Überall ächzen Kliniken unter dem Fachkräftemangel. Auch in der Kinderklinik in Böblingen fehlen ausgebildete Pflegekräfte. Kann das Pilotprojekt der Vier-Tage-Woche Entlastung auf den Kinderstationen bringen?
Der Fachkräftemangel ist in aller Munde. In fast allen Branchen klagen Arbeitgeber über mangelndes Personal. Die Coronapandemie hat die Situation vielerorts sogar verschärft. Zwar hat sich die personelle Situation in der Böblinger Kinderklinik durch die Belastungen der Pandemie nicht weiter verschlechtert, aber in der Pflege drückt der Schuh ohnehin bereits seit vielen Jahren – die Verantwortlichen suchen dort händeringend nach neuem Personal.
Eine Idee, die Personaldecke zukünftig breiter aufzustellen, könnte die Einführung der Vier-Tage-Woche sein. Damit soll für potenzielle Bewerber im Pflegebereich ein Anreiz geschaffen werden, sich für das Böblinger Klinikum zu entscheiden. In einem Pilotversuch wird genau dieser Weg nun beschritten: Zwei Abteilungen im Klinikverbund Südwest haben im Januar testweise die Vier-Tage-Woche eingeführt – bei gleichbleibender Arbeitszeit. Ausgewählt wurden die Zentrale Notaufnahme in Leonberg und eben die Kinderklinik in Böblingen.
Wie wird das alternative Modell angenommen?
„Noch haben wir keine Erfahrungswerte, weil das Angebot erst seit wenigen Wochen besteht. Wir haben uns aber für die Kinderklinik entschieden, da es dort besonders gut ausgebildetes Personal braucht. Für künftige Bewerber könnte die Option auf die Vier-Tage-Woche ein Anreiz sein, sich zu bewerben“, erklärt Danilo Sonntag, Pflegedirektor im Klinikum Böblingen-Sindelfingen. Weiterhin angeboten wird dort die gewohnte Fünf-Tage-Woche im Schichtdienst. „Wir wollen das Vier-Tage-System einfach mal anbieten“, fügt Sonntag hinzu. Interessierte Nachfragen hätte es bereits gegeben.
Denn klar sei auch, nicht jede Pflegekraft würde sich für eine verkürzte Arbeitswoche bei gleicher Arbeitszeit entscheiden. Wer nur vier Tage pro Woche Dienst hat, muss pro Tag 9,75 Stunden hinter sich bringen. „Das kann nicht jeder leisten. Wir haben einen sehr anspruchsvollen Beruf in einem medizinisch, pflegerischen und auch menschlich sensiblen Bereich“, erläutert Martina Strölin, Bereichsleiterin der neonatologischen Intensivstation. Oft sei nach sieben Stunden „die Luft raus“. Die Konzentration schwinde dann. Bei neugeborenen Babys, die teilweise 16 Wochen zu früh auf die Welt gekommen sind, sei aber vollste Konzentration geboten.
Frühgeborene mit erhöhtem Pflegebedarf sind Alltag
Auch jetzt seien Strölin und ihre Kolleginnen und -kollegen wieder stark gefordert. Während in einem Zimmer ein Baby in der 34. Woche etwas verfrüht das Licht der Welt erblickt, wollen einige Räume weiter Zwillinge versorgt werden. Ein Gang in das Zimmer der beiden Babys, die in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurden, zeigt, warum hohe Anforderungen an Kinderkrankenpfleger mit der Zusatzausbildung für die Intensivstation gestellt werden. Die mit einem Tuch abgedeckten Brutkästen sind umgeben von Geräten, Monitoren und Schläuchen. „So einen Fall muss eine erfahrenere Pflegekraft übernehmen, die die Qualifikation hat“, betont Strölin.
Die Erfahrung von über 35 Jahren als Kinderkrankenschwester sagt Martina Strölin daher auch, dass für einige ihrer Kollegen die Vier-Tage-Woche auch familiär keine wirkliche Option darstelle. „Wir haben einen hohen Teilzeitanteil auf unserer Station. Rund Zweidrittel arbeiten Teilzeit, da sie eigene Kinder haben. Für diese kommt das Angebot weniger in Frage, weil die Einzelschichten dann zu lange sind“, sagt Strölin. Dafür aber umso mehr für junge Pflegekräfte, die weiter entfernt leben, noch keine Familie zu versorgen haben und sich über einen freien Tag mehr in der Woche freuen würden. „Gerade für diese Menschen ist das neue Modell attraktiv“, ist Danilo Sonntag überzeugt.
Eine Handvoll Pfleger fehlt derzeit
Aktuell ausgeschrieben hat das Klinikum fünf Vollzeitstellen für Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger beziehungsweise Pflegefachkräfte mit Vertiefung Pädiatrie. 44 Personen arbeiten auf der Böblinger Neugeborenen-Intensivstation. 41 von ihnen, so der Klinikverbund, sind ausgebildete Gesundheits- und Krankenpfleger. Mehr als 40 Prozent der auf der Station tätigen Pflegerinnen und Pfleger besitzen die Weiterbildung für die Kinderintensivstation. Dies entspricht dem gesetzlichen Mindestmaß.
Im Zuge der Pandemie hätten zwar keine Pfleger die Kinderstation verlassen, die Neuakquise gestalte sich aber eben zunehmend schwerer. „Während der Pandemie musste wir die Klinik abriegeln. Dadurch war auch der Zugang für Praktikanten oder Freiwilligendienstler, die Interesse am Pflegeberuf gehabt hätten, reduziert. So haben sicher auch viele Jugendliche viel weniger Einblicke in den Beruf erhalten können“, sagt Sonntag.
Kann das neue System die Wende bringen?
Inwieweit das Vier-Tage-Arbeitszeitmodell die angespannte Personalsituation in der Pflege verbessern kann, das kann trotz spürbarer Zuversicht bei den Beteiligten keiner sagen. „Es ist ein Testballon, den wir mal fliegen lassen, den auch andere Kliniken in Deutschland versuchen. Natürlich ist es ein gravierender Schritt, der nicht überall funktionieren wird“, so Sonntag. Wenn es die Mitarbeiterzufriedenheit stärke und mehr Personal in die Kliniken bringe, sei es das aber wert gewesen, betont der Pflegedirektor. Denn eines sei klar, Neugeborene werde es auch in Zukunft geben, die fachmännisch versorgt werden müssen. Das ginge nur mit entsprechendem Personal.
Personallage in der Klinik
Fachkräftemangel
Im gesamten Pflegebereich werden ausgebildete Fachkräfte beziehungsweise Auszubildende für die Gesundheits- und Krankenpflege gesucht.
Teilzeitquote
Im Klinikum Südwest liegt die Teilzeitquote bei den Pflegenden über alle Fachbereiche hinweg bei 57 Prozent. Auf der neonatologischen Intensivstation in Böblingen beträgt sie sogar 67 Prozent.
Mitarbeiter
Auf der Neugeborenen-Intensivstation in Böblingen arbeiten derzeit 44 Personen. 41 von ihnen haben eine abgeschlossene Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung. Drei von ihnen sind im Service tätig. Gesetzliche Vorgaben besagen, dass mindestens 40 Prozent eine Weiterbildung in der Kinderintensivpflege absolviert haben müssen.
Offene Stellen
Aktuell sind fünf Vollzeitstellen in der Pflege auf der Station offen.
Vier-Tage-Woche
Zusätzlich zum gewohnten Arbeitszeitmodell bietet der Klinikverbund seit Januar für die Kinderklinik auch eine Vier-Tage-Woche mit 9,75 Stunden Arbeitszeit pro Tag an.