Die Gastronomin Martina Schneider verlässt das L. A. Signorina am Marienplatz in Stuttgart – der Gastroszene bleibt sie dennoch erhalten. Ein Gespräch über „Pizza-Babies“ und darüber, dass das Eisverkaufen auch mal in einem Déjà-vu enden kann.
Die dunkel-samtenen Vorhänge hat sie sorgsam selbst ausgesucht. Auch die Stühle, die lange im Restaurant standen, brachte Martina Schneider (43) von überall her, keiner war wie der andere. Die bunten Tische und Bänke vor dem L.A. Signorina hatte sie, als die Pizzeria 2014 öffnete, eigenhändig mit Freunden und Familie gestrichen – orange, gelb, mintfarben, sie sind ein Hingucker am Marienplatz, sind gemütlich, laden zum Verweilen ein – und haben für Legenden gesorgt. Verweilen, Zusammensein, Freundschaften schließen, „darum geht es“, sagt eine der umtriebigsten Gastronominnen der Stadt, und eine, die es wissen muss.
Im L.A. Signorina sei schon manches „Pizza-Baby“ entstanden
Hier sind schon so viele Freundschaften und Liebesgeschichten entstanden“, sagt sie, „wenn am Ende des Abends zwei zuvor Fremde die Nummern ausgetauscht haben, dann ist alles richtig gelaufen!“. Dann haben Pizzen wie die „Tigertail“, die mit Crème fraîche, Gruyère, Hokkaido-Kürbis und Rosmarin daherkommt, oder die „Melrose“ mit Spargel und Kirschtomaten ihren vollen Zweck erfüllt. So manches „Pizza-Baby“ sei hier schon entstanden, erzählt die ausgebildete Modedesignerin, was heißt: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lernten sich im L.A. kennen, und mit einer Prise Amore und Chin-Chin, kam es, wie es kommen musste.
Auf die Gastronomin, die aus Bad Saulgau stammt, ist aber nicht nur die beliebte Pizzeria im Stuttgarter Süden zurückzuführen, seinen Anfang nahm alles 2004 mit dem Café Kaiserbau. Mit dem Betreiber Francesco Troiano sollte eine einzigartige Power-Symbiose entstehen. Als wäre es so vorbestimmt, sagt Schneider, verlaufe bei ihr alles in Fünf-Jahres-Rhythmen: 2009 kam die Gelateria am Marienplatz hinzu, 2014 übernahm sie das L.A. Signorina und fast wie nebenbei startete sie noch die Theaterbar Rakete in der Rampe, 2019 kam das „La Casa del Consumo“ im Heusteigviertel.
Alles begann in einer Szene-Kneipe in Bad Saulgau
Der Erfolg habe allerdings auch ein paar Schattenseiten. Zum einen natürlich viel Arbeit – am Wochenende mitunter von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr nachts, zum anderen erlebt man auch das eine oder andere Déjà-vu. Die Frage „Waffel oder Becher?“ kann auch irgendwann genug sein. Déjá-Vu-Albträume tun sich dann auf, „wenn ein Kunde, der sich eine Kugel Eis geholt hat, nach einer Stunde wieder vor einem steht, und nach einer Neuen fragt – eine nie endende Eisdielen-Schlange!“.
Den Gastro-Anfang machte Schneider mit 18 Jahren in einer Szene-Kneipe in ihrem Heimatort. Eigentlich gefiel es ihr gar nicht, aber weil sie sich nicht traute, ihrem Chef zu kündigen, blieb sie – was, wie sich herausstellte, eine gute Entscheidung war. Nach Zwischenstopps in Berlin und Wien ging es schließlich nach Stuttgart. Dem L.A. wollte man anfangs nicht so recht Glauben schenken, erzählt sie heute. Nur Pizza auf der Speisekarte? Funktioniert denn das? Was soll man sagen: Es funktionierte. „Es muss nichts Kompliziertes sein“, sagt Martina Schneider heute, „es reicht, wenn es etwas Gutes gibt, an einem Ort, an den die Menschen gerne kommen“. Man merke sich das Erfolgsrezept, das auch für das „La Casa del Consumo“ gilt, in dem man italienische Hausmannskost schlemmen kann.
Schneider nimmt sich Zeit für eine kreative Schaffenspause
Ob es manchmal schwer sei, sich als Chefin durchzusetzen? „Nein, ein wirkliches Thema ist das nie für mich gewesen“, sagt Schneider. Seltsam sei es manchmal nur, wenn jemand frage, wo denn der Chef ist. Die heutige Gastro-Chefin war damals das erste weibliche Mitglied in der Jugendfeuerwehr, das mag sie vielleicht vor Ressentiments bewahrt haben. Wird es ihr schwer fallen, das L.A. Signorina und den Marienplatz zu verlassen? Hier seien so viele Geschichten passiert, die ihr alle wertvoll seien und ihre letzten 20 Jahre geprägt hätten, erzählt sie. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlasse sie nun den Ort.
Nach neun Jahren L.A. und zwanzig Jahren Marienplatz werde es Zeit für etwas Neues, sagt sie - Zeit für eine kreative Schaffenspause. An ihre Stelle tritt nun Francesco Troianos Tochter Chiara. Man darf gespannt sein, was von Martina Schneider als nächstes kommt, Stillstand gibt es bei einer wie ihr vermutlich nicht. Ihren Mitarbeitern im L.A. Signorina hinterlässt sie mindestens ein Geschenk: Es trägt den Namen „Piz Arello“ und ist die geheime Zutat, die dem Sommerdrink „Sprince“ die violette Farbe verleiht. Geheim ist geheim – zu erfahren ist nur, dass ihre Mitarbeitenden das Produkt genossenschaftlich vertreiben werden dürfen. Noch etwas mit Potenzial zur Legende.