Alexander Seidenader ist erst 20 Jahre alt, aber er ist schon auf dem besten Wege, ein Passagierflugzeug zu lenken. Für eine stolze Summe hat er nahe des Stuttgarter Flughafens eine Pilotenausbildung gemacht. Wie ist es dazu gekommen?
Filder - Gas, Bremse, Kupplung, Lenkrad, ein Knöpfchen fürs Radio – viel mehr haben Autofahrer früher nicht gebraucht. Heute gibt es neben Licht, Hupe und Scheibenwischer ausgefeilte Sprachassistenten, Bordcomputer und Tausende Funktionen, die den normalen Autofahrer schlicht überfordern würden, müsste er sie alle kennen und nutzen. Doch der ganze Schnickschnack wirkt auf einmal nichtig und klein, wenn man vor den unzähligen Hebeln, Knöpfen und Bildschirmen im Cockpit einer Piper PA-44 steht.
Auf engstem Raum hat der Pilot des Leichtflugzeugs das Kommando über Flughöhe, Propellerumdrehung, Lichter an den Tragflächen und den Überblick über Wind, Flugplan, GPS und künstlichen Horizont – um nur die allereinfachsten Funktionen zu nennen. Alexander Seidenader lässt sich von der ganzen Technik nicht beirren. Es gibt keinen Knopf, dessen Funktion er nicht ausführlich erklären kann. Er weiß genau, wie er sich am schnellsten einen Überblick über die wichtigen Anzeigen verschafft. Und raus, durch die kleinen Fensterscheiben ganz vorn am Flugzeug, schaut er nicht. „Das macht man nur, wenn gutes Wetter ist und man kurz Zeit hat, die Aussicht zu genießen“, sagt der angehende Pilot und lacht.
Er sagt, er habe selten einen so jungen Piloten gesehen
Alexander Seidenader hat während seiner Ausbildung viel Zeit im Flugsimulatorverbracht. Anfang Juli hat der Münchner seine Abschlussprüfung erfolgreich absolviert; er kann sich nun als Co-Pilot bei Fluggesellschaften bewerben. Und das mit gerade einmal 20 Jahren. „Ich habe selten so einen jungen Piloten gesehen“, sagt er über sich selbst. Der Vorteil: „Ich bin an keinen Standort gebunden wie viele andere, die schon eine Familie gegründet haben, und ich bleibe der Airline gleich zehn, zwanzig oder dreißig Jahre erhalten.“ Gelernt hat der junge Mann bei der Flugschule FFH mit Sitz in Freiburg und einer Außenstelle in Stuttgarter Flughafennähe – in Bernhausen.
Pilot zu werden, das dürfte einer der großen Jungenträume sein. Bei Alexander Seidenader war das anders. „Ich wollte nie fliegen, bis ich 14 war.“ Da ist er zum ersten Mal mit seiner Familie geflogen. „Es war erst gewöhnungsbedürftig, aber nach zwei, drei Flügen habe ich mich jeden Tag damit beschäftigt und bin mit 16 zum ersten Mal im Simulator geflogen.“ Dann war kein Halten mehr. Er wollte wissen, welche Technik hinterm Fliegen steckt, wie man im Cockpit zusammenarbeitet.
Er ist auf der Suche nach Abenteuern
Also hat er sich nach seinem Abitur 2017 bei der Flugschule beworben und wenige Monate später angefangen. „Die Zeit dazwischen war schon ein bisschen langweilig“, erinnert sich der 20-Jährige und lacht. Er ist eben auf der Suche nach Abenteuern und Herausforderungen, da passen ein paar freie Monate nicht dazu. Daher verwundert es auch nicht, dass er die Ausbildung nach nur einem Jahr und sieben Monaten abgeschlossen hat. Bis zu drei Jahre hätte er sich Zeit lassen dürfen. „Mein Ziel war es, so gut wie möglich zu sein und so schnell wie möglich zu einer Airline zu kommen“, sagt Seidenader.
Deshalb ist er auch sehr früh in den Praxisteil der Lehre gestartet. „Das Beste war, als ich zum ersten Mal alleine geflogen bin“, sagt Seidenader, „und bis heute ist es das Coolste, durch die Wolkendecke zu fliegen, da oben ist immer perfektes Wetter“. Wenn der Münchner von seinem Beruf erzählt, hört sich alles so einfach und perfekt an. Dass Fliegen sicher nicht gerade die einfachste Sache der Welt ist – auf die Idee kommt Alexander Seidenader nicht. „Es ist gar nicht so krass, wie man es sich vorstellt“, sagt er.
Die wenigsten schaffen alles beim ersten Versuch
Eine Pilotenausbildung macht aber selbst ein Alexander Seidenader nicht einfach nebenher. Auch er sei beim ersten Mal durch die eine oder andere Theorieprüfunggefallen. 14 Fächer von Meteorologie über Start- und Landestreckenberechnung bis Spritkalkulation stehen auf dem Stunden- und natürlich dem Prüfungsplan. Die wenigsten schaffen alles beim ersten Versuch.
Und mit der Ausbildung hat es ein angehender Pilot noch nicht geschafft. Um bei einer Fluggesellschaft anfangen zu können, muss er durch einen harten Bewerbungsprozess, bei dem es unter anderem auf Orientierung im Raum sowie visuelles und akustisches Gedächtnis ankommt. „Das hat an sich wenig mit Fliegen zu tun“, sagt Seidenader. Aber als Pilot muss man eben gewisse Ansprüche erfüllen. Hinzu kommt: Die Ausbildung muss man sich leisten können. Rund 80 000 Euro hat Seidenader für die gut anderthalb Jahre bezahlt. Seine ganze Familie habe ihn dabei unterstützt, sagt er.
Er freut sich jetzt aufs echte Fliegen
Für Alexander Seidenader ging es eine Woche nach seiner Abschlussprüfung weiter zum sogenannten Multi-Crew-Coordination-Training. Dabei lernen angehende Pilot die Teamarbeit im Cockpit besser kennen, viele Fluggesellschaften setzen ein solches Training für die Bewerbung voraus. Alexander Seidenader kommt das gerade gelegen, sonst würde ihm ja bis zum Bewerbungsverfahren im Herbst wieder langweilig werden.
Die Ausbildung war für den 20-Jährigen zwar ein Highlight, auf die Arbeit im Cockpit eines echten Passagierflugzeugs freut er sich aber freilich viel mehr. „Man hat mit Menschen zu tun, darf viel reisen, kommt viel rum – es ist einfach ein Traumberuf“, sagt er. Zumindest bis heute scheint ihm also sein Gefühl Recht gegeben zu haben: Die Pilotenausbildung war das Richtige für ihn. „Ich kann mir gar nichts anderes vorstellen“, sagt er, „studieren oder so etwas – das wäre nichts für mich“. Sein Ding ist es, durch die Wolkendecke ins perfekte Wetter zu fliegen – und das vielleicht schon bald mit Hunderten Passagieren hinter sich an Bord, und er als Erster Offizier.