Erst kam die CD, dann Spotify – im digitalen Zeitalter wird die Verpackung von Musik immer unwichtiger. Doch ist die Ära der ikonischen Plattencover wirklich vorbei?
Stuttgart - Das erste „richtige“ Plattencover der Geschichte geht zurück auf den New Yorker Grafiker Alex Steinweiss. Der ließ 1940 die Hit-Kollektion der Broadway-Stars Richard Rodgers und Lorenz Hart für das Plattenlabel Columbia bedrucken, fertigte sogar eigens eine Fotografie an: „Smash Song Hits by Rodgers & Hart“ – eine am nächtlichen Broadway leuchtende Reklametafel. Die Platte fand reißenden Absatz, andere Plattenlabel folgten der neuen Idee. Plötzlich bekam Musik eine neue Ebene – das Visuelle.
In den 50er Jahren kam die Zeit von Designern wie Paul Bacon, John Hermansader und besonders von Reid Miles. Der trieb die Gestaltung für das populäre Jazz-Plattenlabel Blue Note künstlerisch auf die Spitze.
Blue Note und die Revolution
Er arbeitete mit Typografie, angeschnittenen Fotografien von Frank Wolff und ungewöhnlichen Freiflächen – eine bislang noch nicht da gewesene Ästhetik. Miles machte Platten so hübsch und interessant, man wollte sie besitzen, bevor man überhaupt die Musik kannte. Das Plattencover wurde zu einer eigenen Kunstform.
„Viele der Blue-Note-Cover empfinden wir heute noch als modern“, sagt Arne Reimer. „Sie haben die Zeit überdauert.“ Reimer ist Fotograf, Kenner und Liebhaber dieser alten Jazzplatten. „Der Geist der Improvisation spiegelt sich bei Reid Miles auch optisch wider“, sagt er.
Die Beatles setzten Maßstäbe
Spätestens nachdem die Beatles 1967 mit der opulenten Gestaltung von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ wirklich alles überfrachtet hatten, war in der Popmusik gestalterisch alles möglich geworden. Selbst das komplette Gegenteil – die von Richard Hamilton entworfene weiße Hülle des „White Album“ (1968) der Beatles. Die ikonischen Plattencover der Musikgeschichte eint eines: Bei bloßer Betrachtung der Motive werden Musik, Zeitgeist und Bilder im Kopf abgespult.
Neue Möglichkeiten
Ob David Bowie, Led Zeppelin, Iron Maiden, Madonna oder Joy Division – fahrlässig, wer diese visuellen Möglichkeiten nicht vollkommen ausschöpfte. Oder sogar die Kunst nutzte, um die Kunst anderer zu zitieren: „London Calling“ von The Clash ist im Dezember 1979 eine Hommage an die Musik, die Elvis Presley mit seiner Platte „Rock’n’Roll“ salonfähig gemacht hatte: Das Cover ist Presleys bahnbrechender Platte von 1956 nachempfunden. Der Musiker Joe Jackson wiederum stellte für „Body and Soul“ 1984 ein Motiv von Sonny Rollins’ „Vol. 2“ von 1957 nach.
Die kleine Projektionsfläche
Mit der Erfindung der CD verkleinerte sich leider die Projektionsfläche. Aus bislang 31,5 auf 31,5 Zentimeter Fläche wurden plötzlich zwölf auf zwölf Zentimeter – mittlerweile ist die Popkultur in dieser Beziehung auf die Größe eines Daumennagels geschrumpft. Das ist die gängige Größe von Plattencovern bei den Anbietern digitaler Musik wie beispielsweise Spotify.
„Als die CD ins Spiel kam, mussten Grafikdesigner umdenken“, erzählt Arne Reimer. „Sie mussten auf prägnantere Bilder setzen, die auf weniger als einem Viertel der früheren Größe ihre Wirkung entfalten können. Und heutzutage ist das eben noch schwieriger.“
Eine weitere Dimension
Paul Romano aus Philadelphia ist Künstler, er malt aufwendige und detailreiche Plattencover für Rockbands wie Mastodon – zu viel Zeit verwendet er auch im digitalen Zeitalter nicht darauf, sich mit der geschrumpften Projektionsfläche für seine Arbeit zu beschäftigen. „Natürlich achte ich darauf, dass meine Arbeiten auch als digitaler Daumennagel gut aussehen. Das war’s dann aber schon“, sagt Romano.
