Beim Projekt Les-Bar arbeiten jugendliche Straftäter Bücher durch, damit sie sich mit ihren Taten auseinandersetzen. Foto: dpa-Zentralbild

Seit zwei Jahren schickt das Amtgericht Schorndorf manche jugendlichen Straftäter zum Lesen statt zu Arbeitsstunden. Jetzt haben die Macher ein erstes Fazit gezogen.

Schorndorf - Strafe muss sein, sagt der Volksmund. Bei Jugendprozessen geht es aber eher darum, junge Angeklagte auf den richtigen Weg zurückzubringen. Seit rund zwei Jahren hat das Amtsgericht Schorndorf dafür neben den klassischen sozialen Arbeitsstunden eine weitere Möglichkeit: Beim Projekt Les-Bar arbeiten straffällige Jugendliche mit einem Lesepaten ein Buch durch, das möglichst zu ihrem Vergehen passt. Sie müssen Hausaufgaben und eine Abschlussarbeit erledigen, im Gegenzug wird ihr Verfahren eingestellt. Für fast jedes Delikt hält die Les-Bar in der Stadtbücherei Schorndorf ein passendes Buch bereit. Sie umfasst Titel wie „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, „Die Welle“ von Morton Rhue oder „Mein Leben im Gefängnis“ von Mihrali Simsek.

Beim Lesen sollen sich die jungen Täter mit ihrem Delikt auseinandersetzen

Die Verantwortlichen haben jetzt ein Zwischenfazit gezogen. Derzeit durchlaufen vier Jugendliche das Pilotprojekt, insgesamt waren es 26. „Nur zwei davon haben abgebrochen“, freut sich der Jugendgerichtshelfer Wolfgang Aust, auf dessen Idee die Les-Bar nach Dresdner Vorbild ins Leben gerufen wurde. Die Verfehlungen der Teilnehmer reichen von Cybermobbing über Kiffen, Beleidigung und Schwarzfahren bis zum Diebstahl.

Doch werden die Teilnehmer des Projekts seltener rückfällig als andere? Laut Aust lässt sich das nicht beantworten: „Dafür sind diese zwei Jahre zu kurz.“ Die meisten jugendlichen Täter fielen ein- oder zweimal auf und fänden dann auf den richtigen Weg zurück. Dennoch sind die Macher ebenso überzeugt von der Les-Bar wie die Lesepaten. „Die Jugendlichen setzen sich dabei sehr reflektiert mit ihrem Fehlverhalten auseinander, während sie Arbeitsstunden einfach runtergerissen hätten“, erklärt Wolfgang Aust.

Auch für die Paten bringt das Projekt neue Erfahrungen. „Erst nach und nach öffnen sich die Kandidaten“, sagt der Lesepate Andreas Krohberger. Die Paten bekommen einen Eindruck von der Lebenswelt ihrer Klienten: „Eines der Mädchen war richtig intensiv dabei. Aber Einflüsse von außen haben sie dann gezwungen, abzubrechen“, erzählt die Lesepatin Monika Kercher über einen der beiden Abbrecher.

Warum Sozialstunden trotzdem nicht überholt sind

Eine Spaßveranstaltung ist das Projekt nicht: „Ich achte darauf, dass sie ihre Hausaufgaben machen. Auch bei der Rechtschreibung bin ich konsequent“, erzählt die Lesepatin Renate Völker. Und doch: „Einer meiner Kandidaten war richtig berührt und fand es schade, als die drei Monate um waren“, sagt Kercher.

So positiv die Verantwortlichen die Les-Bar sehen, räumen sie ein, dass das Projekt auch seine Grenzen hat: „Wenn jemand kein Unrechtsbewusstsein zeigt, wird das nicht funktionieren,“ meint die Jugendrichterin Doris Greiner. Auch bei schweren Taten oder bei Tätern ohne Lese- und Schreibkenntnisse sei es nicht geeignet. Dass die Les-Bar klassische Sozialstunden ganz ersetzen kann, glaubt sie deswegen eher nicht.

Auch im Landkreis Ludwigsburg existiert ein ähnliches Projekt, sogar schon seit dem Jahr 2010.Lesen statt Sozialarbeit – diese Idee scheint Schule zu machen: Auch die Amtsgerichte von Waiblingen und Backnang haben das Konzept übernommen und schicken seit der Mitte vergangenen Jahres junge Delinquenten zum Lesen.

Les-Bar: Das Projekt wird auch im Jahr 2017 fortgeführt und sucht noch Lesepaten, die mit den straffälligen Jugendlichen ein Buch durcharbeiten. Der Ansprechpartner ist Wolfgang Aust von der Jugendgerichtshilfe, Telefon 0 71 81/9 38 89 50 43 oder per E-Mail an w.aust@rems-murr-kreis.de

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