Gerhard Wörn geht in seine 29. Saison als Physiotherapeut des VfB Stuttgart. Foto: Pressefoto Baumann

Gerhard Wörn und seine heilenden Hände sind beim VfB nicht mehr wegzudenken. Das wird sich aller Voraussicht nach auch nicht ändern.

Grassau - Wenn es ein Urgestein im Trainer-, und Betreuerstab des VfB Stuttgart gibt, dann wohl Gerhard Wörn. Der 61-Jährige geht aktuell in seine 29. Saison als Physiotherapeut des Bundesligisten. Er hat viel gesehen, viel erlebt und hätte bestimmt noch viel mehr zu erzählen. Doch wenn man Wörn nach Anekdötchen und Interna fragt, dann wird der ehemalige Profi ganz schnell einsilbig. Kein Sterbenswörtchen würde er jemals verraten. „Das Vertrauensverhältnis zwischen den Spielern und mir ist viel zu groß, das würde ich niemals gefährden. Da verlassen sich die Jungs drauf – und das können sie auch“, sagt Wörn. Schließlich ist er oft der erste Ansprechpartner, manchmal auch eine Art Beichtvater für die Kicker, die ihm viel anvertrauen, wenn sie auf der Behandlungsbank liegen. Und das seit fast drei Dekaden.

Weitreichende Veränderungen im Spitzenfußball

Viel lieber spricht Wörn über die teils weitreichenden Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten in seinem Geschäft ergeben haben. „Der Sport ist viel schneller, viel athletischer, viel physischer geworden als früher“, erklärt Wörn. Früher habe man „eher reagiert, wenn es eben zu Verletzungen kam. Heute arbeiten wir vornehmlich im präventiven Bereich.“ Eine gute Vorsorge ist eben alles. Stabilisationsübungen, Bauch-, Rumpf-, Gesäßmuskulatur – darauf liegt der Fokus. „Die Körpermitte ist das Kraftzentrum des Athleten, da muss alles stimmen. Und dafür muss man viel tun. Jeden Tag!“ Jeder Spieler wird individuell betreut, bekommt sein eigenes Programm in Absprache mit den Athletiktrainern auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten. Dieses gilt es vor den Trainingseinheiten in Eigenregie zu absolvieren.

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Doch seine Arbeit hat eine psychologische Komponente, die nicht weniger wichtig ist. Gerade bei der Betreuung der jungen Spieler. Immer jünger sind die Toptalente, die aus der Nachwuchsakademie den Weg in den Profikader gehen, wie zuletzt etwa Timo Baumgartl oder Berkay Özcan. „Ein 18-Jähriger ist von der Psyche her natürlich extrem gefordert. Schließlich ist das ja komplettes Neuland für ihn. Da wird es interessant, wie er das wegsteckt. Da ist man als Psychologe gefordert“, sagt er. Dass dies einmal nicht geklappt hätte, daran erinnert er sich nicht. „Ich habe noch immer Zugang zu den Jungs gefunden.“

Gerhard Wörn kann auf eigene Erfahrungen zurückgreifen

Hier hilft Wörn seine eigene Erfahrung weiter. 1975 stieß er als ganz junger Spieler zur ersten Mannschaft, absolvierte immerhin 27 Spiele (zwei Tore), stieg mit dem VfB wieder in die Bundesliga auf. Danach ging es bei ihm nur noch bei den VfB-Amateuren weiter, später ließ er seine Karriere beim SV Neckargerach und beim 1. Göppinger SV ausklingen. „Klar hilft mir da meine eigene Erfahrung weiter. Ich kann mich gut in die Jungs reinversetzen“, so Wörn, schließlich „weiß ich wie es sich anfühlt, wenn man samstags bei den Profis nicht ran durfte und dann sonntags zu den Amateuren geschickt wurde.“ Hier sei der Druck sogar noch höher, als wenn man in der Bundesliga gespielt hätte. „Man will sich ja dem Trainer zeigen, muss herausragen. Das ist eine ganz schwierige Situation.“

Doch auch Wörn und die Kollegen im Physiostab werden physisch hoch belastet, gerade im Trainingslager. Morgens gegen 8.30 Uhr geht es bereits los, tagsüber werden die Spieler je nach Wehwehchen intensiv gepflegt, teils bis spät am Abend gibt es noch Einzelbehandlungen. „Wir müssen natürlich eine gewisse Grundfitness mitbringen, gerade bei mir ist das wichtig“, spielt er augenzwinkernd auf sein fortgeschrittenes Alter an. Nur so könnte man die Behandlungen auch typgerecht und intensiv genug durchführen. Zudem „haben wir schon ein paar Ochsen dabei“, da gelte es entsprechend vorbereitet zu sein.

Noch ist ein Ende nicht in Sicht

Wie lange sich die VfB-Profis noch auf seine heilenden Hände verlassen können, mag Wörn nicht konkret beantworten. Und kommt dann doch noch mit einer kleinen Anekdote um die Ecke. Kürzlich bei der Behandlung des 33-jährigen Mario Gomez haben sich beide unterhalten, wie „schön es doch ist, noch immer dabei zu sein. Jede Saison ist ein Geschenk!“ Wenn es nach Wörn geht, dürfen also noch gern einige Saisons dazu kommen. „Schau´ mer mal“, zitiert er Franz Beckenbauer. Mario Gomez darf sich offenbar noch auf einige Sitzungen freuen.

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