Szene aus Pina Bauschs „Le sacre du printemps“ Foto: dpa

Sie kamen mit Anekdoten und Fotos: Das Publikum des Wuppertaler Tanztheaters war aufgerufen, seine Erinnerungen an Pina Bausch zu teilen. Neue Horizonte eröffnen sich durch diese Splitter, die nun in einer Datenbank vernetzt werden.

Das Ungeheuerliche geschah im Dezember 1977. Elfie Brockner und ihr Freund waren leidenschaftliche Amateurfotografen und wollten mit Konventionen brechen. Elfie hatte zwei Eintrittskarten für Pina Bauschs neue Produktion „Renate wandert aus“. „Wir marschierten mit großen Teleobjektiven auf dem Bauch in den Zuschauerraum“, erzählt die Dame mit Hut heute lebhaft. Und die beiden hielten drauf, mit Blitzlichtern und immer abwechselnd. Niemand protestierte.

In der Pause allerdings kam ein Bediensteter des Wuppertaler Opernhauses und bat darum, das Fotografieren zu unterlassen. Was Elfie Brockner bis heute erstaunt hat: „Es klang so, als freute er sich, dass wir uns so stark für die Vorstellung interessierten.“ Die Szenenbilder hängen noch heute in ihrem Wohnzimmer.

Mit den Negativen suchte die Wuppertalerin fast 40 Jahre später ein Ladenlokal in der Innenstadt auf, das die Pina Bausch Foundation für zwei Wochenenden angemietet hatte. Elfie Brockner folgte dem Aufruf von Bauschs Sohn Salomon und seinem Team an das Publikum des Tanztheaters Wuppertal, im Rahmen des Projekts „Du und Pina“ persönliche Erinnerungen zu teilen. Bislang haben 74 Zuschauer in ihrem Gedächtnis und in ihren Schubladen gekramt, um das Erinnerungslabor des Pina-Bausch-Archivs zu bestücken. Denn das Archiv soll ein lebendiger Ort des Austauschs sein. So gilt es, neben den Erlebnissen in den Köpfen und Körpern der Tänzer und anderer Weggefährten auch die Erinnerungen der Zuschauer zu bewahren.

Bei einem Präsentationstag am letzten Samstag im September stellte die Foundation erstmals den laufenden Prozess des Archivs vor – und sammelte weitere Erinnerungssplitter. Das sah so aus: An einem Stand erzählten überwiegend ältere Menschen ihre Geschichte. Sie unterzeichneten eine Nutzungsvereinbarung und ließen sich in gut gelaunter Pose fotografieren. In einer Kabine gaben sie vor laufender Videokamera noch einmal ihre Erinnerungen preis. Wenig später erschien ihr Auftritt im Browser der Datenbank auf einer gewaltigen Leinwand: Im Verborgenen, hinter einer Trennwand, bereiteten zwei „Anwendungsentwickler“ jeden erinnerten Gedanken digital auf, verschlagworteten und verknüpften ihn mit dem Wissenskosmos des Archivs.

Salomon Bausch setzt seiner Mutter ein digitales Denkmal. Als Projektleiter von „Pina lädt ein. Ein Archiv als Zukunftswerkstatt“ macht der 33-Jährige das epochale Werk der Jahrhundertkünstlerin unsterblich. „Es lag meiner Mutter sehr am Herzen, dass es etwas gibt, das über ihr Leben hinaus ihr Werk lebendig hält. Sie hatte schon einige Jahre über die Gründung einer Stiftung nachgedacht“, berichtet Salomon Bausch. Leider sei es nicht zur Umsetzung gekommen. Als die Tanztheater-Ikone 2009 starb, brach er seine Promotion in öffentlichem Recht ab und gründete die gemeinnützige Pina Bausch Foundation. Kein Opfer: „Es ist ein großes Glück, wenn man von einem Menschen, der nicht mehr da ist, noch so viel spüren kann.“

Die große Tänzerin und Choreografin hinterließ eine Fülle von Material rund um den Entstehungs-, Proben- und Aufführungsprozess ihrer 53 Stücke: Notizen, Manuskripte, Rollenbeschreibungen, Aufzeichnungen von Tänzern, Plakate und Zeitungsartikel. Aus vierzig Jahren Tanztheater Wuppertal und der Zeit davor sammelte sie nahezu jedes Fitzelchen Papier. Barbara Kaufmann, Tänzerin und Leiterin der Dokumentation bei der Stiftung, erzählt: „In den Taschen eines Kostüms aus dem Stück ‚Komm tanz mit mir‘, das zuletzt jemand aus der Originalbesetzung getragen hatte, fand man einen handgeschriebenen Papierfetzen mit Informationen über die Rolle.“

Im Zentrum des Pina-Bausch-Archivs brummt die Datenbank. Die Stiftung hat sie in Kooperation mit der Hochschule Darmstadt als Forschungsprojekt in den vergangenen vier Jahren entwickelt. Sie vernetzt Informationen nach dem Linked-Data-Prinzip. So wird ein Stück beispielsweise mit dazugehörigen Aufführungen, Regiebüchern, Kostümen verknüpft.

Nun kommen die Erinnerungssplitter des Publikums dazu. „Sie eröffnen neue Horizonte und werden ebenfalls in sinnvolle Kontexte gestellt“, wertet Barbara Kaufmann die Beiträge des Publikums. Die Erzählung von Julian Hanebeck beispielsweise wird wohl mit dem Tanzstück „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“ verlinkt. Als Zehnjähriger musste er – deutlich später wollte er – mit seinen Eltern ins Wuppertaler Tanztheater. Seine früheste Erinnerung hat er an ebenjene Produktion, die er Mitte der 1980er Jahre sah: „Zwei ältere Damen schimpften hinterher: ‚Diese Tänzer haben einfach kein Schamgefühl‘.“ Irgendwann klaute Hanebeck eine Nelke aus Peter Pabsts Blumenwiese für das Stück „Nelken“. Heute geht Hanebeck mit seinen eigenen Kindern ins Tanztheater.

Obwohl die Datenbank noch im Aufbau ist, leistet sie schon jetzt Hilfe bei der Wiederaufnahme des Werks. „Wind von West“, 1975 uraufgeführt und 2013 wieder auf der Bühne zu sehen, wurde auch anhand von historischen Materialien aus dem bereits erfassten Bestand rekonstruiert. „Wirklich abgeschlossen wird die Sammlung für das Archiv wohl nie sein“, sagt Barbara Kaufmann. Jedes Mal, wenn das Tanztheater spiele, gebe es neue Videoaufzeichnungen, neue Programmhefte und Plakate, neue Erfahrungen der Tänzer und Mitarbeiter, neue Publikumserinnerungen.

Irgendwann wird das Bausch-Archiv für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Noch sind die Räumlichkeiten der Stiftung beengt. Langfristig aber sollen Stiftung und Archiv in einem „Internationalen Tanzzen­trum Pina Bausch“ mit dem Wuppertaler Tanztheater zusammenkommen. Wo? „Das Schauspielhaus wäre ein fantastischer Ort“, schwärmt Kaufmann. Das denkmalgeschützte Gebäude aus den 1950er Jahren ist allerdings seit vergangenem Jahr geschlossen. Die überfällige Sanierung kann die Stadt Wuppertal, die unter Haushaltsaufsicht steht, nicht finanzieren. Gefragt sind Bund und Land, was ihnen ein solcher tanzhistorischer Leuchtturm wert ist.

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