Gut 13 Stunden hatten die Kontrahenten verhandelt, um einen Arbeitskampf zu vermeiden. Foto: dpa

IG Metall und Arbeitgeber in Baden-Württemberg haben sich in der Nacht zu Dienstag auf einen Pilotabschluss geeinigt. Das Stuttgarter Abkommen bringt mehr Geld und die befristete Teilzeit.

Stuttgart - Um 1.30 Uhr haben die Verhandlungsführer von IG Metall und Arbeitgebern am Dienstagmorgen einen Strich unter eine äußerst schwierige Metalltarifrunde gezogen und ihren Pilotabschluss präsentiert. Gut 13 Stunden hatten die Kontrahenten in der sechsten Runde noch in der Stuttgarter Liederhalle verhandelt, um einen Arbeitskampf zu vermeiden, den 900 000 Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg deutlich höhere Einkommen zu sichern und bei der Arbeitszeit ein neues Kapitel der Tarifgeschichte aufzuschlagen.

Flexibles Arbeitszeitsystem des 21. Jahrhunderts

„Der Tarifabschluss ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer modernen, selbstbestimmten Arbeitswelt“, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Und sein Pendant, Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger, befand: „Wir haben heute den Grundstein für ein flexibles Arbeitszeitsystem des 21. Jahrhunderts gelegt.“

Der Tarifvertrag bringt zum 1. April eine Entgelterhöhung von 4,3 Prozent sowie eine Einmalzahlung von 100 Euro für Januar bis März 2018. Zudem erhalten alle Beschäftigten von Juli 2019 an jeweils dauerhaft einen einheitlichen Festbetrag von 400 Euro plus ein tarifliches Zusatzgeld – T-ZUG genannt – in Höhe von 27,5 Prozent ihres individuellen Monatsentgelts.

„Höchster Abschluss seit zwölf Jahren“

Der Tarifvertrag läuft bis zum 31. März 2020. Alles in allem beinhaltet er laut Südwestmetall eine Lohnerhöhung im Gesamtvolumen von durchschnittlich sieben Prozent über 27 Monate. „Dies ist in der Jahresscheibenbetrachtung der höchste Tarifabschluss der letzten zwölf Jahre“, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann mit Blick auf die derzeit noch niedrige Inflation. In beiden Jahren hätte sich die Gewerkschaft jeweils an die vier Prozent Lohnsteigerung „herangerobbt“.

Beschäftigte, die Kinder bis zu acht Jahren erziehen, Angehörige pflegen oder in Schicht arbeiten, können von 2019 an wählen, ob sie statt des tariflichen Zusatzgelds acht zusätzliche freie Tage nehmen wollen. Zwei Tage davon finanziert der Arbeitgeber. Der Zeitwert der acht Tage sei höher als die 27,5 Prozent des individuellen Monatsentgelts, sagte IG Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger. Daher sei für diese Beschäftigten, die lange im Zentrum der Auseinandersetzung standen, durchaus etwas erreicht worden.

Entgeltzuschuss nicht durchgesetzt

„Mit diesem Modell schaffen wir einen Ausgleich für Belastungen und sorgen dafür, dass unsere Kollegen länger gesund bleiben“, fügte der Verhandlungsführer an. „Außerdem schaffen wir Freiräume für wichtige gesellschaftliche Aufgaben und erleichtern die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.“ Den ursprünglich geforderten Entgeltzuschuss von 200 Euro pro Monat für die Mitarbeiter mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen setzte die IG Metall nicht durch, weil die Arbeitgeber ihn für rechtswidrig halten.

Davon getrennt zu betrachten ist die befristete Teilzeit, die die IG Metall als prioritäres Ziel erreicht hat. Der Tarifvertrag sichert den Beschäftigten von 2019 an einen Anspruch auf Reduzierung ihrer Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden zu – dies für mindestens sechs und maximal 24 Monate. Nach zwei Jahren haben sie das Recht, zu ihrer ursprünglichen Arbeitszeit zurückzukehren oder sich ein weiteres Mal für die Verkürzung zu entscheiden. Voraussetzung ist eine Betriebszughörigkeit von mindestens zwei Jahren.

Anteil der 40-Stünder wird ausgeweitet

Die Arbeitgeberseite feierte vor allem den deutlich größeren Spielraum bei der Mehrarbeit. Der Tarifvertrag ermögliche es den Beschäftigten, ihre Arbeitszeit für einen begrenzten Zeitraum abzusenken, erläuterte Dulger. Im Gegenzug könne der Anteil der Beschäftigten, die länger als 35 Stunden und bis zu 40 Wochenstunden arbeiten, deutlich ausgeweitet werden – in bestimmten Fällen auf bis zu 50 Prozent. Damit werde nicht nur das durch Teilzeit entfallende Arbeitsvolumen ausgeglichen, sondern die Kapazitäten könnten bei Bedarf insgesamt erweitert werden.

Zugang zu Quoten für Betriebe erleichtert

Zu diesem Zweck wurde der Zugang zu bereits existierenden Quoten für Arbeitsverträge oberhalb von 35 Stunden erleichtert – zum Beispiel, wenn Unternehmen Fachkräfteengpässe nachweisen können. „Mit diesem Modell haben wir genau die Flexibilisierung nach unten und nach oben vereinbart, die wir angestrebt haben“, betonte der Präsident des Dachverbands.

Südwestmetall-Chef Stefan Wolf sprach von einem „tragbaren Kompromiss mit schmerzhaften Elementen“. „Wir haben eine innovative Arbeitszeitwelt geschaffen“, freute sich der Verhandlungsführer. Die „Komplexität des Tarifergebnisses“ und die Höhe des Entgeltabschlusses seien allerdings eine „Hypothek, die für viele Betriebe schwer zu tragen sein wird“.

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