Schulleiter Andreas Passauer erhofft sich durch zusätzliche Ressourcen Entlastung seines Kollegiums. Foto: Philip Mallmann/Lichtgut; Mathias Kuhn

Die Wilhelmsschule bekommt Geld aus dem Startchancen-Programm, um ein Familiengrundschulzentrum aufzubauen. Ministerpräsident Kretschmann hat sich vor Ort ein Bild gemacht.

Die Kinder von der Wilhelmsschule haben keine Scheu. Einige von ihnen recken Winfried Kretschmann (Grüne) die Hände entgegen. Und der Ministerpräsident versteht die Aufforderung und klatscht ab. So endet der Besuch des Politikers an der Grund- und Hauptschule in Stuttgart-Wangen. Dort soll eines der ersten Familiengrundschulzentren gegründet werden. Er wolle in dieser Legislaturperiode den Fokus auf das Thema Erziehungspartnerschaft setzen, begründet Kretschmann seinen Vor-Ort-Termin in dieser Woche.

 

Ein Familiengrundschulzentrum ist ein Ort, an dem Eltern sich niederschwellig und ohne Druck mit Pädagoginnen und Pädagogen austauschen können. Dazu sollen Beratung und Unterstützung anhand leicht zugänglicher Angebote unter einem Dach gebündelt und die Schule weiter für den Stadtteil geöffnet werden. Das Land will damit nach dem Vorbild Nordrhein-Westfalens im Rahmen des bundesweiten Startchancen-Programms neue Unterstützungsstrukturen für Schulen in belasteten Sozialräumen schaffen.

Herausforderungen für die Wilhelmsschule

Der Ministerpräsident zeigt sich bei seinem Besuch beeindruckt vom Engagement der Lehrkräfte und Pädagogen. Die Wilhelmsschule arbeitet seit Jahren eng mit Trägern, Jugendhäusern und Sportvereinen zusammen. Dieses Netzwerk macht den Standort für das Pilotprojekt besonders geeignet. Gleichzeitig verweisen Schulleitung und Kollegium auf die schwierigen Rahmenbedingungen im Stadtteil. Viele Eltern haben Migrationsgeschichte, Sprachbarrieren erschweren den Austausch.

Im Zuge des Startchancen-Programms hat die Wilhelmsschule das Projekt „Startklar“ entwickelt. Pädagoginnen und Pädagogen gehen dabei aktiv auf Eltern zu, deren Kinder kurz vor der Einschulung stehen. In Gesprächen informieren sie über Erwartungen an den Schulstart und zeigen, wie Eltern ihre Kinder unterstützen können. Da viele Familien nicht mit dem deutschen Schulsystem vertraut sind, sollen diese frühzeitigen Gespräche den Übergang von der Kita in die Grundschule erleichtern. Mithilfe des Familiengrundschulzentrums soll dieses Projekt weiter ausgebaut werden.

Elterncafés und weitere Formate geplant

Die neuen Familiengrundschulzentren sollen Barrieren abbauen und Begegnungsräume schaffen, etwa durch Elterncafés oder Spieletreffs. Auf einheitliche Vorgaben wird bewusst verzichtet: Jedes Zentrum soll passgenau entwickelt werden und die konkreten Bedarfe des jeweiligen Stadtteils berücksichtigen. Zentral ist dabei die Frage: „Was brauchen unsere Eltern, um mehr mit der Schule in Begegnung zu kommen, damit die Kinder bessere Bildungschancen haben?“, sagt Schulleiter Andreas Passauer.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist das Thema Erziehungspartnerschaft wichtig. Foto: Philip Mallmann/Lichtgut

Er lobt das große Engagement seines Kollegiums, machte jedoch deutlich, dass viele Lehrkräfte an der Belastungsgrenze arbeiten. „Der Einsatz der Eltern ist zentral, denn wir als Schule können nicht alles retten. Sei es in der Sozialisation, Sprache oder bei emotionalen Kompetenzen“, sagt Passauer. Durch zusätzliche Ressourcen erhofft er sich spürbare Entlastung. Wie die personelle Verstärkung im Familiengrundschulzentrum konkret aussehen soll, steht allerdings noch nicht fest.

Im kommenden Schuljahr sollen sieben Familiengrundschulzentren in Mannheim, Ulm und Stuttgart entstehen. Finanziert werden diese über das bundesweite Startchancen-Programm, für das Bund und Länder jeweils gleich hohe Mittel bereitstellen. Baden-Württemberg erhält jedes Jahr rund 134 Millionen Euro vom Bund, die das Land noch einmal um denselben Betrag ergänzt. So stehen den 540 Startchancen-Schulen im Land insgesamt etwa 268 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Mit dieser langfristigen Förderung will das Land die Lernbedingungen spürbar verbessern, sodass 2035 deutlich weniger Kinder die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik verfehlen. Das Startchancen-Programm begann am 1. August 2024 mit einer Laufzeit von zehn Jahren und soll gezielt Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Kinder fördern.