Die ganze Familie Parr (von links): Mr. Incredible, Elastigirl, Flash, Jack-Jack und Violetta Foto: Disney

Thomas Moser aus Stetten am kalten Markt arbeitet im Animationsparadies: Er hat nach dem Animationsstudium beim kalifornischen Trick-Studio Pixar angeheuert und nun an „Die Unglaublichen 2“ mitgewirkt.

Stuttgart - Im Juli 2011 hat Thomas Moser als Trainee beim Branchenprimus Pixar angefangen und sich bewährt: Der Schwabe hat an den Filmen „Merida“, „Alles steht Kopf“, „Findet Dorie“ und „Coco“ mitgewirkt. Aktuell war der Absolvent der Hochschule der Medien in Stuttgart und der Ludwigsburger Filmakademie an „Die Unglaublichen 2“ beteiligt. Wir haben den 37-jährigen in der Pixar-Kantine im kalifornischen Emeryville getroffen.

 

Herr Moser, was genau war Ihre Aufgabe bei „Die Unglaublichen 2“?

Ich hatte genau genommen zwei Jobs. Zum einen war ich ein so genannter Character Grooming Artist, das heißt ich war dafür zuständig, unseren Figuren Haare zu verpassen. Also nicht nur Frisuren, sondern zum Beispiel auch Augenbrauen, auf die viel Wert gelegt wird, weil sie stark zum Ausdruck einer Figur beitragen. Ich war dabei hauptsächlich mit Jack Jack, dem Baby beschäftigt. Zum anderen war ich dann noch in der Abteilung Simulation tätig, die direkt nach den Animationskollegen ins Spiel kommt. Da habe ich mich vor allem um das gekümmert, was man Character Effects nennt, also die Bewegung etwa von Stoffen oder Haaren. Jede einzelne Einstellung wird da nämlich nochmal eigens von Hand bearbeitet.

Wenn man die Augenbrauen von Babys animieren muss, studiert man dann viel am lebenden Objekt?

Ich selbst habe keine Kinder, aber natürlich sammelt man viel Referenzmaterial. Und gerade hier unter den Kollegen fragt man dann schon viel nach Fotos vom Nachwuchs. Das ist dann manchmal durchaus schwierig, denn jedes Elternteil hält sein Baby für das süßeste. Das erfordert eine gewisse Diplomatie (lacht).

Beim Animationsfilm gibt es ja immer die künstlerische und die technische Seite. Welcher fühlen Sie sich in Ihrem Job denn eher zugehörig?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn eigentlich ist das bei mir eine Mischung aus beidem. Beim Grooming zum Beispiel geht es natürlich um das Design der Figuren, aber trotzdem muss ein gutes technisches Verständnis da sein, damit man weiß, was die Software überhaupt macht. In der Simulation dagegen ist die Arbeit insgesamt deutlich technischer, denn da arbeiten wir stärker auch mit physikalischen Parametern. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich tendiere mehr zur technischen Seite, und das ist auch eher mein Hintergrund. Aber was ich an meiner Arbeit mag, ist eben gerade die Tatsache, dass beides gefragt ist.

Was war Ihr Berufswunsch, als Sie damals zu mit dem Studium begonnen haben?

Ich habe zunächst an der Hochschule der Medien in Stuttgart angefangen, der Studiengang hieß damals Audiovisuelle Medien. Da wurden viele Spezialisierungsgebiete angeboten, Tontechnik zum Beispiel, Fernsehtechnik oder eben auch Computeranimation. Im Grundstudium habe ich mich ein bisschen zum Realfilm hin verleiten lassen, aber danach kam ich wieder zu meinem eigentlichen Ziel zurück, der Computeranimation.

Also haben Sie immer von einem Beruf geträumt, wie Sie ihn jetzt haben?

Erst im Hauptstudium, auch durch Praxissemester, habe ich wirklich Einblicke bekommen in die weltweite Visual Effects-Industrie und realisiert, wie viel mehr und spezialisierte Jobs es in diesem Bereich eigentlich gibt. Aber nach meinem Abschluss hatte ich das Gefühl, noch einen draufsetzen zu wollen, bevor ich voll ins Berufsleben gehe. Also habe ich mich auf Anraten meines Professors für einen Aufbaustudiengang als Technical Director an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg beworben. Dort habe ich dann mitbekommen, dass große Firmen wie Pixar immer nach Praktikanten suchen und andere Absolventen dort auch hingegangen sind.

Und so kamen Sie selbst auf die Idee, es in Kalifornien zu versuchen?

