Große Debatte über ein Kleinod: Die Frage nach der Installation von Solaranlagen in der Esslinger Altstadt liefert Zündstoff. Foto: Roberto Bulgrin

In Esslingen wird weiter über das Für und Wider von Photovoltaik in der Altstadt diskutiert. Zwar herrscht bei den Frakionen im Grundsatz Konsens, im Detail aber unterscheiden sich die Ansichten.

Keine sonnigen Aussichten für Hausbesitzer und Mieter in der Esslinger Altstadt: Die Installation von Solaranlagen auf den geschichtsträchtigen Dächern ist schwierig. Die Stadt hat mit Blick auf Denkmalschutz, einheitliches Stadtbild, Erhalt der historischen Bausubstanz und Beeinträchtigungen der Attraktivität die Montage von Photovoltaikanlagen (PV) untersagt. In ihrer Haltung dazu sind sich Fraktionen und Gruppen im Gemeinderat einig. Sie bekennen sich zu erneuerbaren Energien, Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Doch bei der Frage, wie Solaranlagen mit dem Schutz der historischen Altstadt konkret vereinbar sein könnten, gibt es unterschiedliche Standpunkte.

 

Die Ansichten von CDU, SPD und „Für Esslingen“ ähneln einander. Die Fraktionen setzen auf technische Innovation: Dezent gestaltete PV-Anlagen würden den Gesamteindruck des Stadtkerns kaum beeinträchtigen, meinen sie. Tim Hauser (CDU) denkt da an „Solarmodule in Form von Dachziegeln in verschiedenen Farben, die eine kleinteilige Dachstruktur sehr gut nachahmen könnten“. Da sie teurer seien, könnten aber auch farblich angepasste normale Module unauffälliger wirken. In anderen Städten mit historischem Gebäudebestand würden nur matte, nicht reflektierende Module ohne Abstufungen zugelassen.

Auf Photovoltaik in Form von Dachziegeln, wie sie etwa auf den mittelalterlichen Dächern in Nürnberg zum Einsatz kämen, setzt auch Dilek Toy von „Für Esslingen“. Nicolas Fink (SPD) argumentiert ähnlich: „Durch den Einsatz von neuen Technologien im Solaranlagenbereich wie Solardachziegel oder Dünnschichttechniken sowie durch eine farbliche Anpassung einer Anlage“ könnten sich Solaranlagen besser in das Bild der Innenstadt einfügen. Die SPD-Gemeinderatsfraktion begrüße zudem die im Juli veröffentlichten Leitlinien des Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen: „Dadurch wird auch in Esslingen die Genehmigung einer Installation von Photovoltaik- und Solarthermieanlagen auf Dächern in der historischen Innenstadt vereinfacht.“

Die Freien Wähler und die Linke haben weniger die technische Seite im Blick, sondern nehmen die Stadt in die Pflicht: Die Frage sei nicht, ob, sondern wie erneuerbare Energien in der Altstadt optimal ermöglicht werden könnten, meint Annette Silberhorn (Freie Wähler). Die Verwaltung müsse daher zukunftsfähige Lösungen aufzeigen. Nur dann könne eine fundierte Entscheidung für den Umgang mit dem kulturellen und stadtprägenden Ensemble getroffen werden.

Die Linke macht Druck auf die Stadtverwaltung, ein Vorbild zu sein und ihre eigenen Gebäude mit Solaranlagen auszustatten. Denn, so der Stadtrat Tobias Hardt: „Von einer Euphorie für den Ausbau der Solarenergie ist in unserer Stadt noch wenig zu spüren.“ Die Diskussion beschränke sich bislang auf das Kielmeyerhaus am Marktplatz. Interessant wäre es auch, die Einschätzung der Bürgerinnen und Bürger zu Beratung und Genehmigung bei PV-Anlagen zu erfragen. Das Beratungszentrum in der Weststadt befinde sich noch in der Anfangsphase: „Wir hoffen auf ein gutes Gelingen und werden genau hinsehen“, kündigt Hardt an.

„Klimaschutz vor Denkmalschutz“, ist die Parole von Grünen und „Für Esslingen“. Carmen Tittel (Grüne) verweist auf einen Gemeinderatsantrag ihrer Partei vom November 2021. Die Gesamtanlagensatzung sollte dahingehend geändert werden, dass PV-Anlagen grundsätzlich genehmigt und nicht grundsätzlich abgelehnt werden: „Der Antrag ist im Gemeinderat noch immer nicht entschieden.“ Durch die Montage von Solaranlagen werde ein Denkmal nicht beschädigt: „Die Anlagen können rückstands- und beschädigungsfrei wieder entfernt werden.“ Es würden also keine bleibenden baulichen Veränderungen vorgenommen. „Klimaschutz zuerst“, meint auch „Für ES“. Wohnungsbau dürfe nicht auf Kosten der Umwelt vorangetrieben werden, betont Diley Toy. Forderungen nach einer „energetischen Modernisierung des Wohnungsbestandes“ und einem beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energieversorgung würden begrüßt: „In Esslingen gibt es Zehntausende von Dächern, die nicht unter Denkmalsschutz stehen und sofort mit Photovoltaikelementen bestückt werden müssten.“

Freiheit fordern die Liberalen. Rena Farquhar (FDP) macht sich für Besitzer und Mieter denkmalgeschützter Gebäude stark. Durch Auflagen, Vorschriften und hohe Investitionen seien sie finanziell ohnehin stark belastet. Daher dürfte ihnen nicht auch noch der Wunsch nach einer Solaranlage auf dem Dach und damit möglicherweise billigerem Strom verwehrt werden. Allerdings sollte auf einen mit der Umgebung optisch möglichst verträglichen Einbau geachtet werden. Zudem würden nur etwa zwei Prozent aller Häuser im Land unter Denkmalschutz stehen – daher wäre der Beitrag zur Klimawende eher gering. Darum sollte nach Alternativen gesucht werden. Beispiele dafür wie etwa Photovoltaik an Autobahnen gebe es viele.

Die Fraktionen und Solarenergie

Neckarwiesen
Die Linke im Esslinger Gemeinderat setzt bei dem geplanten Solarpark in den Neckarwiesen in den Stadtteilen Oberesslingen, Zell und Sirnau auf Dezentralität: Solarmodule auf möglichst jedem einzelnen Dach seien einer großen Photovoltaikanlage vorziehen, meint Tobias Hardt.

Vorschriften
In Esslingen sind laut Carmen Tittel (Grüne) nach der Gesamtanlagensatzung auch Anlagen auf allen nicht denkmalgeschützten Gebäuden verboten. Das müsse sich ändern. Solaranlagen müssten auf Dächern nicht denkmalgeschützter Häuser grundsätzlich ermöglicht werden.

Flächen
Rein von den Flächenvolumen her gesehen, so meint Nicolas Fink (SPD), habe die Installation von Solaranlagen auf Dächern großer Gewerbegebäude wie Einkaufszentren und Baumärkten eine größere Wirkung als die Installation auf Dächern von Gebäuden in der Esslinger City.