Laut den Ärzten wird in der Klinik für plastische Chirurgie in Degerloch nur verändert, was als tatsächlich sinnvoll erachtet wird. Foto: Archiv Achim Zweygarth

In die Klinik für plastische Chirurgie an der Jahnstraße gehen Leute, weil sie wollen oder müssen. Operiert wird dabei so gut wie jede Körperstelle.

Stuttgart-Degerloch - An den Brüsten wollte sie eigentlich gar nichts machen lassen. Milena Kajakova war wegen etwas anderem in die Klinik für plastische Chirurgie in Degerloch gekommen: wegen einer Korrektur der Korrektur. Die heute 44-Jährige hatte vor Jahren in ihrer Heimat, der Slowakei, ihre Fettpölsterchen an den Hüften entfernen lassen. Fettpölsterchen, die trotz Sport einfach nicht schrumpfen wollten. Mit dem Ergebnis der Operation war die Patientin allerdings gar nicht zufrieden. „Da waren lauter Löcher in der Haut“, sagt sie. „Das war ganz arg unprofessionell gemacht.“

Weil Milena Kajakova mit dem Makel nicht leben wollte, hat sie einen Termin in der Degerlocher Klinik an der Jahnstraße vereinbart. Das war vor 15 Jahren. Sie teilte sich damals das Zimmer mit einer Patientin, die sich an den Brüsten operieren ließ. Die habe so geschwärmt, dass Milena Kajakova ins Grübeln kam. Und weil sie sich schon immer zu flach obenrum fand, hat sie sich 1999 die Brüste vergrößern lassen. Von Körbchengröße A auf C.

„Es sieht ganz natürlich aus“

„Dafür habe ich lange gespart“, sagt die Frau aus der Region Stuttgart. Die OP habe sie 5500 Euro gekostet. „Ich hatte schreckliche Angst“, aber die Unzufriedenheit, wenn sie in den Badeanzug mit den Brusteinlagen geschlüpft ist, war größer. „Es sieht ganz natürlich aus“, sagt Milena Kajakova heute. Sie ist offenbar auf den Geschmack gekommen, denn im Jahr 2012 hat sie sich in Degerloch die Oberlider liften lassen.

Während sie erzählt, sitzt sie in einem Café an der Degerlocher Löwenstraße und nippt an ihrem Cappuccino. In echt heißt sie nicht Milena Kajakova. Doch ihr Name soll nichts zur Sache tun, sie geht mit ihren Schönheits-OPs nicht hausieren. An diesem Morgen war sie zur Nachkontrolle der Lider bei Frau Doktor, wie Milena Kajakova ihre Ärztin Andrea Fornoff nennt.

Die Klinik befindet sich in einer alten Villa

Andrea Fornoff und Peter Hollos haben die Klinik für plastische Chirurgie an der Jahnstraße Mitte der 1990er Jahre gegründet. Die beiden arbeiten in idyllischer Kulisse, denn die Klinik befindet sich in einer alten Villa. Die Klinken sind golden, es gibt einen Türklopfer, drinnen stehen Orchideen. Die Schönheitsklinik macht ihrem Namen alle Ehre. Die Patientenzimmer mit dem Blick in den Garten könnten genauso gut Hotelzimmer sein. In der Kartei hat die Klinik fast 15.000 Patienten.

Operiert wird im Untergeschoss. Oberlider, Tränensäcke, Mund, Brust, Po, Hüfte, Hände, Bauchdecke – Andrea Fornoff und Peter Hollos verändern so gut wie jede Körperstelle. Wobei Andrea Fornoff immer wieder betont, dass sie nur operieren, was sie als sinnvoll erachten.

„Wir sind keine Pizzabäcker, bei uns können Sie nichts bestellen“, sagt sie. In der Regel würden sich die Vorstellungen der Patienten jedoch mit denen der Ärzte decken, sagt Andrea Fornoff. „Die meisten haben irgendwas und wollen einfach normal aussehen.“ Um das Gesagte zu untermauern, klickt sich die resolute Dame mit der schwarzen Schleife im Haar durch zig Vorher-Nachher-Fotos. Sie sollen zeigen: Nach einer OP spazieren hier keine Dolly Busters auf die Jahnstraße.

„Von großen Schnitten zu sanften Techniken“

Für Schönheits-Operationen kann die Ärztin ihre Patienten nicht krankschreiben. Erholung braucht der Operierte trotzdem. Zum Beispiel nach einer Straffung der Bauchdecke. Im OP liegt der Patient zwei, drei Stunden, fünf Tage bleibt er auf Station, und weitere fünf Wochen muss er sich daheim schonen. Bleibt, sich für den Eingriff Urlaub zu nehmen – oder auf Methoden zu bauen, die so wenige Spuren wie möglich hinterlassen. Deshalb gehe der Trend von großen Schnitten zu „sanften Techniken“, wie Fornoff sagt.

Etwa die Hälfte aller Patienten von Fornoff und Hollos suchen die Degerlocher Klinik auf, weil sie etwas an sich korrigiert haben möchten. Im Fachjargon heißen sie ästhetische Patienten. Die andere Hälfte indessen kommt, weil ihr nichts anderes übrig bleibt. Sie sind medizinische Patienten. Wie Irmtraud Kessler.

Auch ihr Name ist geändert. Die 73-Jährige hatte Hautkrebs. Das Basaliom an der Nase war bösartig. Es bildet keine Metastasen, wächst aber lokal zerstörerisch. In der Klinik für plastische Chirurgie haben die Ärzte das Basaliom entfernt. Um die Wunde zu kaschieren, haben sie Haut von der Stirn nach unten gezogen. Nach der Operation „sah ich schrecklich aus“, sagt Irmtraud Kessler. Sie hatte blaue Flecken im Gesicht, und die Naht verlief auf beiden Seiten der Nase. Heute „sieht es niemand, der es nicht weiß“, sagt sie. Sie habe eine unscheinbare Narbe zwischen den Augenbrauen, „das ist meine besondere Note“.

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