Immer wieder ist sie in der Luft: Pink bietet ihren Fans viele akrobatische Einlagen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Höher, schneller, bunter. Was Pink am Freitagabend vor gut 45.000 Fans in Stuttgart veranstaltet, ist ein großes Spektakel. Und voll von Empathie und Liebe. Langkritik und Setlist vom Auftritt in der ausverkauften MHP-Arena.

Ganz zum Schluss fliegt Pink an vier Seilen festgebunden übers Publikum, macht Salti, singt kopfüber, winkt den Fans ganz hinten in der Arena zu. Sie wollte uns allen in den vorangegangenen zwei Stunden etwas vorgaukeln, aber so leicht kriegt sie uns nicht. Nein, Pink ist keine von uns. Pink ist die Überfrau, die alles kann. Sie kann singen, tanzen und wahnsinnige Stunts hinlegen. Einerseits.

 

„Hello Stuttgart!“ Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Und dann gibt es da andererseits die Momente dieses verrückt inszenierten Spektakels, an denen man denkt: Pink ist eine, die bestimmt gut Witze erzählen kann. Eine, die am Tisch sitzt, trinkt, lacht und sagt: „den einen habe ich noch.“ Pink ist eine, mit der sich viele Frauen, viele Menschen der LGBTQ-Community identifizieren können. Und an einem besonderen Moment an diesem Abend, an dem Pink am weißen Flügel sitzt und ihr allerliebstes Liebeslied „Make You Feel My Love“ vom ollen Grummler Bob Dylan anstimmt, da werden auf den Leinwänden immer wieder glückliche Gesichter eingeblendet. Und sie knutschen, egal ob Mann und Frau oder Mann und Mann. Jubel! Ja, hier im Rund der MHP-Arena ist ganz schön viel rosarot. Manche der Fans haben ihrem Star Geschenke mitgebracht, darunter Süßigkeiten und Chips, eine lustige Froschaugenbrille und einen Strohhut mit Flamingo. Bei Pink, die sich ja auch gerne mit Ausrufezeichen im Namen schreibt, also P!nk, darf alles ein bisschen greller sein.

Ausverkaufte MHP-Arena, gut gelaunte Menschen. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Später wird der Regen für etwas Abkühlung sorgen

Auf dem Weg ins Stadion, geht und schwingt die Menge, manche tragen lustige Hüte, pinkfarbene Strähnen im Haar, kunterbunte Sommeroutfits, weil es doch so drückend heiß ist in Cannstatt. Später wird ein ordentlicher Regen für Abkühlung sorgen, doch das Gewitter zieht zum Glück am Stadion vorbei. Der Wettergott hat Pinks derbes Flehen („Don’t fuck with me“) erhört.

Es wäre aber auch zu schade, wenn man von dieser gigantischen Show etwas hätte streichen müssen. Zu Beginn taucht eine artifizielle Pink auf der Leinwand auf, es ist nur ein kleiner Schritt und lautes Gebrüll von 45.000 Menschen und Pink hängt weit oben über der Bühne am Trapez. Programmatisch der Titel natürlich, wie kann es anders sein, „Get the Party started“, lasst die Spiele beginnen. Der Song scheint schon seit 2001 Pinks Mantra zu sein. In der Zwischenzeit ist sie zum Superstar aufgestiegen, hat rund 60 Millionen Alben verkauft, mehrere Grammys bekommen, und sie füllt die Stadien wie eben an diesem schönen Sommerabend, dem selbst der Regen nichts anhaben kann.

Unterstützt wird Pink von Tänzerinnen und Tänzern. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Dass sie eine sehr gute Gastgeberin, die Dompteurin in der Manege, ist, das beweist sie in den fast 120 Minuten am Freitagabend in der MHP-Arena. Ihre „Summer Carnival“-Tour, bereits im vergangenen Jahr gestartet, geht diesen Sommer in einigen Stadien in die Verlängerung.