Ja, plötzlich war diese Welt gar nicht mehr so weit weg. Also habe ich mich bei Pixar auf ein zwölfmonatiges Trainee-Programm beworben – und bin dort nach dem Abschluss an der Filmakademie hin. Das war 2011. Hinterher hat man mir eine Festanstellung angeboten.

Erfüllte sich damit ein Lebenstraum?

Ja und nein. Schon als Jugendlicher habe ich Filme geliebt und mir auch immer die Making Ofs angeschaut, weil mich das fasziniert hat. Aber in Stetten am kalten Markt erscheint einem die Unterhaltungsindustrie doch sehr weit weg, denn natürlich kannte ich niemanden, der beim Film arbeitete. Das Studium war dann ein Versuch, zumindest ein bisschen in diese Richtung zu gehen. Dass ich wirklich einmal Pixar landen würde, damit habe ich noch nicht einmal gerechnet, als ich damals die Bewerbung für die Trainee-Stelle abgeschickt habe.

Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Tage bei Pixar?

Das war schon etwas sehr Besonderes, jeden Morgen unter einem Schriftzug durchzulaufen, den man sonst nur aus dem Kino kannte. Und mit Menschen zu kollaborieren, die an Filmen mitgearbeitet hatten, die ich auf der Leinwand angebetet habe. Aber die ersten Wochen waren auch ziemlich stressig, denn natürlich wollte ich nichts falsch machen und eine super Leistung bringen. Gleichzeitig konnte ich es die ganze Zeit nicht glauben, dass ich wirklich hier sitze und am nächsten Pixar-Film arbeite.

Muss man eigentlich zwingend raus aus Deutschland, wenn man beim Animationsfilm Karriere machen will?

Die Landschaft in Deutschland ändert sich ein bisschen, da hat sich zuletzt einiges getan. Aber wer nicht Visual Effects-Dienstleister sein, sondern wirklich an großen Animationsfilmen arbeiten will, findet nicht viele Möglichkeiten. Es gibt nun einmal kein großes Animationsstudio wie Pixar oder Disney. Natürlich habe ich ehemaligen Kommilitonen, die in der Heimat geblieben sind und dort freiberuflich arbeiten. Die haben allerdings wirklich oft Schwierigkeiten, eigene Animationsprojekte umzusetzen. Weil die Sache mit der Filmförderung meist eine ziemlich langwierige ist und das Thema Animation in Deutschland oft als Sache fürs Vorschulalter abgestempelt und nicht so erst genommen wird. Das ist schon schade. Der Markt für Animationsfilme ist auf jeden Fall da, die Leute und das Talent ohne Frage auch. Nur produziert wird in Deutschland eben kaum.

Vielleicht sind Zeichentrick und Animation einfach eine amerikanische Spezialität?

Nicht prinzipiell. In Frankreich gibt es ja zum Beispiel das Studio, das die „Minions“-Filme macht. Die haben gezeigt, dass das in Europa geht – und spielen jetzt international mit. Es wäre schön, wenn so etwas auch in Deutschland entstehen könnte.

Wann und wie ist Ihre Liebe zu diesen Filmen entstanden?

Prägend war auf jeden Fall, als mein Cousin mir zum ersten Mal einen „Star Wars“-Film gezeigt hat. Damals noch schön auf VHS. Natürlich hatte ich schon vorher Filme gesehen, aber das war der Moment, an dem mich diese Magie überwältigt hat. Was das Interesse an Effekten angeht, hat mich dann „Jurassic Park“ umgehauen. Eigentlich hätte ich den damals noch gar nicht sehen dürfen, denn er kam ein paar Wochen vor meinem 12. Geburtstag in die Kinos. Aber meine Mutter kam extra zum Kino, um an der Kasse zu erklären, dass ich sogar den Roman schon gelesen hatte und deswegen auch den Film sehen dürfe.

Gibt es etwas, das sie vermissen hier in Kalifornien?

Hauptsächlich natürlich die Menschen, meine Familie und meine alten Freunde. Man kann halt nicht mal eben schnell für ein langes Wochenende nach Hause kommen. Übers Klima hier kann man natürlich nicht meckern, auch wenn mir manchmal die vier Jahreszeiten fehlen. Es gibt ja auch schöne Wintertage. Und morgens beim Bäcker anhalten und mir noch schnell eine leckere Brezel mitnehmen, das vermisse ich auch. Aber ich komme ja einmal im Jahr in die Heimat!

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.