Pilotprojekt im Kreis Ludwigsburg Das kostenlose Seniorenticket bleibt erhalten

Von Tim Höhn 

Ältere Menschen sind im Straßenverkehr besonders gefährdet. Ein  Pilotprojekt soll sie zum Umstieg auf Bus und Bahn motivieren. Foto: dpa
Ältere Menschen sind im Straßenverkehr besonders gefährdet. Ein Pilotprojekt soll sie zum Umstieg auf Bus und Bahn motivieren. Foto: dpa

1400 Senioren im Landkreis Ludwigsburg haben seit Herbst 2015 ihren Führerschein gegen einen Fahrschein eingetauscht – das Pilotprojekt gilt als Erfolg. Bald endet die Testphase, dann können andere Kreise nachziehen. Ein Aspekt dabei: die Sicherheit auf den Straßen.

Kreis Ludwigsburg - Mehr Bus- und Bahnfahrer, weniger Autos auf den Straßen, mehr Sicherheit – die Ziele, die der Kreis und der Verkehrsverbund VVS mit ihrem Pilotprojekt verfolgen, sind klar, nur der Name ist etwas sperrig: Unter dem Label „Senioren-Jahresticket für Führerscheinrückgabe“ begann der Landkreis Ludwigsburg im Oktober 2015 damit, ältere Menschen zum Umstieg auf den ÖPNV zu motivieren. Jetzt, ziemlich genau zwei Jahre später, zeigt sich: Das Projekt ist überraschend erfolgreich, weshalb aus dem Test ein Regelangebot werden soll.

Der zuständige Ausschuss für Umwelt und Technik hat der Verlängerung zugestimmt, der VVS ebenfalls – womit nun von Anfang 2018 an auch andere Landkreise in der Region die Möglichkeit bekommen, Senioren kostenlose Jahrestickets anzubieten – sofern diese im Gegenzug ihren Führerschein abgeben. „Wir hätten beim Start nicht gedacht, dass das Interesse so groß sein würde“, sagt Axel Meier, der Fachbereichsleiter für Verkehr beim Ludwigsburger Landratsamt.

Die Hälfte der Senioren bleibt dem ÖPNV auch nach dem ersten Jahr treu

Exakt 1433 Senioren haben sich seit Herbst 2015 auf den Deal eingelassen und ihren Führschein gegen ein Jahresticket für das gesamte VVS-Netz eingetauscht. Das ist ein guter Wert. Viel wichtiger ist für den Kreis und vor allem den VVS aber ein anderer Faktor. Kostenlos ist das Ticket für die Senioren nur im ersten Jahr, danach müssen sie den regulären Preis zahlen, zurzeit sind das 546 Euro pro Jahr. Laut einer jetzt veröffentlichten Analyse bleibt trotzdem die Hälfte aller neu gewonnenen Kunden dem öffentlichen Nahverkehr treu – und kauft ein Dauerticket. „Wir wollen den Leuten zeigen, wie gut der ÖPNV ist, und dass sie auch ohne eigenes Fahrzeug mobil bleiben können“, sagt Meier. „Und das funktioniert.“

Überraschend ist das, weil bereits andere Kreise in Deutschland Ähnliches versucht haben, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Zwar gibt es anderswo vergünstigte Fahrscheine für ältere Menschen, aber ein kostenloses Jahresticket ist ein Novum – noch. Das Landratsamt und der VVS haben sich auf ein neues Finanzierungsmodell geeinigt, und auf Basis dieses Modells können andere nachziehen. Man habe die Pilotphase in Ludwigsburg sehr aufmerksam verfolgt, heißt es dazu unisono aus den Landratsämtern in Waiblingen, Böblingen, Esslingen oder Göppingen. Nun wolle man abwarten, welche Auswirkungen sich aus der geänderten Finanzierung ergeben – und dann gegebenenfalls entscheiden, selbst in das Projekt einzusteigen.

In der Pilotphase, die bald endet, übernehmen das Landratsamt und der VVS jeweils zur Hälfte die Kosten für das Jahresticket. Im Schnitt bezuschusst der Kreis jede ausgegebene Wertmarke mit 265 Euro, von Oktober 2015 bis September 2017 addierte sich das auf Ausgaben in Höhe von rund 380 000 Euro. Das neue Modell sieht vor, dass der Landkreis nur noch 25 Prozent der Kosten trägt und der VVS 75 Prozent. Dass sich der Verkehrsverbund auf diese für ihn schlechtere Verteilung einlässt, hat einen guten Grund: Der VVS erschließt über das Angebot ganz neue Fahrgastpotenziale und generiert somit langfristig neue Einnahmen. Das Interesse der Senioren ist jedenfalls ungebrochen: Jeden Monat kommen rund 50 Jahrestickets hinzu.

Die Polizei lobt das Projekt – und ist gegen verpflichtende Führerscheinprüfungen für Ältere

Das hilft nicht nur gegen verstopfte Straßen, sondern erhöht auch die Sicherheit auf eben diesen. Zwar wird dieser Aspekt nicht eigens hervorgehoben, denn schließlich, so Meier, gehe es nicht darum, ältere Menschen zu bevormunden. Dass Senioren aber ebenso wie junge Fahranfänger durchaus zu den Risikogruppen im Autoverkehr gehören, ergibt sich aus einer Studie, die ein Experte des Polizeipräsidiums im Kreistag vorstellte. Demnach sind Menschen, die älter als 65 Jahre alt sind, überdurchschnittlich häufig an Unfällen beteiligt. Im vorigen Jahr waren Senioren bei fast 2000 Unfällen auf den Straßen des Kreises involviert, nicht eingerechnet sind dabei Unfälle auf Autobahnen und Bagatellunfälle. In 62 Prozent der Fälle waren die Senioren die Unfallverursacher.

Weil Senioren, wenn Sehfähigkeit, Reaktionsschnelligkeit oder Gehör nachlassen, besonders gefährdet sind, wird in Deutschland seit Jahren über die Einführung einer verpflichtenden Führerscheinnachprüfung für ältere Menschen diskutiert. Das Ludwigsburger Polizeipräsidium spricht sich nicht dafür aus, sondern setzt auf Freiwilligkeit. Aus diesem Grund begrüße man alle Initiativen, „die Senioren eine sichere Möglichkeit bieten, sich im ÖPNV zu bewegen“, sagt der Polizeisprecher Peter Widenhorn.

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