Mit einer sogenannten ÖPNV-Rad-Trasse sollte in Ludwigsburg der große Wurf gelingen. Die Planungen sind aber inzwischen größten Teils überflüssig geworden. Das verursacht mächtig Ärger.
Hat die Ludwigsburger Verwaltung viel zu ambitioniert und groß planen lassen und am Ende einen Millionenbetrag verschleudert? Diesen Eindruck konnte man am Donnerstagabend im Mobilitäts- und Umweltausschuss durchaus gewinnen. Bürgermeister Sebastian Mannl und Fachbereichsleiter Matthias Knobloch hatten alle Hände voll zu tun, die erbosten Stadträte einigermaßen zu besänftigen. Planer Enrico Strauch vom Büro Schüßler-Plan war sichtlich irritiert, wie viel Gegenwind ihm aus dem Gremium entgegen blies.
Vor rund drei Jahren hatte die Stadt einen großen Wurf angepeilt und das Büro aus München mit der Planung einer rund zehn Kilometer langen ÖPNV-Rad-Trasse von Remseck-Neckargröningen bis in den Westen von Ludwigsburg beauftragt. Ziel: Mehr Busse sollten auf der Route fahren, und das auch noch schneller. Die Bedingungen für Radfahrer sollten in diesem Zuge auch gleich verbessert werden. Mit bis zu 2,5 Millionen Euro für die Planung rechneten die Verantwortlichen.
1,6 Millionen für detaillierte Pläne
Inzwischen sind 1,62 Millionen davon ausgegeben – die Arbeit an dem Projekt wurde bereits vor rund einem Jahr eingestellt. Ein Großteil davon wird – zumindest vorerst – nicht mehr gebraucht. Denn: die Stadtbahn, die auf einer ähnlichen Route durch Ludwigsburg fahren soll, macht das Ganze überflüssig.
Matthias Knobloch versuchte die parallelen Planung damit zu rechtfertigen, dass die Stadtbahn bei der Beauftragung für die ÖPNV-Rad-Trasse „noch in weiter Ferne“ gewesen sei. Tatsächlich wurde in derselben Sitzung im Juli 2020 auch die Satzung für den Zweckverband Stadtbahn beschlossen. Darauf wies auch Margit Liepins (SPD) hin.
Für die Tonne sei das, was man jetzt habe aber nicht, so Knobloch. Die Infos hätten einen „Mehrwert“ und könnten für „Folgeprojekte“ genutzt werden. Die Verwaltung wolle den Aufwand „auf ein machbares Maß konsolidieren“, argumentierte Mannl. Alles bauen könne man ohnehin nicht. In der Weststadt wird der Ansatz mit Bus und Rad weiterverfolgt, in Oßweil und hinter der Stadtgrenze soll ein Radschnellweg kommen. Die übrigen Pläne wurden an den Zweckverband Stadtbahn übergeben, der sie nutzen kann. Ob sich das so gelohnt hat?
Stadträte bemängeln fehlende Kommunikation
Davon waren die Ausschussmitglieder nicht wirklich überzeugt. Christine Knoß (Grüne) sprach von „verdammt viel Geld“, weshalb man das Vorgehen nun „positiv verkaufen“ müsse. Die Verwaltung habe „Geld verblasen“, das sie eigentlich „nicht zu verschenken“ habe, sagte Jochen Zeltwanger (Freie Wähler). In dieselbe Kerbe schlug Stefanie Knecht (FDP), Gabriele Seyfang (CDU) wollte wissen, warum man das Projekt nicht schon früher gestoppt habe.
Die Planer haben in rund eineinhalb Jahren für mehrere Streckenabschnitte und in enormer Detailtiefe jeweils mehrere Alternativen erarbeitet, von denen Strauch im Ausschuss nur die „Vorzugsvarianten“ vorstellte. Diese sehen viel Grün am Straßenrand vor, deutlich weniger Platz für Autos und mehr für alle anderen – eben genau das, wofür das Büro aus München auch beauftragt worden war. Mannl war es wichtig zu betonen, dass die Vorschläge „keine Haltung der Verwaltung“ darstellen würden. „Wir wollten nur Transparenz schaffen.“
Das hätte sich der Gemeinderat viel früher gewünscht. Der Tenor nun: Das Projekt wurde über seinen Kopf hinweg vorangetrieben. Über die Fraktionen hinweg herrschte Unklarheit über den Auftrag des Büros. „Die Vorzugsvarianten entsprechen jetzt vermutlich nicht dem politischen Willen“, sagte Armin Klotz (CDU). Das sahen auch die Grünen so. Sie hatten den Beschluss einst nicht mitgetragen, befanden die Vorschläge nun aber für gut. Dennoch: „Hier wurde geplant, als ob es keinen Gemeinderat geben würde“, sagte Knoß. Mobilität „durchgehend zu denken“ sei richtig, sagte Jochen Zeltwanger. Allerdings fordere seine Fraktion – andere übrigens auch – schon seit längerem ein ganzheitliches Mobilitätskonzept. Man sei von der Verwaltung aber immer vertröstet worden. „Wir wurden zwei Jahre im Kreis rumgeführt“, sagte Zeltwanger, der große Versäumnisse bei der Kommunikation attestierte. Effektives Arbeiten sehe anders aus. Letztlich gehe es darum, was tatsächlich „für den Bürger“ umgesetzt werde. Und das sei in diesem Fall definitiv zu wenig.
Künftig keine Planungen mehr quer durch die Stadt
Dass man den Gemeinderat hätte besser einbinden müssen, erkannten die Verantwortlichen hinterher auch. „Es wurde viel geschafft, ohne es im Gemeinderat zu testen“, räumte Mannl ein. Den „integrierten Ansatz“, der verfolgt wurde, hält er nach wie vor für richtig. Eine Lehre aus dem Projekt sei aber, dass man künftig nicht mehr so viel und quer durch die Stadt planen werde.