Ein Pilzkorb mit Maronen-Röhrlingen (im Hintergrund) und einem giftigen Knollenblätterpilz (vorne) steht in einem Wald bei Groß Schönebeck in Brandenburg. Foto: Patrick Pleul/dpa

In Nordrhein-Westfalen ist eine 28-jährige Frau gestorben, nachdem sie einen Knollenblätterpilz gegessen hat. Wir sprachen mit dem Klinischen Toxikologen Florian Eyer über die Gefährlichkeit dieses und anderer Pilze sowie die Häufigkeit von Pilzvergiftungen in Deutschland.

München - Eine 28-jährige Frau aus Kaarst in Nordrhein-Westfalen ist nach dem Verzehr eines Knollenblätterpilzes an einer Vergiftung gestorben. Ihre Eltern sowie eine weitere Familie aus dem nordrhein-westfälischen Rommerskirchen kamen ebenfalls wegen des giftigen Pilzes in Krankenhäuser, wie ein Sprecher des Rhein-Kreises Neuss mitteilte. Die Pilze waren vor dem Verspeisen im Wald gesammelt und offenbar verwechselt worden.

Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) hat den Grünen Knollenblätterpilz zum „Pilz des Jahres 2019“ gewählt. Die DGfM warnt: Schon der Verzehr von 50 Gramm eines Fruchtkörpers dieses Pilzes ist lebensgefährlich. Die meisten tödlichen Pilzvergiftungen in Mitteleuropa würden auf den Grünen Knollenblätterpilz zurückgehen, heißt es. „Die darin enthaltenen lebergiftigen Amatoxine verursachen ohne medizinische Versorgung ein mehrfaches Organversagen.“

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„Der Knollenblätterpilz gehört zu den gefährlichsten Pilzen“

Wir fragten den Klinischen Toxikologen Florian Eyer, Leiter der Abteilung für Klinische Toxikologie des Klinikums rechts der Isar (MRI) und des Giftnotrufs München, wie gefährlich Knollenblätterpilze und andere Pilze in Deutschland sind.

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Herr Professor Eyer, wie häufig sind Vergiftungen durch Knollenblätterpilze?

Es gibt bisher keine deutschlandweiten Statistiken zu Pilzvergiftungen. Ich schätze, dass wir jährlich 30 bis 50 harte Verdachtsfälle durch Amanita in Deutschland haben – also Knollenblätterpilze und Pilze, die das Gift Amatoxin enthalten.

Gibt es darüber hinaus Hinweise auf Vergiftungen durch diesen gefährlichen Pilz?

Wir haben viele Anfragen nach Knollenblätterpilzen. Von denen lassen sich manche bestätigen, andere werden als klinische Verdachtsfälle behandelt, weil nicht immer der Nachweis einer Vergiftung gelingt. Man kann das Amatoxin relativ schwer analytisch nachweisen. Deshalb stützt man sich mehr auf den klinischen Befund und die Pilz-Anamnese – also die ausführliche Befragung des Patienten.

Sie schauen demnach auf die Symptome einer möglichen Pilzvergiftung und deren Verlauf vom Verzehr bis zum Auftreten der Folgeerscheinungen. Kann man denn die Vergiftung vornehmlich an den Symptomen erkennen?

Pilz-Sachverständige können diese Pilze eindeutig identifizieren. Die meisten Vergiftungen durch Pilze geschehen akzidentiell – das heißt, durch nicht beabsichtigten Verzehr. Alarmsignal ist für uns immer eine Pilz-Mahlzeit mit einer verspätet einsetzenden Magen-Darm-Erkrankung, inklusive schweren Durchfällen.

Wann treten diese auf?

Diese treten in der Regel sechs Stunden und später nach einer Pilz-Mahlzeit auf. Für das meiste, was früher auftritt, ist in der Regel ein anderer Pilz als der Knollenblätterpilz ursächlich. Es gibt viele andere giftige und ungenießbare Pilze in Deutschland, aber der Knollenblätterpilz gehört zu den gefährlichsten, weil er akutes Leberversagen verursachen kann.

Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate bei diesem Pilz?

Wenn Patienten rechtzeitig zum Arzt kommen, gibt es die Möglichkeit ein Antidot zu verabreichen. Dieses Gegenmittel unterbindet die Aufnahme des Amatoxins in die Leberzellen. Unter guten intensivmedizinischen Maßnahmen ist die Mortalität (Sterblichkeit) gering – wahrscheinlich unter fünf Prozent der Vergiftungsfälle.

Wie verfährt man bei schweren, nicht beabsichtigten Vergiftungen durch Knollenblätterpilze?

Wenn die Vergiftungen sehr schwerwiegend sind, steht möglicherweise eine Lebertransplantation an.

Ab welcher Menge ist der Verzehr von Knollenblätterpilzen gefährlich oder sogar tödlich?

Die Menge ist natürlich entscheidend. Aber ein Pilz ist für eine erwachsene Person schon ausreichend, um lebensbedrohliche Symptome hervorrufen zu können.

Innerhalb welcher Frist wird es lebensgefährlich?

Meistens entwickeln die Patienten am dritten, vierten Tag nach der Pilzmahlzeit – wenn sie nicht ausreichend behandelt werden – ein akutes Leberversagen. Das kann nach zwischen dem dritten bis zehnten Tag zum Tode führen. Es gibt auch schon in der Frühphase einer Vergiftung Todesfälle. Diese haben aber meist Begleitkomplikationen wie einen massiven Volumenmangelschock – also einen starken Flüssigkeitsverlust, wodurch die Menge des in den Gefäßen zirkulierenden Blutes abnimmt.

Wie häufig sind Pilzvergiftungen?

Ich kann nur für unser Zentrum, die Klinische Toxikologie und den Giftnotruf München, sowie für Bayern sprechen: Wir haben rund 200 bis 400 Pilzvergiftungen und Anfragen pro Jahr. Das hängt ganz stark von den Witterungsbedingungen ab. 2019 ist eine recht gutes Pilz-Jahr. Es gab auch schon Jahre, in denen es kaum 100 Vergiftungsfälle gab, weil es zu trocken war. Die Hauptsaison für Pilze dauert von August bis Oktober.

Wie häufig sind Pilzvergiftung im Vergleich zu anderen Vergiftungen?

Von 100 Patienten mit Vergiftungen kommen weniger als fünf mit einer Pilzvergiftung zu uns. Die überwiegende Mehrheit der Vergiftungen wird durch Alkohol, Medikamente oder Drogen verursacht.

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