In den Litfaßsäulen machen Theaterplakate auch weiterhin neugierig auf Theater und andere Kultur. Foto: Roberto Bulgrin

Plakate sind in der Fußgängerzone in Esslingen künftig weitgehend tabu. Die Stadt setzt eine Richtlinie aus dem Jahr 2008 um. Weshalb erst jetzt?

Theaterplakate sind eine Kunstform. Die pflegt die Esslinger Landesbühne mit den Arbeiten des bekannten Grafikers Frieder Grindler – und das seit vier Jahrzehnten. Umso fassungsloser reagierten viele Esslinger nun auf eine Ansage des Theaters, dass es vorerst „Vorhang zu“ heißt für die Gebrauchskunst in den Fußgängerzonen. Der Grund ist eine Richtlinie aus dem Jahr 2008, die die Stadt nun erst umsetzt.

 

Nachdem die Landesbühne die Information mit dem Bild eines abgerissenen Plakats auf Instagram gepostet hatte, regte sich im Netz Protest. „Das ist nicht euer Ernst, oder?“ lautete ein Kommentar. „So langsam muss man sich fragen, ob das Ordnungsamt nichts besseres zu tun hat.“ „Plakatkultur ist auch Kultur“ und „Die Plakate sind eine Bereicherung für die Stadt“ schrieben andere.

 

Die Plakatkunst von Grindler ist ein Hingucker. Die schwarz schattierte Hand am Abzug der Pistole kündigt in blutroter Schrift „I Hired A Contract Killer“ von Aki Kaurismäki an. Ein fröhliches Foto zeigt Kinder in Schlappohr-Kostümen; das weist auf „Planet der Hasen“ der Jungen WLB hin. Grindler ist 1941 geboren und an großen Bühnen gefragt. Er hat unter anderem Plakate für die Staatstheater Stuttgart und Karlsruhe und für das Düsseldorfer Schauspielhaus gestaltet.

Die Esslinger Landesbühne ist ein Herzstück der Esslinger Innenstadt. Foto: Roberto Bulgrin

Diese beliebte Gebrauchskunst soll nun plötzlich das Stadtbild stören? „Der Gemeinderat hat im Februar 2008 eine ‚Richtlinie zur Handhabung von Sondernutzungserlaubnissen durch Plakatierungen und Anbringen von Transparenten im Stadtgebiet’ beschlossen“, sagt Freia Günther, die stellvertretende Chefin des Esslinger Ordnungsamts. In der Richtlinie sei „zum Beispiel auch aus Gründen der Stadtgestaltung und des Stadtbildes festgelegt worden, dass innerhalb von Fußgängerzonen nicht plakatiert werden darf.“ Diese Vorgaben entfalten nach Günthers Worten „im Rahmen der jeweils erteilten Sondernutzungserlaubnisse für Plakatierung und den darin enthaltenen Auflagen und Bedingungen ihre Wirkung.“

Weshalb wird die Richtlinie aber erst jetzt, 18 Jahre nach dem Beschluss, umgesetzt? Der Vollzug der Sondernutzungserlaubnisse sei das laufende Geschäft der Verwaltung, sagt Günther. „Dieser erfolgt auch aus Gründen der Gleichbehandlung gegenüber jedem Antragsteller gleichermaßen und seit vielen Jahren.“

Bei festgestellten Verstößen würden alle Erlaubnisinhaber aufgefordert, die Plakate an zulässige Standorte umzuhängen. „Im Falle der WLB wurden einzelne Verstöße beanstandet, dabei ging es aber nicht um die Nutzung der Litfaßsäulen, sondern ausschließlich um vereinzelte Plakatierungen in Fußgängerzonen.“ Vorher hatte sich offenbar keiner beschwert.

„Wir werden die Richtlinie überprüfen, ob und wie wir es Kulturschaffenden ermöglichen können, ihre Plakate im Stadtraum anzubringen.“

Freia Günther, Ordnungsamt Esslingen

Dass die Plakate entfernt werden müssen, ist für WLB-Intendant Marcus Grube schwer nachvollziehbar. Theater- und Kulturplakate gehören für ihn zur Stadtgesellschaft. Das gilt auch für andere Städte wie etwa Tübingen – im dortigen Landestheater (LTT) ist das Theaterplakat sehr präsent. Unterführungen sind mit den Plakaten der Bühne geschmückt. In der schnelllebigen Gesellschaft eine gute Möglichkeit, kurz innezuhalten und sich für die Freizeit inspirieren zu lassen. Diese relativ erschwingliche Kunst im öffentlichen Raum nur noch auf Litfaßsäulen zu beschränken, das ärgert viele Esslinger.

Die Schaukästen mit Szenenfotos am Stadttheater in Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin

Wie wichtig Theaterplakate für die Identität eines Hauses sind, zeigen die Arbeiten Frieder Grindlers. Der Grafikdesigner hat von 1979 bis 2005 als Professor für Kommunikationsdesign an der Fachhochschule für Kommunikationsdesign in Würzburg-Schweinfurt gelehrt. Mit Friedrich Schirmer, dem langjährigen Intendanten der WLB, hat er in dessen Zeit am Staatstheater Stuttgart das Design des Schauspiels mit dem roten Dreieck geprägt – das nahm Schirmer auch nach Esslingen mit, als er dort 2015 als Theaterchef ans Haus zurückkehrte.

Wie geht die Landesbühne mit dem Plakat-Verbot um?

Auf das plötzliche Verbot mit Verweis auf eine Richtlinie von 2008 reagierte die Bühne gelassen: „Wenn die Plakate von den Wänden verschwinden, dann spielen wir eben verstärkt auf anderen Bühnen weiter – digital, im direkten Austausch und natürlich live bei uns im Haus.“ Frieder Grindlers Plakatkunst wird es weiterhin geben.

Theaterchef Grube regte an, die aus der Zeit gefallene Richtlinie zu überdenken. Er kann sich vorstellen, für Kulturveranstalter eine Regelung zu finden, die diesen Informationskanal weiter möglich macht. Das kann sich auch Freia Günther vom Ordnungsamt vorstellen: „Wir werden die Richtlinie überprüfen, ob und wie wir es Kulturschaffenden ermöglichen können, ihre Plakate im Stadtraum anzubringen.“ Dazu müsse der Gemeinderat einer Änderung der Richtlinie allerdings zustimmen.

Geschichte des Theaterplakats

Die Anfänge
Die Geschichte der Plakate als bloße Textankündigung beginnt schon im 16. Jahrhundert. Einfache Anschläge machten auf Ereignisse aufmerksam – zum Beispiel als Informationsquelle in Kriegen. Mit der Industrialisierung kam die Litografie (1789) und später die Litfaßsäule – benannt nach dem Berliner Ernst Litfaß, der sie 1845 etablierte. In Paris hatte die Plakatkunst in der Belle Epoque ihre Blütezeit. Der Franzose Jules Chéret ist ein Pionier der Plakatkunst. Die Plakate von Henri de Toulouse-Lautrec sind heute noch beliebt.

Esslinger Plakatkunst
Seit vier Jahrzehnten arbeitet die Esslinger Landesbühne mit dem Plakatkünstler Frieder Grindler zusammen. 2024 hat das Esslinger Theater ein Buch mit Grindlers Arbeiten von 2014 bis 2024 herausgebracht.