Wer könnte geeigneter sein als die Kirche, um die Bewahrung der Schöpfung in die Hand zu nehmen? In Murrhardt würde die evangelische Gemeinde gerne klimaschützerisch tätig werden – doch dem steht, zumindest vorerst, die Bewahrung des Stadtbilds entgegen.
Die Außensanierung der Murrhardter Stadtkirche ist abgeschlossen, der marode Dachstuhl restauriert, das Dach ist neu eingedeckt worden. Nun sollte eigentlich ein anderes Projekt in Angriff genommen werden, um im Winter mehr Wärme in das Gotteshaus aus dem 15. Jahrhundert zu bringen.
Geheizt wird dort auf energieraubende Art mit einer Fußbodenheizung und sogenannten Wandkollektoren, beides strombetrieben und in die Jahre gekommen. Weil ein aufwendiger Anschluss an die örtliche Fernwärme für die evangelische Kirchengemeinde aus finanziellen Gründen zurzeit keine Option darstellt, sollen nun wenigstens die Kollektoren ausgetauscht werden.
Einstufung in der höchsten Schutzstufe
Das hat den geschäftsführenden Pfarrer Hans Joachim Stein auf die Idee gebracht, den Strom, der fürs Heizen notwendig ist, selbst und auf klimaneutrale Art und Weise zu produzieren: mit einer Photovoltaikanlage auf der bestens zur Südseite geneigten Dachhälfte der Kirche. Doch der eigentlich einleuchtende Vorschlag ist im kirchlichen Bauausschuss abgelehnt worden. Die Begründung: Die Einstufung der Kirche durch das Landesdenkmalamt in der höchsten Schutzstufe mache die Genehmigung einer solchen Anlage unmöglich.
Der Grünen-Abgeordnete Nentwich ist fassungslos
Unmöglich findet das hingegen der Landtagsabgeordnete Ralf Nentwich, der unweit der Stadtkirche sein Wahlkreisbüro betreibt, denn die Murrhardter Blockade sei kein Einzelfall. Viele Gemeinden in Baden-Württemberg stünden vor der Herausforderung, ihre alten, energieineffizienten Heizsysteme ersetzen zu müssen und würden dabei gerne auf umweltschonende Lösungen wie Photovoltaikanlagen setzen, so der Grünen-Abgeordnete. Doch trotz der klar definierten Landesziele zur Förderung erneuerbarer Energien würden diese zukunftsorientierten Projekte immer wieder von Arbeitskreisen aus kirchlichen Bauämtern und dem Landesamt für Denkmalpflege blockiert, so die Erkenntnis des Abgeordneten. Nentwich: „Es ist nicht nur ärgerlich, sondern schlichtweg fassungslos machend, dass der Fortschritt in Sachen Klimaschutz durch bürokratische Hürden behindert wird.“ Diese Problematik sei weit verbreitet und betreffe viele denkmalgeschützte Gebäude im Land.
Brief gegen „unsinnige Blockaden“
In einem Brief fordert der Abgeordnete deshalb die Regierungspräsidentin Susanne Bay (ebenfalls Grüne), deren Behörde auch das Landesdenkmalamt umfasst, auf, sich „dieses Sachverhalts anzunehmen und sicherzustellen, dass die Ziele der Landesregierung mit der nötigen Durchschlagskraft umgesetzt werden“. Er hoffe „auf Unterstützung und ein baldiges, klärendes Gespräch, um diese unsinnigen Blockaden zu überwinden und den Weg für eine nachhaltige Zukunft zu ebnen“, so Ralf Nentwich weiter.
Das Regierungspräsidium Stuttgart stellt auf Nachfrage unserer Zeitung derweil für den Murrhardter Fall klar, dass die Errichtung einer PV-Anlage auf dem Dach der Stadtkirche St. Januarius nicht etwa vom RP oder einer untergeordneten Behörde, sondern vom Oberkirchenrat selbst abgelehnt worden sei. Man räumt aber ein, dass dabei wohl eine bei sogenannten Kirchengesprächen getroffene Vereinbarung und Einstufung eine Rolle gespielt habe.
Die Kirchengespräche mit dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart seien eine Initiative der vier großen Kirchenverwaltungen und dem Energieversorgungsunternehmen „KSE Energie“, einer Tochtergesellschaft der vier großen christlichen Kirchen in Baden-Württemberg. Das Ziel der Kirchen hierbei sei der schnelle Ausbau regenerativer Energien – insbesondere die Montage von PV-Anlagen – und die Beschleunigung im Genehmigungsverfahren gewesen.
Einteilung in vier Kategorien
Zu diesem Zweck seien Kirchengebäude ausgewählt und den Objekten in Absprache mit den Kirchenvertretern vier Kategorien zugeordnet worden. Letztlich sei die Vereinbarung getroffen worden, dass die Ergebnisse bei anstehenden Entscheidungen berücksichtigt werden sollten. Bei mehr als 80 Prozent der besprochenen Objekte habe eine fachliche Zustimmung zur Genehmigung einer Photovoltaikanlage – gegebenenfalls mit gewissen Einschränkungen – in Aussicht gestellt werden können.
Neuer Anlauf in zwei Jahren?
Die Kirche, die aus dem im 9. Jahrhundert erbauten Kloster St. Januaris hervorgegangen ist, fällt hingegen in die etwas weniger als 20-Prozent-Kategorie. Welcher der verschiedenen der Kategorisierung zugrunde gelegten Aspekte ausschlaggebend war – etwa die „besonders hohe wissenschaftliche, landesgeschichtliche und/oder künstlerische Bedeutung des Objektes“, die „Präsenz des Daches im öffentlichen Raum“ oder die „bedeutende Stadt- und Objektansicht aus der Ferne“ – ist für den konkreten Fall nicht bekannt. Fakt ist, dass die Kirche wohl vorerst weiter mit fremdem Strom heizen wird.
Hans Joachim Stein glaubt indes, dass der Status quo alles andere als in Stein gemeißelt ist. Er denkt, dass sich spätestens in zwei oder drei Jahren ein erneuter Anlauf nehmen lässt. „Ich gehe davon aus, dass der politische Druck steigen wird, da die Ziele einer Klimaneutralität erreicht werden müssen.“ Der Pfarrer würde mit seiner Gemeinde jedenfalls gerne seinen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung leisten.