In Pforzheim predigte Pierre Vogel vor etwa 80 Anhängern. Angemeldet hatte die Veranstalter 500. Foto: dpa

33 deutsche Städte will Pierre Vogel in den kommenden Monaten besuchen. Als eine der ersten Pforzheim – am 8. März kommt er nach Stuttgart.

33 deutsche Städte will Pierre Vogel in den kommenden Monaten besuchen. Als eine der ersten Pforzheim – am 8. März kommt er nach Stuttgart, das kündigt der Salafistenprediger auf seiner Website in einem Flyer an.

Pforzheim - Statt Hass predigt er heute Liebe. Und an diesem Samstag hat Pierre Vogel in Pforzheim alle lieb: Seine Gegner, die ihm mit Pfeifen und Tröten das Reden schwer machen. Die sechs Rechtsradikalen vom Wotansvolk, die dem Mann mit dem roten Bart am liebsten an die Wäsche wollen. Die Hundertschaft Bereitschaftspolizisten, die die Show des Vorbeters vor Übergriffen alleine auf dem Marktplatz zu schützen haben. Und die paar verlorenen Glaubensbrüder, die sich um den Mietlaster scharren, auf dem der salafistische Starprediger über „Jungfräulichkeit und Familienehre im Islam“ plaudert: „Den Knüppel rauszuholen, bringt nur Hass.“

Vieles, was Vogel von seiner Ladefläche herunter sagt, wird in so auch in der nahegelegenen Schlosskirche von der Kanzel salbadert: Dass Frauen mit Ehrfurcht zu behandeln sind. Dass Sexualität eine göttliche Gabe ist. Dass die Menschen einander mit Respekt und Liebe begegnen sollen, um in Frieden zu leben. Wenn auch kein Pfarrer wie der vom Verfassungsschutz beobachtete Prediger von der Kanzel fordern würde, dass Männer den Ehemann für Tochter oder Schwester aussuchen sollen.

Der Vogel sieht sich als Heilsbringer. Als einer, der die Wahrheit im Angebot hat. In stolzer Tradition: „Als dä Profeet jeredet hat, fingen se auch an zu klatschen, zu pfeifen und zu machen“, kölscht Vogel. Jesus sei es nicht anders gegangen, wie „allen, die mit der Wahrheit kommen“.

Eigentlich wäre alles gut auf dem Pforzheimer Marktplatz, wären da nicht die kleinen Widersprüche in der großen Vogel-Show: Der Fahrer des Predigers, der einen schwarze Pullover trägt. Auf dem prangt das runde Siegel des Propheten Mohammed. Genau das Symbol, dass sich die Terrororganisation al-Qaida im Irak und in Syrien als Kennzeichen auserkoren hat. Als eine solche Fahne im Mai 2012 in Bonn geschwenkt wurde, begann eine Straßenschlacht mit der Polizei. Zwei Beamte wurde niedergestochen.

Würde da nicht Bernhard Falk vor der Bühne Flugblätter verteilen, in denen er einen Staat fordert, in dem die Scharia gilt, also dem islamischen Recht aus der Mitte des 7. Jahrhunderts, das von einer islamischen Gesellschaft zu beachten und zu erfüllen ist:“Wir Muslime brauchen einen solchen Staat, wo gemäß Koran und Sunnah regiert wird, dringend!“ Falk sprengte in den 1990er Jahren als Terrorist der linksextremistischen Antiimperialistischen Zelle durch Deutschland und wollte den SPD-Abgeordneten Freimut Duve ermorden. Seine 13 Jahre lange Haftstrafe trat er noch als Bernhard Falk an. Das Gefängnis verlies er 2008 als Muslim mit dem neuen Namen Muntasir bi-llah. In Pforzheim begrüßen sich Terrorist und Prediger herzlich: Falk wirbt für den Vorbeter im Internet.

Ganz real auf dem Pforzheimer Marktplatz sollen Spenden ein Stück bringen. In orange-farbenen Stoffbeuteln lässt Vogel Geld einsammeln. „Für humanitäre Hilfe in Syrien“, versichert er. Die soll der Verein IHED bringen, der in Mannheim ansässige „Islamisch Humanitären Entwicklungsdienst“. Für Vogel eine „sehr effektive Organisation“. „Freunde“ gar – wie auch das Netzwerk „Helfen in Not“. Beiden Organisationen, sagt Vogel, könnte unbedenklich gespendet werden: „Lasst Euch nicht durcheinanderbringen durch das ganze dumme Gelabber in den Medien“, gibt der 35jährige seinen Anhängern mit auf den Weg.

Aus gutem Grund sorgt er vor: Im Homs füllten im August 2012 Dschihadisten die Magazine ihrer Kalaschnikows mit Patronen, die sie aus Kisten klaubten, auf denen Aufkleber der IHED pappten.

Im vergangenen Juli karrten die Spendensammler von „Helfen in Not“ Krankenwagen in das Bürgerkriegsland. Die waren auch mit dem Geld gekauft worden, das bei Veranstaltungen mit Vogel eingesammelt wird. Mindestens fünf Krankentransporter wurden erst in die Türkei und dann weiter nach Syrien gefahren. Unter anderem ein ausrangierter Daimler-Rettungswagen, dem für die Überführung das Kennzeichen PA 386 A verpasst worden war.

Am 14. Dezember 2013 tauchte das Gefährt unweit der Ortschaft Ghmam in der syrischen Provinz Latakia auf. Die weiß-orange Karosserie mit Dreck beschmiert, um das Auto zu tarnen. Die Hecktüren geöffnet.An einer Holzstange die Fahne, die auch Vogel und sein Fahrer auf ihren Pullovern tragen. Die Trage hatten vermummte, schwarz gewandete Kämpfer ausgebaut und stattdessen ein Maschinengewehr aufgebaut.

Der umfunktionierte Krankenwagen verbreitet Angst und Schrecken unter der Menschen im syrisch-türkischen Grenzgebiet. „Polizei“, flüstern die Menschen und verkriechen sich in ihren Häusern. Schutz bieten die keinen mehr. Mindestens 31 Dörfer haben auch deutschen Dschihadisten unter das Recht der Scharia gestellt. Die Ordnungshüter aus dem Krankenwagen peitschen Jugendliche öffentlich aus, weil sie Radio hören. Sie prügeln Frauen. weil die unverhüllt auf die Straße gehen.

Gebote, die in Pforzheim offenbar schon gut umgesetzt werden. Vier junge Vogel-Anhängerinnen setzen sich wie selbstverständlich von den Männern getrennt auf Steinklötze an den Rand des Marktplatzes. Sie haben sich in lange, schwarze Gewänder gehüllt. Ein Schlitz gibt nur die Augen frei.

Genau die Welt, von der Pierre Vogel und Bernhard Falk träumen: „Uns kann keiner aufhalten“, ruft der Kölner Prediger seinen Anhängern zu. Dafür hat der Prediger in Pforzheim alle lieb. Seine Gegner, die Polizisten und seine Fans.

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