Frauen als Ware: Mit einer Kampagne will die Stadt verantwortungsloses Verhalten der Freier eindämmen. Foto: dpa

Mit provokativen Plakaten will die Stadt Stuttgart Sexkunden zu einem verantwortungsbewussteren Handeln bewegen. Auch beim Gang ins Bordell dürften Männer „Fragen von Anstand und Würde nicht ausschalten“, erklärte Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) bei der Vorstellung der Kampagne.

Stuttgart - Die Landeshauptstadt weitet ihre Aktivitäten gegen die Prostitution aus und nimmt nun auch die Freier in den Fokus. Im Rahmen der Kampagne „Stoppt Zwangs- und Armutsprostitution“ sollen bis Ende Mai City-Light-Poster, Großplakate und Gehwegabschrankungen an das Verantwortungsbewusstsein von Sexkunden appellieren, und dies mit sprachlich teils drastischen Slogans („Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar“, „Nutten sind Menschen“).

„Jedem Freier muss klar sein, dass Zwangs- und Armutsprostitution und Sex mit minderjährigen Prostituierten nicht zu dulden sind“, begründete Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) das Engagement. Es liege in der Verantwortung eines jeden Freiers, dies auch zu beachten, sich im Zweifel darüber zu vergewissern und gegebenenfalls von seinem Vorhaben abzulassen.

Fritz Kuhn will eine „Wertediskussion“ anregen

Die Kampagne richtet sich zwar in der Hauptsache gegen die Auswüchse in der Prostitution, die sich mit dem Auftreten von jungen Frauen aus Osteuropa verschärft haben. Man wolle mit dieser aber auch grundsätzlich eine „Wertediskussion“ anregen, sagte der Rathauschef. Diese soll sich mit dem Frauenbild in der Gesellschaft, mit dem Verhältnis von Sexualität und Partnerschaft und mit der Frage beschäftigen, ob Prostitution überhaupt menschenwürdig ist.

Bei der Vorstellung erläuterte Kuhn den Stil der von der Stuttgarter Agentur ­„WERBUNG etc.“ gestalteten Kampagne. Auf die im Zusammenhang mit Prostitution üblicherweise verwendeten Bilder habe man verzichtet, um Voyeurismus zu vermeiden. Mit der Sprache der Textplakate habe man sich auf die Ausdrucksebene begeben, „die Freier untereinander pflegen und im Kopf haben“, so der Oberbürgermeister. Gerade durch diese Offenheit könne man diese „unmissverständlich mit ihrem Tun konfrontieren“. Dennoch gehe es nicht um eine Ächtung der Sexkunden, sondern um einen Appell an „Anstand und Würde“.

Rund 500 Prostituierte schaffen in Stuttgart jeden Tag an

Die Kampagne ist Teil des im Dezember 2014 verabschiedeten „Konzepts zur Verbesserung der Situation der Prostitution in Stuttgart“. Dazu gehört, dass verschiedene Projekte zum betreuten Wohnen, zur Arbeitsintegration und zur Unterstützung von Prostituierten personell etwas aufgestockt wurden. Derzeit seien in der Landeshauptstadt täglich 450 bis 500 Prostituierte tätig, sagte Sabine Constabel, die beim Gesundheitsamt für Betreuung und Beratung der Frauen zuständig ist. „Mehr als 90 Prozent sind Ausländerinnen.“ Die allermeisten kommen aus Rumänien, gefolgt von jungen Frauen aus Ungarn und Bulgarien. Sie gehörten häufig ethnischen Minderheiten wie den Roma an, so Constabel.

Polizei und Stadt haben den Druck auf Freier und auch Prostituierte erhöht. So stieg die Zahl der im Leonhardsviertel gegen Sexkunden verhängten Bußgelder von 56 im Jahr 2014 auf 267 im Vorjahr. Beim ersten Mal werden 180 Euro fällig, beim zweiten Mal 300, dann 500 Euro. Die gegen Prostituierte ausgesprochenen Ordnungswidrigkeiten stiegen von 117 auf 229 Fälle. Das hat den Straßenstrich vermindert. Laut Sabine Constabel sind viele der mit der Polizei in Konflikt geratenen Frauen aus dem Gewerbe ausgestiegen. Die Polizei sieht hingegen insgesamt eher einen Ausweicheffekt. So sei die Zahl der auf der Straße angetroffenen Frauen von etwa 70 im Jahr 2014 auf 50 im Vorjahr gesunken. Die Zahl der Plätze in ­Eta­blisse­ments des Rotlichtviertels sei dagegen von etwa 130 auf 150 gestiegen, sagt Polizeisprecher Thomas Geiger. Die Anbahnung von Kontakten finde nun nicht mehr auf der Straße, sondern in Lokalen statt.

Erfolge bei Prozessen gegen Bordellbetreiber

Gewisse Erfolge verzeichnet die Stadt im Kampf gegen Rotlichtbetriebe. „Sechs Bordelle sind geschlossen worden“, erklärte Oberbürgermeister Kuhn, „weitere Verfahren sind anhängig.“ Gegenwärtig gibt es in Stuttgart 165 Rotlichtobjekte, etwa Bordelle, Wohnungen oder Dominastudios, vor fünf Jahren waren es noch 186.

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