Epstein mit Pizza auf "amerikanische Art". Foto: IMAGO/Cavan Images, dpa

Pizzagate gilt als Inbegriff von Fake News, doch der Fall ist komplexer als gedacht. Die Epstein-Akten deuten darauf hin, dass bestimmte Codes einen realen Ursprung haben könnten.

Der „Pizzagate“-Vorfall aus dem Jahr 2016 gilt bis heute als eines der düstersten Kapitel der Internetkultur. Er zeigte drastisch auf, wie digitale Gerüchte die physische Sicherheit von Menschen gefährden können – lange vor Aufdeckung der Epstein-Liste. Doch woher stammten die bizarren Ideen eigentlich?

 

Pizzagate, Hillary Clinton und Donald Trump

Mitten im US-Wahlkampf veröffentlichte WikiLeaks gehackte E-Mails aus dem Umfeld von Hillary Clinton. In den Nachrichten ging es oft um Verabredungen zum Essen. Internetnutzer auf Plattformen wie 4chan interpretierten Begriffe wie „Pizza“ oder „Pasta“ jedoch nicht kulinarisch, sondern als angeblich getarnte Hinweise auf einen Kinderpornoring.

Damit sollte auch der damalige Wahlkampf der Demokraten diskreditiert werden – im November 2016 siegte Donald Trump und trat 2017 seine erste Amtszeit an.

Pizzeria „Comet Ping Pong“ in Washington

Zum Ziel der Online-Wut wurde aber auch das Lokal „Comet Ping Pong“, eine Pizzeria in Washington D.C. Die Verschwörungstheorie behauptete, im Keller des Restaurants würden Kinder gefangen gehalten. Dies führte dazu, dass am 4. Dezember 2016 ein bewaffneter Mann das Lokal stürmte, um die angeblichen Opfer zu befreien. Er musste jedoch feststellen, dass das Restaurant nicht einmal über einen Keller verfügte, und wurde später zu einer Haftstrafe verurteilt. 2025 wurde er bei einer Verkehrskontrolle in North Carolina von der Polizei erschossen.

Die Pizzeria „Comet Ping Pong“ 2016 in Wahsington DC. Foto: imago/UPI Photo

Adrenochrom-Verschwörungstheorie

Um ein Motiv für die angeblichen Machenschaften zu konstruieren, griffen die Verschwörungsideologen auf den Stoff „Adrenochrom“ zurück. Es wurde behauptet, Eliten würden Kinder foltern, um dieses vermeintliche Verjüngungsmittel aus deren Blut zu gewinnen.

Wissenschaftlich ist das haltlos: Adrenochrom ist ein einfaches Abbauprodukt von Adrenalin, das weder berauschend wirkt noch das Leben verlängert und legal im Labor hergestellt werden kann. Hier wurden Elemente aus Horrorfilmen und Literatur zur Realität erklärt.

„Pizza-Code“ in den Epstein-Files?

Auch wenn die Anschuldigungen gegen die Pizzeria oder die Adrenochrom-Theorien absurd sind, so waren einige der verwendeten Begrifflichkeiten womöglich nicht völlig frei erfunden, sondern nur falsch verortet. Jüngste Berichte rund um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und die nach ihm benannten Listen werfen jedenfalls ein etwas nuancierteres Licht auf das Thema.

Analysen der Epstein-Akten sowie offizielle FBI-Erkenntnisse aus anderen Pädophilie-Fällen legen nahe, dass Begriffe wie „Pizza“ oder „Cheese Pizza“ in tatsächlich existierenden pädokriminellen Netzwerken möglicherweise tatsächlich als Codes verwendet werden.

In der düsteren Realität des Epstein-Klüngels dienten solche Chiffren mutmaßlich dazu, verschleiert über Missbrauch zu kommunizieren. Hundertprozentig bestätigt und erwiesen ist das bislang allerdings nicht.

11-jährige Epstein-Opfer auf den US Virgin Islands

Die jüngsten Epstein-Opfer auf den US Virgin Islands waren laut einer Klageschrift der früheren Generalstaatsanwältin Denise George vermutlich elf Jahre alt. Die Juristin wurde entlassen, als sie im Zusammenhang mit dem Skandal noch eine Milliardenklage gegen JP Morgan erheben wollte. Bestialitäten, Gewalt und Folter scheinen im realen Epstein-Netzwerk jedenfalls an der Tagesordnung gewesen sein.

Der Begriff "Lolita", der ja ein gewisses Einverständnis voraussetzen würde, wäre hier also grob irreführend. Und wenn manche Medien von "jungen Frauen" berichten, ist das zumindest erschreckend verharmlosend.

Epstein-Morde und verscharrte Teenager?

Auch von Morden und angeblich auf einer Epstein-Ranch verscharrten Teenagern ist die Rede – vorerst indes ohne jegliche Anklage von mutmaßlich Beteiligten. Denkbar ist natürlich auch, dass sich manches schnell wieder in Luft auflösen wird. Vielleicht können die Sachverhalte auch niemals aufgeklärt werden.

Das Gefährliche an Pizzagate war im Rückblick die Vermischung von Fiktion und Realität. Verschwörungstheoretiker nutzten angeblich reale Codes aus dem Darknet und projizierten sie dann auf ein völlig unbeteiligtes Restaurant.

Während die Pizzeria-Geschichte eindeutig eine Halluzination war, existierten kriminelle Strukturen tatsächlich im Umfeld von Tätern wie Jeffrey Epstein – und möglicherweise auch eine dazugehörige Geheimsprache.