„Ich weiß, dass da immer noch Plattensammler sind, die CDs und Vinyl kaufen wollen.“ Doch selbst das ändere nichts daran, dass sein künstlerischer Antrieb weiterhin von ganz anderen Faktoren abhänge: „Ich will dem Hörerlebnis eine weitere Dimension geben – die Musik zu unterstützen.“
Neue Zeiten, neue Ebenen
Auch wenn seine Klienten teils mit Grammys ausgezeichnete Musiker sind, sieht sich Romano eher als Teil der Untergrund-Kultur, bei der Verpackung und Plattencover seit jeher ein wichtiges Thema sind.
„Ich kann wirklich nicht für den Mainstream sprechen, habe aber dennoch das Gefühl, dass auch große Künstlerinnen wie Rihanna viel Wert auf Artwork und ansprechende Verpackung legen“, sagt Romano. „Oder Beyoncé, die ihrer Musik durch Filme und Videokunst eine weitere künstlerische Ebene zuführt.“
Wieviel Kunst darf’s denn sein?
Was ein Plattencover letztendlich ikonisch macht, da ist sich auch Scott King nicht sicher. Der Brite hat in den vergangenen Jahrzehnten Alben für John Grant, Róisín Murphy oder Suicide entworfen. „Es hilft ungemein, wenn ein Künstler schon vorher irgendwie als cool eingestuft wird“, sagt Scott King.
Das eigentliche Kunstverständnis variiere jedoch bei vielen Musikern. Der Sänger Morrissey hatte seinerzeit keinerlei Lust auf Kings Ideen – er machte ihm über Dritte genaue Vorgaben, wie das Artwork zu „You Are the Quarry“ auszusehen habe. Basta. „Mir ist bis heute schleierhaft, weshalb die mir so viel Geld für eine Dienstleistung bezahlt haben, die jeder andere auch hinbekommen hätte“, erzählt King. Die Popgruppe Pet Shop Boys war derweil eher an einer Erweiterung ihrer Kunst interessiert. „Du bist der Künstler, jetzt mach dein Ding“, war die Vorgabe.
Musik wird heute anders konsumiert
„Ich würde es mir gerne leicht machen und sagen, dass Cover-Artwork heute nichts mehr wert ist“, sagt der 52-Jährige. „Aber ich glaube, der Markt hat sich mittlerweile einfach verändert, vielleicht auch das Publikum. Musik wird heute anders konsumiert als in früheren Generationen.“
Verschwunden ist beispielsweise der Umstand, sich im Plattengeschäft durch extravagante Covergestaltung von der Masse abheben zu wollen. Die heutigen Megaseller wie Adele oder Ed Sheeran ziehen ihre Optik und ihre Hörerschaft aus einer Vielzahl von medialen Kanälen, das Plattencover ist nur ein Teil davon, die physische Platte im Streaming-Zeitalter ebenso. Es erklärt zumindest die gestalterische Lieblosigkeit neuerer Musik.
Verklärung bis in Tragische
„Viele meiner alternden Plattensammler-Freunde verklären diese alten Zeiten bis in Tragische“, erzählt Scott King. „Die Romantik, wie man im britischen Hinterland nur schwer an die heißen Scheiben von The Stooges oder MC5 kam, sie bestellen, wochenlang darauf warten musste. Und wie besonders der Moment gewesen sei, wenn die Platte endlich zu Hause ankam.“ King weiter: „Die glauben, Jugendlichen würde das heute alles entgehen. Musik sei durch die ständige Verfügbarkeit bedeutungslos geworden. Das halte ich für Quatsch.“
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Neue Liebhaber
Der Fotograf Arne Reimer relativiert: „Ich habe den Eindruck, dass es eine gegensätzliche Bewegung zum Digitalen gibt: Vielen Hörern reichen die kleinen Bildchen nicht mehr aus. Da wächst längst eine neue Generation von Liebhabern heran, die etwas in den Händen halten will.“
Ob das auch wieder zu mehr ikonischen Plattencovern führt, da ist Reimer skeptisch. „Das wäre aber auch einfach zu leicht, wenn man täglich Ikonen erschaffen könnte. Das geht ja nicht.“