Plastikmüll am Strand an der westafrikanischen Küste bei Dakar, Senegal. Müll im Meer und an den Stränden ist ein riesiges ökologisches Problem. Wasservögel und Fische verwechseln solche Müllteile mit Fressen und sterben daran. Foto: dpa

Auf jedem Quadratkilometer in den Meeren dieser Erde schwimmen Zehntausende Plastikteile – die Überreste der menschlichen Zivilisation. Der Müll gefährdet Tier und Mensch.

Horta - Unser Müll eilt uns selbst in die Tiefseegräben voraus. Bei einer groß angelegten Studie zur Müllverteilung und -dichte auf dem Meeresboden rund um den europäischen Kontinent fanden Forscher an allen untersuchten Stellen Abfall. Ihre Ergebnisse veröffentlichte die internationale Gruppe um Christopher Pham vom Meeresforschungsinstitut der Universität der Azoren im portugiesischen Horta kürzlich im Fachjournal „PLOS ONE“. An der Studie waren auch das Alfred-Wegener-Institut (Awi) in Bremerhaven und die Jacobs Universität Bremen beteiligt.

Müll liegt sogar in der Tiefsee

Pham und seine Kollegen nutzten für ihre Untersuchung fast 600 Bild- und Videoaufzeichnungen sowie Grundschleppnetzfänge von 32 verschiedenen Stellen des Meeresbodens im Atlantik und im Mittelmeer. An all diesen Stellen lagen Zivilsationsreste: von den flachen Küstenregionen bis zu 4500 Meter tiefen atlantischen Tiefseegräben, und selbst am 2000 Kilometer von der Küste entfernten Mittelatlantischen Rücken.

Die höchste Mülldichte fanden die Wissenschaftler in unterseeischen Gräben wie beim Lisbon Canyon vor der Küste Portugals. Das könnte daran liegt, dass diese Gräben oft die flachen Küstengewässer mit der Tiefsee verbinden. Durch sie treibt der Müll von den Küsten in tiefere und weiter abgelegene Regionen.

Mehr als 40 Prozent des Mülls besteht aus Plastik

Plastikflaschen und – tüten stellen mit mehr als 40 Prozent den Großteil des Abfalls. Ein weiteres Drittel besteht aus Fischereimüll wie Netzen und Leinen. Zudem wurde Glas, Metall, Holz und Papier sowie Keramik gefunden. „Wir waren sehr überrascht zu sehen, wie weit sich unser Müll in den Meeren schon verbreitet hat“, sagte die Awi-Mitarbeiterin Melanie Bergmann.

„Die große Menge an Müll, die den Tiefseeboden erreicht, ist ein ernstes weltweites Problem“, erklärte Pham in einer Pressemitteilung des Fachjournals. „Unsere Ergebnisse unterstreichen das Ausmaß dieses Problems und zeigen die Notwendigkeit, Maßnahmen gegen eine weitere Anreicherung von Müll im Meer zu ergreifen.“ Mitautor Kerry Howell von der Universität Plymouth, Großbritannien, fügt hinzu: „Der größte Teil der Tiefsee ist vom Menschen noch unerforscht, und viele Stellen haben wir zum ersten Mal besucht. Wir waren schockiert zu sehen, dass unser Müll schon vor uns da war.“

Abfallflut gefährdet die Meeresbewohner und den Menschen

Nach Angaben der Unep, des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, gelangen jedes Jahr mehr als sechs Millionen Tonnen Müll ins Meer. Diese Abfallflut gefährdet nicht nur unmittelbar die Meeresbewohner, die sterben können, wenn sie den Müll fressen oder sich darin verfangen. Plastik zersetzt sich nicht wie Holz oder Metall, sondern zerfällt durch die UV-Strahlung der Sonne und die Meeresbewegung in winzige Partikel. Diese Rückstände treiben nicht nur an der Oberfläche, sondern schweben quasi durch die gesamten Ozeane.

Die Schwebeteilchen könnten zusätzliche ökologischen Schaden anrichten, erklärt Bergmann. „Denn das Mikroplastik bietet nicht nur eine willkommene Oberfläche für verschiedene fettliebende Giftstoffe, es kann sich auch innerhalb der Nahrungskette anreichern.“ In einigen Nordsee-Fischen und Langusten sei bereits Mikroplastik nachgewiesen worden.

Gigantische Müll-Strudel durchziehen die Ozeane

Plastikmüll in den Ozeanen ist ein internationales Umweltproblem, das in seinen Auswirkungen bisher kaum erforscht ist. Plastikteile, Mikroplastik sowie deren Zersetzungsprodukte sammeln sich insbesondere in einigen Meeresströmungswirbeln an und führen zu riesigen Müllstrudeln. Der größte von ihnen treibt im Nordpazifik und hat inzwischen die Größe von Mitteleuropa. Drei Viertel dieses Mülls besteht aus Plastikrückständen. Diese kosten nicht nur unzähligen Tieren das Leben, sondern gefährden auch den Menschen, der am Ende der Nahrungskette steht.

Im Meer sind gerade diese kleinen Minipartikel oft nur in der Größe eines Sandkorns ein Riesenproblem, weil sie von den Meerestieren mit Plankton verwechselt und gefressen werden. US-Forscher haben aber auch im Atlantik riesige Müllflächen ausfindig gemacht. Bis zu 200 000 Plastikstücke schwimmen dort pro Quadratkilometer auf der Meeresoberfläche. Die meisten hatten weniger als einen Zentimeter Durchmesser.

Erschreckender Doku-Film

Der deutsch-österreichische Kinodokumentarfilm „Plastic Planet“ (2009) hatte diese ökologische Katastrophe erstmals einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht. Der Film, der auch auf dem Internet-Videoportal „Youtube“ zu sehen ist, zeigt die Gefahren von Plastik und synthetischen Kunststoffen in ihrer weltweiten Verbreitung – auf dem Land wie in den Meeren.

Einsame Fahrt durch Müll-Meere

Auf die dramatische Zunahme der Vermüllung der Weltmeere hat jüngst auch der australische Sportsegler Ivan Macfadyen aufmerksam gemacht. Zweimal durchquerte er den Pazifik und konnte sich vor Ort ein Bild über den Zustand des größten Weltmeeres machen. Das erste Mal vor zehn Jahren und das zweite Mal in diesen Tagen. Seine Route führte Macfayden vom australischen n Melbourne durch den südöstlichen Pazifik bis zum japanischen Osaka und weiter über Hawaii bis ans die nordamerikanische Küste, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete.

Bei seiner ersten Reise war Macfadyen noch umgeben von Fischschwärmen. Doch diesmal fuhr er durch eine stille, geisterhafte See, in der Berge von Müll dahintrieben: eine endlose Fläche aus Plastikflaschen, Strommasten, Containern, Styroporteilen, Bojen, Netzen, Tauen und Seilen. Unter der Wasseroberfläche sah es noch schlimmer aus. Bis in die Tiefe sammelten sich die Überreste der Industriegesellschaft. Gegenüber der „Zeit“ fasste Macfadyen seine Eindrücke so zusammen: „Wir schlängelten uns zwischen Trümmerteilen hindurch. Es war, als würden wir durch eine Müllhalde segeln.“ Und weiter: „Der Ozean ist zerstört.“

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