Überhaupt, kleine Hallen kennt Pink zumindest in Europa nicht: Sieben Mal stand sie schon in der Schleyer-Halle auf der Bühne, bereits zum zweiten Mal ist die Sängerin im Stadion zu Gast. Dabei hat auch sie einmal klein angefangen. Pinks Vita erzählt die alte, romantische Geschichte, wie sich ein Mädchen von ganz unten nach ganz oben gearbeitet hat. Was sie schon immer hatte: jede Menge Fleiß. Als Kind turnt sie fünf Tage die Woche, acht Stunden am Stück. Sie wird als Alecia Beth Moore im September 1979 in Pennsylvania geboren, die Eltern lassen sich scheiden, der Trennungsteenager rebelliert, trinkt, nimmt Drogen, geht in Therapie und wird mit 16 Jahren von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Tragische Geschichten, allesamt Stoff für viele Songs.

Auf der Karnevalsbühne ist auch so einiges geboten

„Just Like A Pill“ ist so einer, ein treibendes Lied über eine toxische Beziehung. Wer weit oben auf der Tribüne sitzt, bei dem kommt Musik und Gesang mal mit Verzögerung an. Sei’s drum, es gibt nicht nur viel zu hören, sondern auch zu gucken. Ein Dutzend Tänzer, eine stark besetzte Band, drei Backgroundsängerinnen und natürlich Pink, die oft die Outfits wechselt, aber meistens glitzernde Turnanzüge trägt. Auf der Karnevalsbühne ist auch so einiges geboten: Da sind kunterbunte Fantasiewesen, Flamingo-Segways, eine Discokugel, die sich als Wasserball verkleidet hat und drüber steht – natürlich in pinkfarbener Schrift – „Summer Carnival“. Ein T-förmiger Laufsteg fungiert als genau jener, und auch als Ort, an dem Pink immer mal wieder scheinbar ganz nah mit ihren Fans kommuniziert. Nach drei Liedern kommt die erste Ansprache, immer wieder bedankt sie sich, freut sich, dass so viele da sind. Und: „Schaut euch dieses tolle Make Up an, es wird bald nicht mehr vorhanden sein.“ Sie sollte recht behalten – vor allem bei diesem körperlich ambitionierten Programm. Immer wieder schwebt und turnt Pink, dass es gar an Cirque de Soleil erinnert wie etwa bei dem ruhigen „Turbulence“.

Ist Pink also doch eine von uns?

Musikalisch ist das manchmal etwas zu doll: etwas Playlisten-Pop, „What About US“ klingt nach Ibiza-Disco-Stomper, und natürlich dürfen bei all der guten Villa-Kunterbunten-Laune auch Balladen nicht fehlen. Und leuchtende Leinwände und tausende Handy-Taschenlampen wirken erst dann gut, wenn die Sonne untergegangen ist. Das Konzert glänzt aber durch viel mehr starke Momente. Etwa als alle zu Songs wie „I Am Here“ und dem 4-Non-Blondes-Cover „What’s Up“ eine bezaubernde Regenparty feiern. Rührend auch als Pink „When I Get There“, ein Lied für ihren verstorbenen Vater singt, schwenken viele Menschen direkt vor ihr Herzluftballons. Ist Pink also doch eine von uns? Immerhin erzählt sie vom Leid, das alle berührt.

Aber nein, Pink ist die Überfrau. Ganz am Schluss, wenn sie da so quer durchs Stadion fliegt, singt sie selbstbewusst „So what! I am a rock star.“ Genau das ist sie: ein Rockstar. Und was für eine.

Die Setliste

Get The Party Started

Raise Your Glass

Who Knew

Just Like A Pill

What About Us

Heartbeat

Turbulence

Lost Cause

Make You Feel My Love (Bob Dylan Cover)

Just Give Me A Reason

F**kin‘ Perfect

Just Like Fire / Heartbreaker

Please Don’t Leave Me

Don’t Let Me Get Me

When I Get There

I Am Here

What’s Up (4 Non Blondes Cover)

Try

Are You Gonna Fall?

Trustfall

Blow Me (One Last Kiss)

Never Gonna Not Dance Again

So What