Strahlender Olympiasieger: Philipp Raimund Foto: Imago/Fotostand

Einen Tag nach seinem Olympiasieg bringt Philipp Raimund das deutsche Mixed-Team zwar in Podestnähe, am Ende reicht es aber ganz knapp nicht für eine Medaille.

Es war ein denkwürdiger Abend. Und ein langer. Als Philipp Raimund nach seinem Gold-Coup auf der Normalschanze am Montag um kurz vor Mitternacht endlich ins Olympische Dorf zurückkehrte, erwartete ihn dort die komplette deutsche Skisprung-Mannschaft. Weil deren Zimmer eher klein sind, traf man sich auf dem Gang, um gemeinsam anzustoßen. Es blieb bei einem Bier – weil schon am Dienstag der Wettbewerb im Mixed-Team anstand. Im Nachhinein lässt sich sagen: Die Deutschen hätten es auch richtig krachen lassen können. Denn aus der angestrebten zweiten Medaille in Predazzo wurde nichts.

 

Das deutsche Quartett belegte am Ende Rang vier, nacht acht Sprüngen fehlten nur 1,2 Punkte zur Bronzemedaille. Entsprechend enttäuscht waren Agnes Reisch, Selina Freitag, Felix Hoffmann und Philipp Raimund. „Kleine Fehler“, erklärte Hoffmann, „werden eben bestraft.“ Vor allem Selina Freitag, in diesem Winter die stärkste deutsche Springerin, musste sich angesprochen fühlen. Im ersten Durchgang war sie bereits nach 91,5 Metern gelandet („Das tat weh“), trotzdem hatten die viertplatzierten Deutschen noch alle Chancen. Philipp Raimund („Ich hatte leider nicht den Fitness-Faktor vom Vorabend“) brachte sein Team im letzten Versuch zwar in Podestnähe, doch Japan rettete sich ganz knapp. Auch Norwegen war nur 5,3 Punkte oder knapp drei Meter besser. Der Sieg ging an das klar überlegene Quartett aus Slowenien. Aus deutscher Sicht blieb es nach drei Wettbewerben auf der Normalschanze also beim Gold-Coup von Philipp Raimund.

Philipp Raimund genießt seinen Auftritt

Der 25-Jährige war ohne Weltcupsieg zu seiner Olympia-Premiere nach Predazzo gereist – und schrieb dort ein Wintermärchen. „Es ist unbeschreiblich“, sagte er am Montagabend nach zwei perfekten Sprüngen und der Siegerehrung, „ich kann es selbst noch nicht fassen.“

Was sich nach einer der üblichen Floskeln anhörte, war der Auftakt einer beeindruckenden Pressekonferenz. Philipp Raimund, der in Göppingen geboren wurde und für den SC Oberstdorf startet, präsentierte sich als reflektierter Athlet, sprach druckreife Sätze in Deutsch und Englisch, gab private Einblicke („Meine Wohnung ist klein, aber für die Medaille werde ich schon einen Platz finden“) – und genoss den Auftritt. Erst recht in dem Moment, als er nach dem Grund gefragt wurde, warum es mit seinem ersten Sieg bis zu den Olympischen Spielen gedauert habe. Seine Antwort bestand aus einem Namen: „Domen Prevc.“

Gold-Jubel: Philipp Raimund. Foto: Imago/Laci Perenyi

Der Slowene ist der Skisprung-Dominator, der am Dienstag sein Team zu Gold führte. Klar war vor den Spielen aber auch: Wenn er in Predazzo in einem Einzelwettbewerb zu schlagen sein wird, dann auf der Normalschanze – und genau so kam es. Prevc wurde Sechster, weshalb erstmals in diesem Winter andere im Fokus standen. „Bisher habe ich ein Großereignis wie Olympia ja noch nicht erlebt“, sagte Philipp Raimund, „aber es ist schön, wenn man am Druck wächst.“ Das dachte sich auch der Bundestrainer.

Lob vom Bundestrainer für Philipp Raimund

Stefan Horngacher wird nach dieser Saison aufhören, und es drohte ein unglücklicher Abschied zu werden. Denn die deutschen Skispringer waren in diesem Winter ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden. Bis zu diesem denkwürdigen Montagabend in Predazzo und dem Gold-Coup von Philipp Raimund. „Er ist athletisch extrem gut und hat eine Wahnsinns-Technik, die nur ganz wenige springen können“, erklärte Horngacher, und er sprach auch über die offene und emotionale Art seines Top-Athleten: „Ich habe lernen müssen, mit ihm umzugehen.“ Mittlerweile hätten er und Raimund aber einen guten Draht zueinander: „Er ist ein ganz feiner Mensch und ein wahnsinniger Sportler.“ Und ein mündiger Athlet.

Als ein norwegischer Journalist vom Olympiasieger wissen wollte, wie denn sein Verhältnis zu Marius Lindvik sei, sprach Raimund Klartext. „Ich habe Videospiele mit ihm gemacht, hätte ihn damals als Freund bezeichnet“, sagte er, „doch nach der Situation in Trondheim hat es sich wie ein Betrug angefühlt – und wie ins Gesicht gespuckt.“ Bei der WM 2025 waren Lindvik und dessen Teamkollege Johann Andre Forfang wegen manipulierter Sprunganzüge disqualifiziert worden: „Ich bin traurig, dass es bis heute nie eine Entschuldigung oder Ähnliches gegeben hat. Darüber bin ich menschlich enttäuscht.“

Es waren auch diese Sätze, die zeigten: Das Skispringen hat nicht nur einen neuen Star gewonnen. Sondern auch einen echten Typen.