Weil sich die invasive Art immer weiter ausbreitet, erarbeitet die Stadt mit dem Regierungspräsidium einen Katalog an Maßnahmen, um die Population einzudämmen. Dabei sind auch die Eier und die Jungvögel voraussichtlich nicht tabu.
Einst hat der Mensch die Nilgans von Nordafrika nach Europa geholt, weil sei ihm so gut gefiel – als Ziervogel in eleganten Parks. Doch es hat sich ausgeziert. Jetzt ist sie den Stadtmenschen zunehmend lästig – und nicht nur das, Experten beobachten auch einen Verdrängungskonflikt mit heimischen Arten. Die Stadt Stuttgart will nun auf ein Nilgans-Management setzen, um den Bestand in der Landeshauptstadt einzudämmen. Damit geht sie voran im Land. Denn ein solches Maßnahmenpaket hat noch keine andere Kommune in Baden-Württemberg aufgestellt. Aktuell laufen die Vorbereitungen. Ein genauer Zeitplan liegt noch nicht vor. Fest steht aber schon: „Die Bekämpfung der Nilgans wird sehr zeit- und kostenaufwendig sein“, teilt die Pressesprecherin Josephine Palatzky vom Regierungspräsidiums Stuttgart (RP) mit, das als zuständige Naturschutzbehörde an der Aktion beteiligt ist.
Warum stört die Nilgans? Es sind verschiedene Faktoren, warum die Nilgans als störend empfunden wird: Zum einen verkote sie die Anlagen, dazu zählen Parks ebenso wie Liegewiesen in den Freibädern. Das ist ein Hygieneproblem für Ruhe suchende Zeitgenossen und spielende Kinder – auch wenn der Dreck nicht allein von der Nilgans kommt. Sie kann ihre Brutplätze auch gegen größere Vögel verteidigen und die Plätze anderer Brutvögel erobern. Daher ist eine Verdrängung heimischer Arten zu befürchten. Sie breitet sich auch deswegen so massiv aus, weil sie mehrmals im Jahr brüten kann.
Wie viele Nilgänse gibt es in Stuttgart? Eine genaue Zahl liegt nicht vor. Klar ist jedoch: Es werden immer mehr. Die Population zu erfassen, ist eine Voraussetzung für das Management, das eine Kontrolle und Eindämmung ermöglicht.
Wo lässt sie sich nieder? Die Anlagen wie der Schlossgarten in der Stadt oder der Park des Hohenheimer Schlosses gefallen der Nilgans. Auch auf Freibadliegewiesen fühlt sie sich wohl. Die neueste Kuriosität in der Stadt ist ein Nilganspaar, das immer wieder über den Fangelsbachfriedhof spaziert, dort aber wohl nicht brütet.
Was ist ein Nilgans-Management? Dabei handelt es sich um eine Kombination mehrerer Maßnahmen. Der Gans soll es schwer gemacht werden, geeignete Brut- und Fressplätze zu finden. Man macht sich ihre Angewohnheiten zu eigen – und gestaltet die Umgebung zum Beispiel unattraktiv für die aus Afrika nach Europa gebrachte Art. „Im Zentrum des Managements wird die Populationskontrolle der Nilgänse stehen. Welche Maßnahmen sich hierfür eignen, steht noch nicht abschließend fest“, sagt Josephine Palatzky vom Regierungspräsidium. Sie wird auch mit den Managementmaßnahmen nicht aus dem Stadtbild verschwinden – aber es soll ihr Bestand eingedämmt werden.
Welche Maßnahmen sind in der Auswahl? Laut der Naturschutzbehörde im Regierungspräsidium kann man der Gans zum Beispiel ihre Brutgewässer vermiesen: Das geht etwa durch das Aufstellen mobiler Zäune. Außerdem kann man ins Gelege eingreifen – sprich: Die Eier aus dem Nest nehmen beziehungsweise austauschen gegen Attrappen, wie man es bei Stadttauben zum Beispiel schon tut. Das Verfahren dieser sogenannten Gelegebehandlung ist mit dem Tierschutz vereinbar. „Die Jagd auf Jungtiere der Nil-, Grau- und Kanadagans, einschließlich des Eingriffs auf ihre Eier, ist möglich, wenn eine Managementkonzeption vorliegt, wonach der Eingriff zum Erreichen der Managementziele erforderlich ist“, sagt Sebastian Schreiber vom Ministerium für Ländlichen Raum des Landes Baden-Württemberg.
Darf man die Nilgänse abschießen? Grundsätzlich dürfen Nilgänse bejagt werden – und das geschieht auch. In den Jahren 2020 und 2021 sind in Baden-Württemberg 1683 Tiere erlegt worden. Die Zahl der abgeschossenen Vögel steigt seit Jahren – parallel zu ihrer zunehmenden Ausbreitung – stetig an. Zwar dürfen grundsätzlich Städte auch Stadtjäger einsetzen, teilt das Ministerium für ländlichen Raum mit. Jedoch gibt es natürlich ein grundlegendes Problem: Die Gänse leben im Stadtgebiet – hier ruht aus nahe liegenden Gründen die Jagd. Im Park zu schießen ist nicht praktikabel.
Geht es auch einfacher? Ja. Denn – auch wenn laut dem Ministerium noch Wissenslücken über die Nilgans bestehen – weiß man, was sie ärgert. Die Nilgans frisst gern frisch gemähtes, niedriges Gras. Das liebt sie aber auch, weil sie so mögliche Feinde frühzeitig erkennen und flüchten kann. Lässt man Altgras stehen, fühlt sich die ansonsten forsch auftretende Gans unsicher und lässt sich nicht zur Brut nieder.
Info
Herkunft
Die Nilgans kommt vom afrikanischen Kontinent. Im 19. Jahrhundert breitete sie sich auf dem Balkan aus, dort ist sie nun ausgerottet. In Europa hat sie sich als Gefangenschaftsflüchtling breitgemacht. Sie wurde als Ziervogel für Parks und Zoos geholt. Ausreißer breiteten sich von den Niederlanden aus am Rhein entlang aus.