Veronique de Raedemaeker und Anton Gerzenberg begeistern am Freitagabend das Publikum mit Virtuosität und gekonntem Zusammenspiel. Foto: /Stefanie Schlecht

Das vierte Konzert des Böblinger Pianistenfestival tanzte etwas aus der Reihe. Nicht das Klavier stand im Vordergrund, sondern die Geige. Veronique de Raedemaeker und Anton Gerzenberg brillierten mit Virtuosität und Energie.

Die Geigerin Veronique de Raedemaeker und der Pianist Anton Gerzenberg haben ihrem Publikum am Freitag in Böblingen einen Abend voll facettenreicher und spannender Musik beschert. Die jungen Musiker, beide Jahrgang 1996, überzeugten mit ihrem virtuosen, aufeinander abgestimmten Spiel und ihrem sympathischen Auftreten. Sie machten es den Zuhörern leicht, in Stücke vom Beginn des 19. Jahrhunderts einzutauchen, deren dissonante Melodien nicht sofort ins Ohr gehen.

 

Das Konzert im Württembergsaal der Kongresshalle war Teil des von Ulrich Köppen organisierten Pianistenfestivals und stellte erneut sein geschicktes Händchen bei der Wahl der Musiker unter Beweis. Zum Auftakt spielten de Raedemaeker und Gerzenberg die Mythes op. 30 für Violine und Klavier des polnischen Komponisten Karol Szymanowski aus dem Jahr 1916. Szymanowskis Musik gilt als vom Impressionismus sowie von Komponisten wie Igor Strawinsky und Béla Bartók beeinflusst.

Mit Nymphen durch den Wald

Flirrende Töne, Doppelgriffe, die zu einem Sturm anschwellen und ein dritter Satz mit Passagen, die an ein lästiges, schwirrendes Insekt erinnern: Bei diesem Stück fiel es nicht schwer, das Motto des diesjährigen Festivals „Klänge und Impressionen aus der Natur“ zu erkennen. In den Mythes geht es um griechische Mythologie, um die Quellnymphe Arethusa, den Jüngling Narziss, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, um Baumnymphen und Pan, den Gott des Waldes und der Natur. De Raedemaeker und Gerzenberg gelang es scheinbar mühelos die Naturbilder in all ihren Varianten zu zeichnen. Besonders eindrucksvoll, der Wechsel zwischen beinahe schon aggressivem Schwirren und fahlen, in sich gekehrten Flageolettklängen auf der Geige im dritten Satz.

Rund 100 Jahre liegen zwischen den Mythes und der Sonate Nr. 10 für Violine und Klavier von Ludwig van Beethoven aus dem Jahr 1812. Die beiden Stücken, vor allem direkt hintereinander gespielt, machen deutlich, wie sehr sich Musik im Lauf des 19. Jahrhunderts gewandelt hat. Die Sonate wirkte im direkten Vergleich zu den Mythes, die den Facettenreichtum der Geige nutzen, etwas bieder. Nach den üppigen Bildern der Mythes fiel die Umstellung auf die vergleichsweise schlicht anmutende Sonate schwer. Viel Applaus und Bravo-Rufe aus dem Publikum erntete sie trotzdem.

Gerzenberg bereits als Solopianist aufgetreten

Für Pianist Gerzenberg war der Auftritt am Freitag bereits sein zweiter in Böblingen in diesem Jahr. Eine Woche zuvor hatte er einen Soloabend bestritten. Einen kleinen Geschmack davon gab das Stück Jeaux d’eau (Wasserspiele) von Maurice Ravel für Klavier, mit dem Gerzenberg nach der Pause auftrat. Das Stück mit seinen fließenden Melodien, einfühlsam gespielt, lud zum Träumen ein.

Den Abschluss machte die Sonate Nr. 1 für Violine und Klavier von Béla Bartók. Anfang der 1920er Jahre uraufgeführt, heißt es darüber im Programmheft: Die entsetzten Kritiker seien damals mit Klängen konfrontiert worden, mit denen sie in ihrem Leben nie gerechnet hätten. Von Entsetzen war beim Böblinger Publikum nichts zu spüren – im Gegenteil. Hoch konzentriert, beinahe andächtig, lauschten sie dem Spiel und spendeten am Ende großen Applaus.

Energiegeladenes Abschlussstück

Schmelzende Melodien der Romantik sucht man in der Sonate vergeblich, stattdessen dominieren Dissonanz und Rhythmik. Doch gerade das macht das Werk aufregend und lebendig. Gerzenberg griff kraftvoll in die Tasten, Raedemaeker stand dem auf ihrer Geige in nichts nach. Leise Stellen blieben intensiv. Bis zuletzt hielten beide Musiker die Spannung. Wilde, schnelle Läufe auf Geige und Klavier, die nach vorne drängen, charakterisieren den letzten Satz und bauten sich zu einem fulminanten Finale auf – begeisterte Rufe aus dem Publikum. Nach diesem energiegeladenen Werk ließen die beiden das Konzert mit der sanften Mélancolie von César Franck als Zugabe ausklingen.

Konzertbesucher zeigten sich im Nachhinein begeistert. „Fantastisch“, kommentierte eine Besucherin. „Das war super und unglaublich virtuos“, lautete Ursula Tober-Franks Urteil, eine Besucherin, die seit vielen Jahren zu den Festivalkonzerten geht. Das Klaviersolo und der Bartók hätten ihr besonders gut gefallen. Eine Sindelfingerin bevorzugte den Beethoven. Ihr Mann hob vor allem das Zusammenspiel hervor: „Sie waren sehr gut aufeinander abgestimmt.“

Pianistenfestival: Letzter Termin

Wann und wer
Philipp Scheucher spielt am Freitag, 23. Februar, um 20 Uhr in Württembergsaal in der Kongresshalle in Böblingen. Es ist das letzte Konzert des diesjährigen Pianistenfestivals Böblingen mit insgesamt fünf Terminen.

Programm und Karten
Auf dem Programm stehen vier Werke von Franz Liszt – Les jeux d’eau de la Villa d’Este, die Ballade Nr. 2 in h-Moll, Nuages gris und die Sonate in h-Moll. Außerdem spielt Scheucher aus dem Zyklus Aus Miroirs von Maurice Ravel Oiseaux tristes (Traurige Vögel), Une barque sur l’océan (Eine Barke auf dem Ozean) und Alborada del gracioso (Morgenlied des Narren). Vorverkaufskarten gibt es bei Reservix-Stellen oder im Kulturamt, Telefon 0 70 31 / 6 69 16 12.