Die Architekten Volker Thümmel, Erwin Höfler und Markus Binder (von links) sehen große Entwicklungschancen für das Hochschulquartier an der Flandernstraße. Foto: Ines Rude/l

Wenn die Esslinger Hochschule 2026 ihren Campus auf der Flandernhöhe räumt, werden die städtebaulichen Karten dort neu gemischt. Die Architects for Future haben die bisherigen Planungen begutachtet und sehen gute Entwicklungschancen für das Quartier.

Hoch über den Dächern der Esslinger Innenstadt thront die „Akropolis“. Doch der Campus an der Flandernstraße hat weit mehr zu bieten als das markante Hauptgebäude der Hochschule. Die Architects for Future haben wiederholt betont, welche städtebaulichen Möglichkeiten in diesem Areal und seinen Gebäuden stecken. Im jüngst vorgestellten Siegerentwurf eines Planungswettbewerbs sieht der gemeinnützige Verein, der sich für eine nachhaltige Neuorientierung der Baubranche einsetzt, gute Entwicklungschancen für die Zukunft des Areals, wo mehr als 500 Wohnungen entstehen sollen. Erklärtes Ziel der Stadt ist „ein modernes, nachhaltiges Wohnquartier, das den besonderen Charakter des Standorts bewahrt und gleichzeitig neue Nutzungsmöglichkeiten eröffnet“.

 

Eine Neuordnung des Hochschulareals wird im Rathaus schon lange diskutiert. 2016 war ein Tauschgeschäft vereinbart worden: Das Land erwirbt ein Gelände in der Neuen Weststadt für einen Hochschulneubau. Im Gegenzug kauft die Stadt die Flächen an der Flandernstraße. Die Architects for Future haben stets auf die besondere Bedeutung hingewiesen: „Das ist Esslingens größtes Nachnutzungsprojekt. Es bietet viele Möglichkeiten, aber auch viele Risiken, falsch zu handeln. Dieser Standort hat Qualität. Wenn das Ensemble seinen besonderen Charme erhalten soll, muss man für die Zukunft etwas Besonderes daraus machen.“

„Akropolis“ thront über der Esslinger Innenstadt

In einem zweistufigen Werkstattverfahren haben sieben Planungsteams Konzepte für das neue Quartier entwickelt. Eine Jury hat diese Konzepte unlängst bewertet – der Entwurf der Büros Octagon und Studiofutura wurde einstimmig zum Sieger gekürt und ist nun Grundlage für die Entwicklung eines städtebaulichen Rahmenplans: Das Hauptgebäude soll weiter über allem thronen. Die vorgelagerten Gebäude sollen aufgestockt werden. Lässt die Statik das nicht zu, soll „auf dem Fußabdruck“ des Bestandsgebäudes neu gebaut werden. Geplant sind verschiedene Wohn- und Nutzungsformen. Es soll Co-Working-Plätze geben, die Infrastruktur soll auch die angrenzenden Bereiche in den Blick nehmen. Bestehende Wege werden weiter genutzt, um die Versiegelung möglichst gering zu halten.

Foto: Roberto Bulgrin

Die Architects for Future haben den Siegerentwurf genau unter die Lupe genommen und diskutiert. Vor allem die fünf Thesen für die Weiterentwicklung des Areals decken sich mit ihren Überzeugungen: Baumbestand und Grünflächen sollen erhalten bleiben. Es soll keine Neuversiegelung geben. Bestehende Infrastruktur soll so weit wie möglich weiter genutzt werden. Potenziale sollen erkannt und in die Planungen einbezogen werden. Vorhandene Gebäude sollen erhalten und aufgestockt werden.

„Dieser Entwurf setzt viele unserer Ziele um“, sagt Markus Binder von den Architects for Future. So sollen Gebäude nicht einfach abgerissen, sondern lieber ganzheitlich saniert werden, Klimaschutz und -resilienz sollen gestärkt werden. „Wir sind froh, dass man auf der Flandernhöhe diesen Weg gehen möchte“, so Binder. Sein Kollege Volker Thümmel vermutet: „Vor zehn Jahren hätte man wohl abgerissen. Projekte wie das Esslinger Landratsamt würden heute vermutlich anders bewertet. Es reicht nicht, nur die Energieeinsparung zu betrachten. Man muss auch sehen, wie viel Energie für Abriss und Bau verbraucht werden“, betont Erwin Höfler, der sich ebenfalls bei den Architects for Future engagiert. „Ein kompletter Abriss der Bestandsgebäude würde viel Zeit, Geld und Energie kosten und die Anwohner massiv belasten. Das muss nicht sein.“

Weithin sichtbares Esslinger Wahrzeichen

Foto: Ines Rudel

Dass bestehende Gebäude möglichst erhalten und aufgestockt werden sollen, ist für Markus Binder naheliegend: „Wir brauchen dringend Wohnraum. Wenn man mehr Platz will, kann man in die Breite oder die Höhe bauen.“ Und Volker Thümmel ergänzt: „Es gehört zur Qualität dieses Areals, dass die Planer in den 70er-Jahren die Gebäude gestaffelt angelegt haben. Das muss auch bei einer Aufstockung bedacht werden. Das Hauptgebäude ist ein weithin sichtbares Wahrzeichen. Das muss auch so bleiben.“

Die Architects for Future sehen im Siegerentwurf große Chancen, neue Wege zu gehen. Sie wissen aber auch, dass nicht jeder Siegerentwurf eins zu eins umgesetzt wird. „Für die Qualität des neuen Quartiers wird es entscheidend sein, ob und wie es gelingt, von den guten Ansätzen der Wettbewerbsgewinner möglichst viele zu übernehmen“, gibt Erwin Höfler zu bedenken. „Manches wird sich verändern, aber eine Stadt darf und soll sich auch weiterentwickeln. Hilfreich kann sein, wenn die Stadt zumindest Teile selbst realisiert“, ist Markus Binder überzeugt. Und für Volker Thümmel ist klar: „Im Bestand zu planen, ist nicht immer der einfachere Weg. Aber es ist reizvoll, aus der vorhandenen Architektur mit ihrer hohen Qualität etwas Neues, Überzeugendes zu machen. Das ist eine große Chance für die Planer und für die ganze Stadt. Hier kann etwas entstehen, das für die Menschen, die hier leben und arbeiten werden, aber auch für Esslingen insgesamt zum Identitätsfaktor wird. Dazu braucht es mehr als nur Nullachtfünfzehn.“

Ideen für die Flandernhöhe

Bestand
 Der Hochschulstandort an der Flandernstraße wurde in den Jahren 1971 bis 1979 gebaut. Prägendes Element ist ein achtgeschossiges Seminarhochhaus, die so genannte „Akropolis“, der Planer eine hohe gestalterische Qualität attestieren. Vorgelagert sind zwei- bis viergeschossige Bauten, die sich gestaffelt dem Hang anpassen.

Zukunft
 Wenn die Hochschule voraussichtlich zum Wintersemester 2026/2027 in die Weststadt umzieht, übernimmt die Stadt das knapp 70 000 Quadratmeter große Areal an der Flandernstraße. Wesentliche Teile der heutigen Hochschulgebäude sollen künftig als Wohn-, Arbeits- oder Freizeitbereiche genutzt werden – der Bau von mehr als 500 neuen Wohnungen ist das erklärte Ziel. Bestehende Gebäude werden so weit wie möglich erhalten, teils aufgestockt und mit Neubauten kombiniert. So soll bis in die 2030er-Jahre „ein spannungsvolles, hochwertiges Quartier“ entstehen, das mit dem Slogan „Wohnen in Panoramalage“ wirbt.