herr werden. Vor ein paar Jahren waren es noch rund 1300 pro Jahr, 2016 dann schon 2252. Auch 2017 sind wieder über 2000 Anträge zusammengekommen. Die Wartezeit liegt inzwischen bei 38 Wochen. Manche Bauherren weichen deshalb auf Privatfirmen aus. Finden die auf den Bildern aber etwas Verdächtiges, müssen wieder die Leute vom Kampfmittelbeseitigungsdienst ausrücken.

Dazu kommt das Thema Waffen. Seit dem Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 ist die Menge der bei Behörden abgegebenen Waffen und Munition dramatisch gestiegen. Seit damals sind im Sindelfinger Wald 350 Tonnen davon gelandet, fast 200 000 Stück. „Die Annahme hier macht ein einziger Mann, obwohl zwei Stellen geplant waren“, sagt Vendel. Bei jeder einzelnen Waffe wird erfasst, von welchem Amt sie kommt, dazu Datum, Modell, Kaliber und Seriennummer. Danach wird sie zerlegt, ausgebrannt und ins Stahlwerk gebracht. „Dort bleiben wir dabei, bis sie im Schmelzofen landet“, erzählt Vendel. Sicher ist sicher.

Vielfältiger Beruf mit Risiko

Neben neuen Räumen bräuchten die Feuerwerker also auch zusätzliches Personal. „Oft ist hier außer der Verwaltung überhaupt niemand mehr da“, sagt der Chef und schaut hinaus in den Wald. Immer wieder müssen deshalb sein Stellvertreter und er selbst ihre eigentlichen Aufgaben liegenlassen und „als letzte Lösung“ selbst ausrücken. Angst hat er dabei nicht, aber Respekt. „Bei uns hier ist der letzte schwere Unfall am 10. August 1987 passiert“, sagt Vendel. Der Kollege hat schwer verletzt überlebt, doch das Datum hat sich eingebrannt. „Damals habe ich schon überlegt, was ich hier eigentlich mache“, sagt der Chef-Feuerwerker. Er selbst hat nur kleinere Verletzungen erlitten. „Verbrennungen, Schnitte oder verstauchte Knöchel im Gelände kommen immer wieder vor“, sagt er, „ganz normale Unfälle halt. Wie beim Metzger.“

Seine Aufgabe fasziniert ihn dennoch. Nicht nur, weil man helfen kann, die Welt ein bisschen sicherer zu machen. „Das ist ein toller Beruf“, sagt Vendel. Man müsse sich mit Sprengstoffen auskennen, sehr technikaffin sein und mit Spezialfahrzeugen umgehen können. Durch den ständigen Kontakt zu Bauexperten bekomme man viel über Verbautechniken und Bodenverhältnisse mit. „Man eignet sich sehr viel Wissen an“, sagt Vendel, als es wieder zum Tor hinausgeht. Hinein in den Wald, der die Dienststelle der Feuerwerker mit ihrer hölzernen Schrebergartenromantik bereits nach wenigen Schritten verschluckt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: