Pokémon GO ist ein Beispiel für eine phygitale App. Foto: Matthew Corley / shutterstock.com

Lesen Sie hier, was hinter dem Kunstwort „phygital“ steckt und was es für unseren Alltag bedeutet.

Haben die digitale und physische Realität lange Zeit unabhängig voneinander existiert, werden wir in Zukunft immer öfters auf eine Verknüpfung der beiden stoßen. Einen Begriff dafür gibt es schon:

Physisch + Digital = Phygital

Wer sich unter einer phygitalen Welt nichts vorstellen kann, der muss nur an den Hype der App Pokémon GO denken, die Scharen von Menschen dazu bewegte, mit ihren Handys auf Monsterjagd in der echten Welt zu gehen. Das Smartphone wurde zur Schnittstelle zwischen physischer und digitaler Realität.

Phygitales Marketing

Entstanden ist das Kunstwort in der Marketingbranche. Dort wird die Verbindung von physischen und digitalen Werbeinhalten genutzt, um mehr Aufmerksamkeit bei den Konsumenten zu erregen.

Durch interaktive Werbeaktionen wird zum einen die Gleichgültigkeit gegenüber klassischer Außenwerbung umgangen, zum anderen das Problem von Ad-Blockern umschifft, die digitale Anzeigen ausblenden. Als Bonuseffekt bieten solche Aktionen eine Steilvorlage für Viralität im Internet.

Ein gutes Beispiel für eine derartige Werbeaktion ist der Twizzard der Mall of America zum Black Friday 2014. Dabei konnten die Besucher durch Tweets mit dem Hashtag #twizzard ein digitales Thermometer innerhalb der Mall beeinflussen. Je mehr Besucher teilnahmen, desto tiefer sank die Temperatur. Als die 0-Grad-Grenze erreicht war, schneite es von der Decke.

Die Telekom sorgte im Jahr 2011 mit einer phygitalen Marketing-Aktion in Barcelona für Aufsehen. Dazu wurde auf einem öffentlichen Platz eine aus dem damals beliebten Smartphone-Spiel Angry Birds entlehnte Welt mit echten Bauelementen nachgestellt, die Passanten mithilfe eines Smartphones ansteuern konnten. Tatsächlich flogen echte Gummi-Birds aus der Abschussrampe auf die wackeligen Konstruktionen.

Phygitalität im Handel und E-Commerce

Aber nicht nur im Marketing bringt diese Verknüpfung von physischen und digitalen Inhalten Vorteile, auch der Handel profitiert von der Vermischung der beiden Welten.

Während online die Auswahl viel größer ist und wir 24 Stunden shoppen können, fehlt vielen Verbrauchern die physische Komponente des stationären Handels mit der persönlichen Beratung.

Als Reaktion auf diesen Zwiespalt testen bereits mehrere große Unternehmen eine Symbiose aus Online-Shopping und stationärem Einkaufen. Ein sehr prominentes Beispiel ist Amazon GO. Diese Mini-Märkte des Internetversandhauses kommen ganz ohne die klassischen Merkmale eines Ladengeschäftes aus.

Der Kunde muss lediglich mit seiner App einchecken und kann dann in Ruhe shoppen. Etliche Sensoren und Kameras scannen jede Bewegung des Kunden und verfolgen so, welche Produkte er auswählt.

Beim Verlassen des Ladens wird der fällige Betrag automatisch vom Amazon-Konto abgebucht.

Andere Beispiele für Phygitalität sind Umgebungsscanner auf dem Smartphone, die zusätzliche Informationen zu Produkten bereitstellen oder Einrichtungsgegenstände virtuell in Räume einfügen.

Beim Shoppen von Kleidung könnten uns in Zukunft interaktive Spiegel unterstützen, die uns nicht nur diverse Outfits direkt an den Körper projizieren, sondern auch Vorschläge zu passenden Accessoires machen.

Phygital im Alltag

Dass Phygitalität auch vor unserem Privatleben nicht Halt macht, zeigen Entwicklungen wie Sprachassistenten, vernetzte Haushaltsgeräte oder eben Apps wie Pokémon GO.

Sportkleidungshersteller wie Under Armour oder Nike bieten mittlerweile smarte Sportschuhe an, die das Training durch einen Chip tracken und die Informationen ans Smartphone senden. Dort werden sie ausgewertet und Tipps hinsichtlich Laufgeschwindigkeit oder Schrittlänge gegeben.

Wer ein Haustier hat und tagsüber nicht zu Hause ist, kann mit intelligenten Futterstationen die Rationen per Smartphone verteilen.

Datenbrillen dagegen können unseren Alltag direkt beeinflussen, indem wir Informationen über unsere Umwelt in unserem Sichtfeld abrufen.

Abgrenzung zu anderen Begriffen

Falls Sie die oben genannten Beispiele schon einmal in Verbindung mit den Begriffen Internet der Dinge, Augmented Reality oder Industrie 4.0 gehört haben, werden Sie sich sicher fragen, worin nun der Unterschied zur Phygitalität liegt?

Im Prinzip sind sie alle Teil des technischen Wandels, der unsere Wirtschaft in Zukunft grundlegend verändern soll. Phyigitalität und Internet der Dinge werden synonym für die Entwicklung hin zu vernetzen Objekten bezeichnet: So wird entweder eine physische Reaktion durch eine digitale Aktion hervorgerufen oder andersherum.

Auch Augmented Reality und Phygitalität haben Überschneidungspunkte, zumindest dort, wo unsere Realität durch digitale Details ergänzt wird.

Diese drei Trends sind wiederum alle Bestandteil der Industrie 4.0, die branchenübergreifend die Digitalisierung von Produktionsabläufen und damit verbundenen Prozessen anstrebt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie schreibt dazu:

Wenn Bauteile eigenständig mit der Produktionsanlage kommunizieren und bei Bedarf selbst eine Reparatur veranlassen oder Material nachbestellen - wenn sich Menschen, Maschinen und industrielle Prozesse intelligent vernetzen, dann sprechen wir von Industrie 4.0. Nach Dampfmaschine, Fließband und Computer stehen wir nun mit intelligenten Fabriken vor der vierten industriellen Revolution.

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