In einem gemeinsamen Pilotprojekt wollen das Landratsamt und die Diakonie Stetten Verwaltungsprozesse bei der Eingliederungshilfe entschlacken, digitalisieren und vereinheitlichen (Symbolfoto). Foto: picture alliance/dpa

Nach umstrittenen Sparworten aus Stuttgart schlagen Rems-Murr-Kreis und Diakonie Stetten bei der Eingliederungshilfe einen anderen Weg ein. Doch bringt das eine echte Entlastung?

Es sind oft die Worte, die eine Debatte kippen lassen. Und manchmal sind es die Verfahren, die sie wieder einfangen können. Während die „Schlaraffenland“-Metapher des Stuttgarter Oberbürgermeisters Frank Nopper noch nachhallt, setzen der Rems-Murr-Kreis und die Diakonie Stetten auf einen anderen Ton – und auf einen anderen Weg. Statt über vermeintliche Überversorgung zu sprechen, richten sie den Blick auf die Strukturen hinter den Leistungen: auf Bürokratie, Abläufe, Zuständigkeiten.

 

Der Stuttgarter OB Nopper hatte in der Spar-Debatte in der Landeshauptstadt von einem notwendigen „Abschied vom Schlaraffenland“ gesprochen. Eine Formulierung, die in der Behindertenhilfe als unsensibel und irreführend kritisiert wurde. Sie suggeriere Überfluss dort, wo viele Betroffene ihre Ansprüche mühsam durchsetzen müssten, hieß es. Die Metapher habe weniger zur Klärung beigetragen als zur Verhärtung der Fronten – wenngleich Frank Nopper betont, diese gar nicht im Zusammenhang mit der Behindertenhilfe formuliert zu haben.

Kreis und Diakonie wollen Verwaltungsprozesse vereinfachen

Wie das Waiblinger Landratsamt mitteilt, haben Kreisverwaltung und Diakonie Stetten nun eine Absichtserklärung unterzeichnet, um Verwaltungsprozesse in der Eingliederungshilfe gemeinsam zu vereinfachen, zu standardisieren und zu digitalisieren. Der Schritt greift genau jenen Punkt auf, den die Diakonie in ihrer Nopper-Kritik betont hatte: Einsparpotenziale lägen nicht bei den Menschen, sondern in den Verfahren.

Stephanie Leitl und Dietmar Prexl von der Diakonie Stetten, Landrat Richard Sigel und Sozialdezernentin Stefanie Böhm (von links) nach der Unterzeichnung der Absichtserklärung im Landratsamt in Waiblingen. Foto: Diakonie Stetten/Steffen Wilhelm

„Der schnellste Sparhebel liegt in Standards und Digitalisierung.“ Mit diesem Satz hatte der Diakonie-Vorstand Dietmar Prexl im Januar auf Noppers Wortwahl reagiert. Nun soll daraus Praxis werden. Gemeinsam mit dem Landratsamt will der Träger Verwaltungsprozesse entschlacken, digitalisieren und vereinheitlichen. Geplant ist ein Pilotprojekt, das die Eingliederungshilfe für Verwaltung und Träger spürbar vereinfachen soll.

„Effizienz durch Struktur statt Kürzung“: Ein neuer Ansatz

„Jede Stunde, die nicht in unnötiger Dokumentation und Abstimmungsschleifen gebunden ist, kommt direkt den Menschen zugute“, sagt Prexl. Was heute oft fehle, sei Zeit für Beziehung, Assistenz und verlässliche Begleitung. Während in der politischen Debatte Sparforderungen schnell bei Leistungen ansetzen, demonstrieren Kreisverwaltung und Träger hier einen alternativen Ansatz: Effizienz durch Struktur, nicht durch Kürzung.

„Wir setzen auf Digitalisierung und moderne Arbeitsplatzkonzepte“, erklärt der Landrat Richard Sigel. Er verweist auf Erfahrungen aus der Jugendhilfe: Dort habe der Kreis durch Prozessoptimierung seine Ausgaben unter den Landesdurchschnitt gesenkt – ohne Leistungseinschnitte. Das Einsparvolumen liege im Millionenbereich.

Digitalisierung soll Bürokratie in der Eingliederungshilfe senken

Was in der Jugendhilfe funktionierte, soll nun auf die Eingliederungshilfe übertragen werden. Im Fokus stehen laut der Sozialdezernentin Stefanie Böhm vor allem papiergebundene Abläufe: Leistungsbescheide, Teilhabeberichte, Rechnungsstellung. Der Aufwand sei hoch, die Reibungsverluste erheblich – auf beiden Seiten. Genau dort setze das Projekt an.

Mit der Absichtserklärung bekennen sich beide Partner zu einem klaren Kurs: nicht weniger Leistungen, sondern bessere Abläufe. Nicht Rückzug aus der Teilhabe, die rechtlich garantiert ist, sondern Abbau von Verfahrenshindernissen. Darin liegt die politische Dimension des Vorhabens.

Denn wer ernsthaft sparen will, muss an die Strukturen heran. Nicht an die Menschen. Die Erklärung ist damit auch eine sachliche Antwort auf eine Debatte, die zuletzt stark über Sprache geführt wurde – und weniger über Lösungen.

Absichtserklärungen allein reichen nicht

Gleichzeitig bleibt ein Vorbehalt: Absichtserklärungen ersetzen keine Umsetzung. Noch ist kein Formular vereinfacht, kein Bericht digitalisiert, kein Prozess beschleunigt. Digitalisierung braucht Investitionen, Schulung, Durchhaltevermögen – und politischen Willen über Ankündigungen hinaus.

Die Diakonie Stetten bringt Praxisnähe und fachliche Erfahrung ein, der Kreis die Verwaltungszuständigkeit. Ob daraus echte Entlastung entsteht, entscheidet sich nicht in Pressemitteilungen, sondern im Arbeitsalltag der Sachbearbeitenden – und letztlich bei den Menschen, deren Leben wenig mit einem Schlaraffenland zu tun hat.