Planspiel Willkommenskultur Wie schnell man aus der Rolle fällt

Von Hanna Spanhel 

Wie es sich anfühlt, in andere Rollen zu schlüpfen, konnten Kirchentagsbesucher beim „Planspiel Willkommenskultur“ erleben. Foto: Spanhel
Wie es sich anfühlt, in andere Rollen zu schlüpfen, konnten Kirchentagsbesucher beim „Planspiel Willkommenskultur“ erleben. Foto: Spanhel

Wie kann Willkommenskultur in einer Stadt funktionieren? Wie lässt sich ein Aufeinanderprallen der Extreme verhindern? Bei einem Planspiel im Haus der Wirtschaft zum Thema Willkommenskultur schlüpfen Kirchentagsbesucher in verschiedene Rollen.

Stuttgart - Ein Stadtfest in Welzhausen. Es soll interkulturell sein – eingeladen sind auch 650 Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften am Stadtrand leben. Es gibt Essstände mit Speisen aus aller Welt und Rabattmarken für die Asylsuchenden. Irgendwann eskaliert die Situation: Jugendliche der Welzhausener Jugendfeuerwehr rufen rechte Parolen und gehen auf die Flüchtlinge los – angeblich, weil diese junge Frauen belästigt hätten. Das Fest wird abgebrochen, der Bürgermeister lädt Vertreter beteiligter Gruppen zu einem Runden Tisch. Wie konnte es dazu kommen? Und wie soll es nun weitergehen in Welzhausen?

Welzhausen ist keine echte Stadt – sie ist fiktiver Handlungsort eines Planspiels zum Thema Willkommenskultur, das im Rahmen des Kirchentags im Haus der Wirtschaft ausgerichtet wird. Der Andrang ist groß: Statt zwei Terminen täglich bieten die Ausrichter bis Samstag drei an, und selbst die sind mit rund 150 Mitspielern statt der geplanten 80 jedesmal so überfüllt, dass nicht alle mitmachen können.

Am Runden Tisch der roten Spielgruppe geht es hoch her. Die Afrikaner hätten ein paar Mädels zu aufdringlich angetanzt, behaupten die Vertreter der Jugendfeuerwehr. Die Antifa wettert dagegen: Das zeige nur, was für ein „brauner Sumpf“ das hier alles sei und dass man das rechte Problem in der Stadt nur wieder unter den Tisch kehren wolle. Die Bürgermeisterin versucht zu beschwichtigen, doch das gelingt kaum. Spiel oder tatsächliche Emotion – das lässt sich hier nur noch schwer erkennen.

Die Rollen im Spiel sind von vornherein verteilt. Die Mitspieler schlüpfen in die Rollen von Antifa-Vertretern, Gemeinderäten, Mitarbeitern des Ordnungsamts und Mitgliedern der Jugendfeuerwehr und des Vereins Altwelzhausen. „Es fällt nicht schwer, in die Rolle zu schlüpfen. Man verrennt sich sogar fast ein bisschen“, sagt Philipp Balt aus Berlin, der Antifa spielt und immer wieder lautstark gegen die Jugendfeuerwehr wettert.

Am Spielende ist noch immer keine Lösung gefunden. Die Stadträte betonen, dass man hier doch sehr weltoffen und tolerant sei. Die Vertreter der Jugendfeuerwehr bieten an, ein Fest auszurichten und die Flüchtlinge einzuladen. Die wiederum sind bemerkenswert still. Die Bürgermeisterin erarbeitet eine Pressemitteilung, die weichgespült klingt, obwohl die Fronten verhärtet sind.

Was zeigt das alles? „Das Rollenspiel erlaubt es einem, so eine verfahrene Situation einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten“, sagt Balt. Man könne dadurch Positionen, die einem eigentlich fremd sind, besser nachvollziehen, finden andere Mitspieler – und hoffen, dass sie in der Realität kompromissbereiter wären. Balt zieht folgenden Schluss aus dem Spiel: „Alle reden die ganze Zeit über die Flüchtlinge, aber nicht mit ihnen. Es wird nicht gefragt, was die eigentlich wollen. Darin waren wir vermutlich sehr realistisch.“ Für ihn sei eine Erkenntnis, dass es wichtig sei, mit den ­Menschen zu reden.

„Genau dies zu vermitteln ist ein Ziel des Planspiels“, sagt Simon Raiser, Geschäftsführer des Ausrichters „planpolitik“. Seit mehr als zehn Jahren entwickelt die Agentur aus Berlin-Neukölln Gruppenspiele, bei denen Positionen ausgetestet werden sollen. „Die Spiele entwickeln oft eine ganz eigenständige Dynamik“, sagt Raiser. Einen Kompromiss zu finden oder eine vermittelnde Rolle zu übernehmen falle schwer – wie häufig auch in der Realität. Und auch sonst sei das Spiel nicht lebensfern, sagt Raiser – auch wenn die konstruierte Spielsituation rund um die Willkommenskultur vor Klischees nur so triefe. „Gut gemeint ist eben nicht immer auch tatsächlich gut“, sagt Raiser.

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