Dieser Anschluss von Münchingen an die B 10 soll nach dem Willen des Regierungspräsidiums verlegt werden. Foto: factum/Granville

Der Anschluss von Müllerheim an die Bundesstraße 10 soll verlegt werden. Dazu sind sechs Varianten erarbeitet worden. Der Gemeinderat lehnt den Vorschlag der Verwaltung komplett ab – weil dafür einige Gärtnereien weichen müssten.

Korntal-Münchingen - Das Regierungspräsidium will im Rahmen des Ausbaus der Bundesstraße 10 den Anschluss von Münchingen und Müllerheim um einige Hundert Meter nach Norden verlegen. Die Abfahrt befinde sich zu nahe an der Anschlussstelle Stuttgart-Zuffenhausen der Autobahn 81. Die Planer favorisieren eine von sechs Varianten. Diese hat einen entscheidenden Nachteil: Die dafür benötigten Flächen gehören Gärtnereien. Diese müssten weichen – aber verkaufen will keiner. Nach einer engagierten Diskussion im Gemeinderat stimmte einzig der Bürgermeister Joachim Wolf für den Vorschlag aus dem Rathaus.

Der Favorit heißt „Variante 3a“. Diese Planung verbraucht am wenigsten Fläche, kostet am wenigsten und schickt am wenigsten Lärm in das nächstgelegene Wohngebiet. Man könnte damit weiterplanen – wenn sich nicht einige Betriebe genau in dem Areal befänden, über das die neuen Straßen führen.

Zu nahe an der Autobahn

Gut besetzt waren am Donnerstagabend die Zuschauerplätze im Sitzungssaal des Korntaler Rathauses. Laut dem Regierungspräsdium, so der Bürgermeister einleitend, toleriere die Behörde die Abfahrt Müllerheim der B 10 nicht mehr. Sie müsse im Rahmen der B-10-Sanierung verlegt werden – oder sie werde geschlossen. Denn sie liege zu nahe an der Autobahnabfahrt. „Eine Schließung kommt aber nicht in Betracht“, sagte Wolf. Dann fließe der gesamte Verkehr aus dem Gewerbegebiet durch Münchingen. Von sechs Varianten stellte sich die Nummer 3a als die geeignetste heraus, so Wolf. „Es ist die ökonomisch und ökologisch sinnvollste Lösung.“ Dann aber räumte der Rathauschef eines ein: „Sie führt radikal durch die Gärtnereien.“ In der Vorlage der Stadt für die Gemeinderäte ist nur von einem Betrieb die Rede. Wolf sagte, man habe die Verkaufsbereitschaft der Eigentümer sondiert. Die Reaktionen hätten gereicht „von relativ aufgeschlossen bis relativ wenig Bereitschaft“.

Das hörte sich in den Stellungnahmen der Fraktionen anders an. Für die Gärtnereien bedeuteten die Pläne Existenzvernichtung, sagte Martin Hönes (CDU). „Dort läuft Umsatz, es sind Menschen beschäftigt.“ Kein Betrieb wolle Grund verkaufen. Der jetzige B-10-Anschluss habe Bestandsschutz. „Es ist ein No-Go, die Existenz der Gärtnereien zu zerstören.“ Egon Beck (SPD) wurde noch deutlicher: Die Erläuterungen des Bürgermeisters würden nicht hinreichend aufklären; es sei „nicht gut, über die Betroffenen hinweg zu reden“. Die Berechnungen seien schief. Zudem gehe es um das Eigentumsrecht, „das ist verfassungsrechtlich garantiert“. Enteignung scheide aus, die Voraussetzungen lägen nicht vor. Eine Schließung der Abfahrt sei politisch verheerend für das Land. Auch Marianne Neuffer (Freie Wähler) unterstrich die massiven Auswirkungen auf die Bewohner, wenn die Variante 3a weiterverfolgt werde. „Alle Eigentümer stehen dem Verkauf negativ gegenüber“, betonte sie.

„Verwaltung lehnt Enteignung ab“

„Auch die Verwaltung lehnt die Enteignung ab“, betonte Joachim Wolf. „Es gibt noch erheblich viel zu diskutieren.“ Das Hauptproblem sei der zu starke Eingriff in das Eigentum. Bei der Abstimmung kam das einzige positive Votum von ihm – ein solches Ergebnis sei für ihn „die erste Erfahrung“, sagte der Rathauschef.

Am 25. September habe sie von den Plänen erfahren, sagte Marianne Kurz unserer Redaktion. Ihr gehört einer der betroffenen Betriebe. Das erste Gewächshaus in Müllerheim habe ihr Schwiegervater 1938 gebaut. Ihr Betrieb ist Blumengroßhandel und Gärtnerei, in der Blumen gezogen werden – zum Beispiel eine ganze Halle voller farbenprächtiger Gerbera. „Alles ohne Chemie“, betont die Eigentümerin. Ihr Sohn wolle den Großhandel weiterführen; ein Teil der Gewächshäuser sei verpachtet, man beschäftige 30 bis 35 Menschen. Vor drei Jahren habe es erste Gespräche mit der Stadt gegeben, von einer Straße über ihr Gelände sei da aber keine Rede gewesen.

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