In etwa einem Jahr könnte die Gäubahn in Stuttgart gekappt werden. Eine Klage der Deutschen Umwelthilfe kommt nicht voran. Interessengruppen machen gegen das Vorhaben Front, und der ehemalige Chef der Bahn in der Schweiz positioniert sich.
Die Zeit drängt für all jene, die sich für einen Erhalt der Gäubahnstrecke auf Stuttgarter Markung einsetzen. Im Sommer 2025 könnten die Gleise, die von der Landeshauptstadt in Richtung Schwarzwald, Bodensee und Schweiz führen, im Bereich des Nordbahnhofs unterbrochen werden.
Gericht reicht Klage weiter
Nicht zuletzt wegen dieser überregionalen und auch internationalen Bedeutung der Strecke geht der Verein Deutsche Umwelthilfe juristisch gegen die geplante Kappung vor, die die Deutsche Bahn von der Baugenehmigung für Stuttgart 21 abgedeckt sieht.
Die Initiative hat Mitte vergangenen Jahres eine Klage beim Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg (VGH) vorgebracht. Doch der Verfahrensweg stockt. Wie eine Sprecherin des VGH mitteilt, habe man den Vorgang „an das sachlich hierfür zuständige Verwaltungsgericht Stuttgart verwiesen“. Dort bestätigt man den Vorgang. Wann es weiter geht, ist unklar. „Ein Termin zur mündlichen Verhandlung ist noch nicht bestimmt“, sagt ein Sprecher des Verwaltungsgerichts Stuttgart.
Auch außerhalb der Gerichtssäle wird die Unterbrechung der Strecke, die die Bahn mit baulichen Notwendigkeiten begründet, bekämpft. In Stuttgart hat sich Anfang des Jahres ein Gäubahnkomitee gegründet. Darin finden sich Vertreter von verschiedenen Verbänden, die sich immer wieder in Fragen der Eisenbahnplanung zu Wort melden: der Verkehrsclub Deutschland (VCD), der Landesnaturschutzverband (LNV) oder der Verband Pro Bahn. Sie fordern einhellig, auf die Kappung zu verzichten.
Könnte die Strecke erhalten bleiben?
Die Kappung wird aus Sicht der Bahn notwendig, um an dieser Stelle die neu gebaute S-Bahnstrecke mit dem Bestand zu verbinden. Die Vertreter des Komitees halten diese Argumentation für überholt und stützen sich auf ein Gutachten der Deutschen Bahn aus dem Jahr 2018, in dem verschiedene Szenarien untersucht wurden, wie die Strecke erhalten werden kann. Ergebnis: Es geht und zieht Kosten je nach Variante zwischen 1,5 und 2,8 Millionen Euro nach sich.
Außen vor geblieben ist bei dieser Betrachtung die Position der Stadt Stuttgart, der die Gleisflächen gehören und die darauf dringt, sobald wie möglich dort ihre städtebaulichen Pläne umzusetzen. Ein Weiterbetrieb der Gäubahn würde das erschweren, wenn nicht gar gänzlich unmöglich machen, so die Haltung im Rathaus, die auch von einer Mehrheit des Gemeinderates mitgetragen wird. Perspektivisch soll die Gäubahn an Stuttgart 21 angeschlossen werden. Dazu plant die Bahn einen rund elf Kilometer langen Tunnel zwischen dem Flughafen und Böblingen. Der dürfte aber erst in der ersten Hälfte der 30er-Jahre fertig werden. So lange müssten Fahrgäste im Stuttgarter Stadtteil Vaihingen von den Gäubahnzügen auf S- und Stadtbahnen umsteigen. Eine Verlängerung der Stuttgarter S-Bahn während dieses Zeitraums bis Horb wird diskutiert.
Ehemaliger Chef der SBB spricht in Stuttgart
Das Komitee, dessen Vorsitzender Hans-Jörg Jäkel, Stammheimer und Mitglied bei den Stuttgart-21-kritischen „Ingenieuren 22“ ist, wirbt weiter für seine Sichtweise und sucht die Öffentlichkeit. Dabei baut man auf prominente Unterstützung. Am 19. Februar spricht Benedikt Weibel bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Komitees und der Linksfraktion im Gemeinderat im Rathaus. Der Fachmann, der von 1993 bis 2006 Chef der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gewesen ist, beleuchtet „die Gäubahn im europäischen Eisenbahnnetz“.