Kaas (links) und Bartek von der Stuttgarter Band Die Orsons am Küchentisch der fiktiven Philosophen-WG im Hegel-Haus. Die beiden machen einen Philosophen-Podcast. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Was Hegel wollte? Nicht viel weniger als alles! Hin zu jungen Leuten holen die Orsons den Weltgeist-Hero vor dessen 250. Geburtstag. In einer Philosophen-WG im Hegel-Haus machen’s die Rapper vor: Der Spaß am Denken verleiht Flügel.

Stuttgart - Warum Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der im August 1770 in Stuttgart im heutigen Hegel-Haus unweit des heutigen Tagblattturms möglicherweise im Dachgeschoss (so genau weiß man es nicht) geboren ist, immer noch wichtig ist? 2020, im großen Hegel-Jahr zum 250. Geburtstag des bedeutendsten Philosophen des 19. Jahrhunderts, werden Lobeshymnen und Ehrenbezeugungen ohne Ende erklingen. Wer dann im Überfluss der Zitate nur Bahnhof versteht, holt sich den Hegel-Satz vors geistige Auge, der seit 1993 die Fassade des Bonatz-Baus mitten in Stuttgart ziert: „. . . dass diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist.“ Und er sollte keine Furcht davor haben, mal was aus den Schriften des Vor- und Querdenkers nicht zu verstehen.

Viel wichtiger nämlich ist, dass man selbst was denkt, nicht nur auf Oberflächlichkeiten wandelt, sondern in Tiefen vordringt. Man kann den gut versteckten Sinn des Lebens nutzen, sich gerade seinetwegen seinen Kopf gehörig zu zerbrechen.

Hegel hat seinen schwäbischen Dialekt nie abgelegt

Wo geht dies besser als rotweintrinkend am Küchentisch einer WG? Die Stuttgarter Rapper Bartek und Kaas von der Erfolgsband Die Orsons, die zuletzt die Porsche-Arena zum Ausflippen brachten, hocken im ersten Stock des Hegel-Hauses vor Rotweingläsern, deren roter Bodensatz dick verklebt ist.

„Äbbes und äbbes anders“, sagt der 1985 in Breslau geborene und in Stuttgart aufgewachsene Bartek auf gut Schwäbisch und beugt sich zum Kollegen Kaas hin, mit dem er einen Philosophen-Podcast macht.

Bei „Äbbes und äbbes anders“ handelt es sich um ein Original-Hegel-Zitat. Dem Musiker gefällt, was vom Philosophen-Gott überliefert ist: Seinen schwäbischen Dialekt habe dieser nie abgelegt und bei Vorträgen „äbbes“ und nicht profan „etwas“ gesagt, was nicht jeder seiner Zuhörer verstanden hat. Doch wer gibt schon offen zu, dass er Hegel nicht versteht?

Stets am 14. Juli wurde eine Flasche Champagner geköpft

Wenigstens verstehen viele zu gut, warum der große Sohn der Stadt stets am 14. Juli einen Champagner geköpft hat. Als Fan der französischen Revolution feierte er den Sturm auf die Bastille. Im Gewölbekeller des Hegel-Hauses, wo als Zwischennutzung bis zum Aufbau der neuen Ausstellung die detailgetreu eingerichtete Philosophen-WG sehr originell Besucherinnen und Besucher zum Fläzen, Stöbern, Hocken und Lesen lockt, kann die legendäre Schampus-Flasche berührt werden.

„O Hegel, du saufst dir gewiss no dei bissle Verstand vollends ab!“ Dieses Zitat soll aus einer frühen Männer-WG im Stift von Tübingen stammen. Als Theologiestudenten lebte Hegel mit Hölderlin und Schelling zusammen – drei Denker unter einem Dach, die in langen Nächten des Diskutierens und Becherns das Weltbild erneuerten. Ob es bei ihnen Streit um den Abwasch oder um Frauen gab, ist nicht überliefert.

Die Ausstellung im Hegel-Haus wird nach 28 Jahren erneuert

Auf heutige WG-Zeiten übertragen ist in Hegels Geburtshaus an der Eberhardstraße 53 die neue Schau #geistesblitz, die Leiterin Christiane Sutter am Donnerstag vorgestellt hat. Vor 28 Jahren ging hier das Museum an den Start, das bald multimedial umgebaut wird – rechtzeitig zum 250. Geburtstag des Meisters im Sommer 2020. In der Zwischenzeit hängt in der nachgestellten Küche mit Dreckteller in der Spüle nun für die Philosophen ein Putzplan, der festlegt, wer wann sich kümmern muss um Müll, Bad, Wohnzimmer und „Bier kaufen“.

Rapper Bartek fühlt sich sichtbar wohl in dieser Kulisse. Bei der HipHop-Ausstellung im Stadtpalais hatte der dortige Chef Torben Giese die Orsons gefragt, ob sie nicht Lust hätten, zum 250. Geburtstag von Hegel den schwer zu knackenden Philosophen für junge Leute greifbar zu machen. Natürlich hatten sie Lust. „Wer sich mit Hegel befasst, ist überrascht, wie viel er einem 20-Jährigen sagen kann“, findet Kaas.

Mit einem Philosophen-Slam und einer Kellerparty hat das Hegel-Haus den Unesco-Welttag der Philosophie gefeiert. Allein die Frage, was Philosophie ist, die Liebe zur Weisheit, kann selbst schon zur philosophischen Frage werden. Was ist vernünftig? Was darf ich hoffen? Woher komme ich? Was soll das alles?

Die Orsons sind mit Feuereifer dabei

Das Bedürfnis wächst, die Welt zu verstehen. Das Leben ist mehr, als einfach nur da zu sein – zumindest für die, die dank Philosophie lernen, auf wackligem Boden vorwärtszukommen. Die Orsons sind mit Feuereifer dabei. Das Nachdenken über Sein und Schein festigt Freundschaften und kann überraschend gut tun. Wer zu Existenzielles zurückfindet, lässt sich von der Hektik mit Fake-News und Scheinproblemen nicht so leicht aus der Bahn werfen.

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