Der Europa-Park lockt jedes Jahr fünfeinhalb Millionen Besucher nach Rust. Foto:dpa Foto: dpa

Der Europa-Park will Rust mit Frankreich verbinden. Dass die Trasse durch Schutzgebiete führt, stößt auf Kritik.

Rust - Wird sie kommen oder nicht? Die Vision der Europa-Park-Geschäftsführung in Rust (Ortenaukreis), eine Seilbahn über den Rhein nach Frankreich zu bauen, schlägt hohe Wellen. Und das, obwohl noch nicht einmal eine konkrete Route feststeht. „Keine unüberwindlichen Hürden“ hatte der Ortenauer Landrat Frank Scherer nach „einer allerersten summarischen Betrachtung“ auf der Pressekonferenz des Europa-Parks am 6. November erkennen können.

„Wie kann man so etwas sagen“, empört sich nun aber die Ruster Gemeinderätin Elke­ Ringwald, Fraktionsvorsitzende der Liste Aktive Bürger. „Absurd und verantwortungslos gegenüber der Natur“ findet sie das Vorhaben. Ihr Ratskollege Andreas Link, Fraktionsvorsitzender der CDU, schnauft tief, bevor er die Frage beantwortet, ob er die Seilbahn über zwei Naturschutzgebiete hinweg für sinnvoll hält. „Noch unentschieden“, sei er. Zwar sei er froh über jedes Auto weniger, das nach Rust kommt, einen Eingriff in das Naturschutzgebiet kann er sich aber nicht vorstellen.

5,5 Millionen Besucher kommen im Jahr

Das kann auch Bürgermeister Kai-Achim Klare (SPD) nicht befürworten. Er weiß um den Wert des größten Gewerbesteuerzahlers, kennt aber auch die Schattenseiten von fünfeinhalb Millionen Besuchern im Jahr. Das 4200 Einwohner zählende Dorf wird von zwei Seiten umzingelt sein, wenn die neue Wasserwelt „Rulantica“ im Spätjahr 2019 öffnet. Weil die meisten Park- und Hotelgäste mit dem Auto anreisen, wird es rund um den Ort in Stoßzeiten eng. Die Seilbahn ist für Bürgermeister Klare daher „mutig“ und eine Chance, Verkehr zu reduzieren. Er ist aber nicht glücklich, wie die Idee „unvorbereitet auf uns niedergeprasselt ist“. Am 4. November hatte es in Straßburg ein Treffen der Eigentümerfamilie Mack mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron gegeben. Dieser hatte seine Begeisterung über die Vision der Macks prompt einer elsässischen Tageszeitung offenbart, danach sei eine „ungeplante Dynamik“ entstanden, so Klare.

Gibt es eine umweltverträgliche Trassenvariante

„Die zentrale Frage“, so der Bürgermeister „ist, ob es eine umweltverträgliche Trassenvariante gibt“. Fände man sie nicht, könne das Projekt scheitern. „Ohne Akzeptanz vor Ort“, meint Klare, „geht das nicht“. Zwischen den rund sechs Kilometern Strecke liegen auf deutscher und französischer Seite Naturschutzgebiete mit höchsten europäischen Schutzstandards. Im Taubergießen (1700 Hektar) mit seinen Wasserläufen und Auenwäldern und auf der Île de Rhinau (300 Hektar) zwischen Rhein und Schifffahrtskanal gibt es zum Teil vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Die Trasse würde „eines der letzten großen Naturschutzgebiete am Oberrhein“ beschädigen, fürchtet Axel Mayer, der oberrheinische Regionalgeschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz. Er beklagt das „krebsartige Wuchern des Europa-Parks“. Johannes Enssle vom Naturschutzbund hält es für „eine Schnapsidee, eine Seilbahn quer durch dieses Naturjuwel zu bauen“. Mit „vereinten Kräften“ würden sich die Verbände dagegen wehren, so der Vorsitzende des Landesverbands Baden-Württemberg. Der Landrat Frank Scherer findet diese Haltung irritierend: „Es wird ein transparentes Verfahren mit grundlegenden abwägenden Prüfungen und öffentlicher Beteiligung geben.“ Für das Planfeststellungsverfahren ist das Regierungspräsidium zuständig. Dort liegt noch kein Antrag aus Rust vor.

Das Gebiet ist eines der letzten urwaldähnlichen Wildnisareale

„Machbar ist alles“, sagt Alexander Koch, „aber ob man alles auch machen muss?“ Der stellvertretende Vorsitzende der Ruster Fischerzunft kennt den Taubergießen von Kindesbeinen an. Fischerei­ ist Familientradition. „Wir sind nicht nur Fischer, wir hegen und pflegen die Natur‘“, betont Koch. Der Taubergießen ist eines der letzten urwaldähnlichen Wildnisareale in Mitteleuropa. „Wir haben hier einen einmaligen Tier- und Pflanzenreichtum“, schwärmt Koch, der regelmäßig Besucher mit dem Stocherkahn durch die Wasserläufe fährt. Mit etwas Glück zu früher Stunde kann man Reiher, Pirole, Biberratten, Eisvögel, Kormorane und Schwäne sehen. Die Wasserläufe haben keine Verbindung zum Rhein, sie speisen sich aus unterirdischen Quellen, sogenannten Gießen, daher rührt auch der Name­ des ganzen Gebiets.

Für den bau müssten Schneisen gezogen werden

„Keine einzige Stelle“ kann sich Alexander Koch vorstellen, wo eine Seilbahn den Taubergießen ohne massiven Eingriff queren könnte. Nicht nur, dass für den Bau der Masten Schneisen gezogen werden müssten. „Der Dauerbetrieb, der Lärm, dazu Licht und Müll – die Idylle wäre dahin.“ Absurd­ sei es, so etwas bauen zu wollen. Idylle? „Die ist doch jetzt schon getrübt“, sagt dagegen Felix Sigg. Er ist der letzte Fischermeister­ in Rust, der noch Netz- und Reusenfischerei betreibt. Als Rentnerhobby. Die Fischerei am Altrhein lohnt sich längst nicht mehr, der Fisch ist knapper geworden­, auch wegen der Kormorane. „Das hat sich aber wieder ganz gut erholt“, sagt Sigg, der lange Zeit beim Wasser- und Schifffahrtsamt gearbeitet hat. Im Gegensatz zu seinen Fischer-Kollegen hält Sigg eine unbedenkliche Route für möglich. „Um den Wald herum“, sagt Sigg und zieht auf der Karte einen Bogen nach Norden, durch Äcker und Wiesen bis zur Landesstraße L103 und zur Rheinfähre nach Rhinau im Elsass.

Tunnel statt Seilbahn?

Es werde „sehr schwierig“, die Vision einer Seilbahn Realität werden zu lassen, räumte Europa-Park-Geschäftsführer Michael­ Mack bei der Präsentation ein. Der erste heftige Gegenwind ist ein Vorgeschmack darauf. Man solle lieber einen Tunnel graben, heißt es sarkastisch in Leserbriefen­ an die Lokalzeitungen. Der mit den Macks befreundete Spezialist dafür logiere ja gleich um die Ecke: Martin Herrenknecht, Hersteller für Tunnelbohr­maschinen in Schwanau.

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